Wollensnormen

Dezember 4, 2017 / 5 — 6min read / 2 Comments

Vor einem Jahr habe ich das Projekt Blog gestartet. Nun ist es Zeit Bilanz zu ziehen. Und mildernde Umstände walten zu lassen für das, was man Leben nennt.

{Press Play before Reading for Intense Poetry Mode On}

Seit etwa einem Jahr hämmere ich nun schon mehr oder weniger tapfer in die Tasten und versuche mir regelmäßig von der Seele zu schreiben, was brennt, und auch was herdet. Ein Jahr schon ist es her, seitdem ich meine persönliche Poesie zum ersten Mal auf einem Blog zum Besten gegeben habe und nun ist es Zeit Bilanz zu ziehen. Ich habe im letzten Jahr viele neue Aspekte über Außen- und Innenansichten meiner selbst gelernt. Zum Beispiel habe ich gelernt, dass ich nie zufrieden bin. Egal, wie schlecht oder gut es auch kommt, immer wäre noch mehr möglich gewesen. Immerzu kann ich noch schneller, noch sinnvoller, noch stilsicherer sein. Immer passt da noch ein bisschen mehr in meinen Tag. Und immerzu ist er in mir, dieser unstillbare Lebenshunger, dieser unsinnige Sensationsdurst, dieser ewige Appetit aufs große Abenteuer Leben.

 

Ehrgeiz ist nur eine besondere Form der allgemeinen Menschensehnsucht nach Glück.

Paul Heyse

Wir müssen nur sollen

Doch warum eigentlich muss immer noch mehr gehen? Wieso nicht auch einmal stehen bleiben, stillstehen, sich eine Pause erlauben oder vielleicht sogar einmal ein paar Schritte zurückgehen? „Wake Up“, „Live now“, „Life is a sequence of moments called now“ oder „Let go of the past“ – ich fühle mich schon so infiltriert von fremden Gedanken, von all diesen Glaubenssätzen, dass ich schon gar nicht mehr weiß, welche richtig und welche falsch und wie viele davon eigentlich wirklich meine eigenen sind. Ich habe das Gefühl, dass unser Leben immer mehr von Sollensnormen bestimmt wird. Mittlerweile sollen wir schon so viel sollen, dass wir vor lauter Sollen mit dem Wollen gar nicht mehr hinterherkommen. „Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens“, „Nutze den Tag“, „Erlebe jede einzelne Sekunde wie einen einzigen Rausch aus Reiz und Reaktionen“ – mein Facebook Newsfeed liest sich wie das Dekret einer Motivationssekte. Mit dem Ergebnis, dass ich durch die Gegend peitsche wie ein vom Gewissen gebeutelter Windstoß. Nicht auszudenken, was ein Tag Pause uns alles kosten könnte! Eine Stunde Stille, eine Sekunde Seelenzerstreuung – ich sehne mich danach. Und fühle mich gleichzeitig wie ein Ebenbild der Erbsünde, gierig nach der Genusssucht, unendlich gierig nach dieser unbefriedigten Trunksucht des Geistes. Während jeder Moment, der mit dem verbracht wird, was ich wirklich will, sich anfühlt wie ein verschwendeter. In mir entsteht allmählich der erschreckende Eindruck, dass unsere ganze Gesellschaft zu einem einzigen Kompensationsmodell verkommen ist. Alles, was wir tun, dient dem einzigen Zweck, das davor getätigte auf irgendeine verworrene, reversible Art und Weise wieder zu kompensieren. Das zwölfte Stück Sushi vom Mittagstisch wird am Abend am Stepper wieder verbrannt, während die geistlose Zeit körperlicher Tüchtigung mit einem Audiostream aktueller Politdebatten schon gesühnt wird, noch bevor wir überhaupt unter die Dusche steigen, wo der Kopf nicht eigentlich im Rieselregen von heute, sondern schon im Sonnenaufgang von morgen steckt. Vollgequollen von Fragen, die nicht etwa verzweifelnd nach der Antwort suchen, wie wir den nächsten Tag erleben wollen, sondern wie wir ihn überstehen sollen. Wie sollen wir es überstehen, dieses Pflichtprogramm an Sollensnormen? Wie werden wir es wohl morgen wieder anstellen, selbstbewusst, pflichtbewusst, umweltbewusst, gesundheitsbewusst, körperbewusst, gesellschaftsbewusst, bildungsbewusst und – nicht zu vergessen – politisch korrekt durch den Tag zu schreiten? Wie werden wir es überstehen? Werden wir es überstehen? Und wollen wir es überhaupt überstehen, während wir doch in Wirklichkeit manchmal nicht mehr wollen als eine gemütliche Stunde authentischsten, abstoßendsten Müßiggangs?

 

 

Denn viele Menschen sind selber Intervalle und Pausen in der Symphonie des wirklichen Lebens.“

Friedrich Nietzsche

Mildernde Umstände

Ich kann keine Antwort finden, auf so viele Fragen. Ich kann mich nur entziehen, weil ich nicht Teil sein will einer solchen Wiedergutmachungsgesellschaft. Ich will kein Leben, dass eine Folgesequenz ist, „a sequence of moments called now“, ist. Ich will ein selbst bestimmtes Leben. Ich will heute entscheiden, dass ich nichts tun will, und morgen sagen können, dass ich produktiv darin war. Weil ich das, was ich wollte, mit absoluter Konsequenz verfolgt habe. Und es mir gut getan hat. Genauso will ich aber einen ganzen Tag lang arbeiten können, ohne vor dem Chorus der Generation Selbstverwirklichung dafür gerade stehen zu müssen, warum ich gerade nicht aus allem Vollen in meiner persönlichen Weiterentwicklung erblühe. Und an manchen Tagen will ich sogar so unvernünftig sein, dass ich mich völlig in der Vergangenheit verliere und mich zurücksehne in dieses verblichene Gebilde aus Gewesenem. Ich will nicht immer im Jetzt leben, weil ich nicht ausschließlich Jetzt bin. Ich bin Gestern, genauso wie ich Heute und Morgen bin – und ich will selbst bestimmen, wann und zu wie vielen Teilen ich welches davon bin.

Was das alles mit meiner Bilanz zu tun hat? Sie wird versöhnlich. Versöhnlich gegenüber den Dingen, die ich nicht geschafft, die ich nicht geleistet, die ich nicht geliefert habe. So wird aus meiner Bilanz statt einem unerbittlichen Urteil ein mildernder Umstand, ein gütiger Rückblick: nicht etwa auf das was, ich sollte, sondern auf das, was ich in jeder einzelnen Sekunde meines Werdens auch wirklich und wahrhaftig wollte.

 

Ein großes Dankeschön an Eva von Placevaventura für die wundervolle Gabe, die Vorgänge im Inneren stets visuell präzise auszudrücken.

2 Comments

  1. mimi'shoneypot

    on Dezember 5, 2017 at 8:27 am

    Liebe Rafaela, ein Text der mich wirklich zum Nahdenken gebracht hat. Ich bin aufgestanden und quäle mich schon jetzt mit dem SOLLEN. Ich sollte produktiv sein, zum Sport gehen, noch etwas erledigen, anstatt diese 5 Miniten Stille in meiner Wohnung zu genießen, das Nichtszun. Wir sind ständig unzufrieden, es geht noch immer mehr. Wollen statt Sollen…heute will ich ich rin Buch in die Hand nehmen und einfach nur lesen, obwohl es so viel zu erledigen gebe und ich sollte dies und das machen. Aber ich WILL nicht…lg Nikolina

    • Phoetry

      on Dezember 5, 2017 at 8:31 am

      Liebe Nikolina – Wow, Wahnsinn, es ehrt mich, dass dich mein Beitrag zum Nachdenken angeregt hat. <3 Dankeschön. Und ich kann dir nur gratulieren. Ist es nicht verrückt, dass wir ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir denken, dass wir heute einmal nur etwas für uns tun? Wer sagt eigentlich, dass das richtig oder falsch ist? Und trotzdem fühlen wir uns schlecht dabei. Schluss damit! Ich finde es großartig, dass du dich dazu entschlossen hast heute zu lesen - weil es produktiv ist, weil es dich bildet, weil es dich persönlich weiterentwickelt, weil es deine Fantasie anregt, weil es dich vielleicht auf eine Information stößt, die etwas in dir in Bewegung versetzt und alles in eine völlig neue Richtung lenkt, eine, in die du vielleicht unbedingt gehen musst, um anzukommen, wo du hingehörst. Ich wünsche dir also viel Freude beim Lesen. Tu, was du willst! Es ist dein Leben. Und deshalb ist es richtig so. <3

      Deine Rafaela

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