Lieber lieben

November 11, 2016 / 7 — 9min read / No Comments

Liebe kann passieren – ganz ohne Gedankenkaskaden, dafür mit Kitsch, Pauken und Herzensschlag. In „Widerfahrnis“ zeigt Bodo Kirchhoff wie es geht.

„Kein erster Kuss gelingt, ohne dass man sich selbst übertrifft. Aber wo wären wir ohne etwas Selbstüberschätzung – jeder wäre nur in seinem Gehäuse, ein Flüchtling vor dem Leben.“

Bodo Kirchhoff

 

Liebe widerfährt einem. Es ist nichts, was wir suchen, und noch seltener etwas, was wir wirklich finden können. Manche forschen ihr ganzes Leben nach ihr, dieser einen Weltenliebe. Viele geben sich mit weniger zufrieden. Und andere wiederum sehen sie zum Modewort verkommen, das zwischen den großen Themen der Welt längst zum kitschigen Geschwulst verkümmert ist. Aber warum eigentlich?

„Warum?“, das ist auch die Frage, die Bodo Kirchhoff in seiner neuesten Novelle „Widerfahrnis“ ins Zentrum des narrativen Geschehens stellt. Der Protagonist Reither steht am Ausklang seines Lebenssonettes. Der Verlag ist verkauft, die Frau vergrämt und das gemeinsame Kind durfte gar nicht erst geboren werden. Geleitet von Vernunftentscheidungen, die zwar den Verstand, nicht aber das Herz stillen, entschließt sich Reither zu einem Ende als Einsiedler. Die Lebensnacht verbringt der ehemalige Verleger in einer Wohnung, die zwar zu klein zum Erfinden, aber groß genug zum Denken ist. Ein sicherer Hort, der keinen Spielraum lässt für ein Durchdrehen der Fantasie. Der perfekte Ort für ein genügsames Pensionsdasein, in dem man an der Mattigkeit der Farben nicht gebricht. „Denn das wahre Gebrechen, es sitzt in den Gedanken, nicht in den Knochen“, beschreibt Bodo Kirchhoff das Wesen der Phantasmagorie an passender Stelle so deutlich.

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Wenn Liebe widerfährt

Trotzdem – selbst der Scharfsinn ist nicht sicher von den weichen Verklärungen der Liebe. So auch im Falle von Reither, dem die Liebe eines Nachts einfach widerfährt, als Leonie Palm kurz vor der Mitternachtsstunde in sein Leben huscht. Auch Leonie leidet an der Absurdität des Lebens, daran, dass Träume manchmal einfach nicht zur Zeit passen wollen. Ihre Männer sind gegangen, genommen, oder wie sich das Schicksal eben sonst am eigenen Gleichgang bedient, der Hutladen verschlossen, das eigene Kind verloren an die Ungerechtigkeit der Welt. Beide sind zusammen allein, als sie sich kennenlernen. Und so nimmt der natürliche Lauf der Gepaartheit seinen Fortgang.

Leonie beschließt Reither in ihr Leben mitzureißen und bricht noch in der schüchternen Nacht des ersten Kennenlernens mit ihm ins Unbekannte auf. Die Gescheiterten steigen in Leonies Auto und erkunden alle nur erdenklichen Grenzen – die des Landes, die der Lebensgeschichte, die der Liebe, die der Menschlichkeit. Es dauert nicht lange und die ersten, scheu gedachten Gedanken gegenseitiger Empfindungen platzen auf wie die Rotweinwolken am Abendhimmel. Reither wiegt Leonie in seinen Augen in allen Formen, die sie für ihn annehmen kann – Leonie, deren Name ihrem Gesicht wie entnommen war, nicht wie aufgedrückt; Leonie, Frau im Charakter, Frau im Körper, Frau im Geschlecht und Frau im Kalkül; Leonie, steter, sicherer Beifahrer, immer da, immer nah im Blickfeld und zumindest nicht entschwindend; Leonie, die Mutter, die Ehefrau, Exfrau und das gute Ende der Geschichte. Ebenso erfindet Leonie eine Liebesgeschichte, Zweisamkeit, Gemeinsamkeit, Umarmung in aller Agonie und Schändung der Seele. Und weil die Erfindung so schön ist, so wohlwollend klingt, lassen beide die Geschichte zu, in Gedichtform sogar.

„Die hereinziehende Luft war schon mild oder fühlte sich so an, letztlich dasselbe, aber er hätte es gern unterschieden: Wie warm war es tatsächlich, und wie warm war es ihm, das wäre dann ein Anhaltspunkt, ob ihm etwas den Kopf verdreht hat – eine der Wendungen, die man in Büchern jüngerer Schreiber schon vergeblich suchte, als käme es auch nicht mehr vor, dass einem der Kopf verdreht wird.“

Bodo Kirchhoff

 

Wie Liebe widerfährt

Die beiden romantisieren sich bis in die engen, verwinkelten Gassen Italiens hinein, wo es eigentlich schon fast zu eng, zu platzarm wird dafür – bis sie einem Flüchtlingsmädchen begegnen, das sprachlos ist in ihrer Gegenwart, weil es kein Verständnis geben kann zwischen diesen Sternensystemen aus verschiedenen Sprachen. Doch das Mädchen, der zurückgefundene Verlust, bringt gerade durch sein Schweigen Störung in dieses im Stillschweigen beschlossene Abkommen von Zweien, die gemeinsam leiden – und erzeugt dadurch ein Rauschen, das so ohrenbetäubend ist, dass es alles Erfundene zu zerdröhnen droht.

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Warum Liebe widerfährt

„Widerfahrnis“, herausgegeben von der Frankfurter Verlagsanstalt, drückt das Thema Liebe in einer seltsam eigenen Tragikomik aus. Bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, ob Liebe oder doch Leiden das Thema der Geschichte ist – bis mir klar wurde, dass manchmal beide Begriffe dasselbe meinen können. Liebe ist sich selten einig mit denen, die sie fühlen wollen. Sie entsteht aus dem Kontext, aus dem Drehbuch, das man selbst ihr gibt, und nicht aus der Literatur, aus den Filmgiganten, die in unserer Lebenswelt mehr kraterhaften Kleinoden gleichen. Doch am Ende etabliert sie sich immer als Liebe. So auch im Falle von Leonie und Reither. Ihre Liebe ist zwar eine Lösung, ein Licht, das nur aus einer gemeinsam empfundenen Tragödie, aus zweisamem Leiden, entsteht, dennoch ist es Liebe. Eine Liebe, die gerade so erfrischend ist, weil sie nicht fragt nach dem Warum, dem Woher, nach ihrem eigenen Sinn und Widersinn. Sie wird nicht erklärt und noch weniger verstanden. Sie drückt sich nur aus mit allem Kitsch, der ihr gebührt, der ihr auch angemessen ist:

„Das Lieben, das Vergehen darin, alles Schmelzen, er hatte es immer vermieden und dafür Bücher gemacht, die davon erzählten, jedes durch seinen Stift so verschlankt, so ausgedünnt, bis nichts mehr darin weich war, faulig, süß, nur noch Sätze wie gemeißelt, ohne die Klebrigkeiten, die Widerhaken der Liebe, all ihr Unsägliches.“

Bodo Kirchhoff

Am Ende lehrt die Geschichte sogar noch etwas – und zwar, die Liebe nicht zu hinterfragen. Denn immer dann, wenn wir im wahnhaften Zweifel das Warum aus ihrem Wesen reißen möchten, zersetzen wir sie bis zur Unkenntlichkeit, weil wir ihr unser eigenes Unverständnis aufzwingen. Diese Wahrheit veranschaulicht Bodo Kirchhoff in der Verbindung zu dem Flüchtlingsmädchen, die Paul durch sein ständiges Nachfragen, Nachhaken, Nachkunden zu einem zarten Faden ausdünnt. „Warum sprichst du nicht? Warum gibst du uns nicht zumindest ein ja, ein Nein, ein Nicken nur?“ Das Stillschweigen, das auf diese Fragen dröhnt, lässt zu viel Spielraum für Interpretationen, für den eigenen Wahnsinn. Und führt deshalb zu einer Antwort, die keine ist, weil wir sie uns selbst gegeben haben.

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Vielleicht sollten wir uns also ein bisschen mehr an Bodo Kirchhoff, oder auch an Goethe halten, wenn es um die Interpretation von Liebe geht, die sich unserem Verständnis entzieht, wenn wir sie nicht zerstören wollen: „Man suche nur nichts hinter den Phänomenen: sie selbst sind die Lehre.“

Letzten Endes führt alles Nachforschen nur zu Zerstörung. Kein Blatt hat jemals in der Schönheit seiner Struktur unter dem Mikroskop bestanden. Vielleicht wäre uns so auch der erste Satz des Buchs erspart geblieben, ein Satz, der von einer Liebe spricht, die eine ist, weil sie passiert, weil sie ist, wie sie ist, weil sie einem dann, wenn man sie nicht will, und auch nicht nach ihr fragt, einfach widerfährt.

Resümee: Absolut empfehlenswert fürs Herz, der Kopf darf sich beim Lesen ruhig einmal ausblenden. Für alle, die nichts gegen ein wenig Kitsch zwischen den Zeilen haben – für Kitsch, der wie Kitt klebt an einer Geschichte, die zu einfach ist für den Verstand, den ewigen Zweifler. Und der sich sicher dennoch nicht unterfordert fühlt. Selbst ich konnte es fast glauben – und hab auch gleich das nächste Buch über Liebe in groben Zügen bestellt.

Lieblingswörter: Gehäuse, Nullwort, gestrüppumgeben; 

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