Weihnachtswunder

Dezember 22, 2017 / 8 — 10min read / No Comments

Sinnsuche, Lebenskrise, Liebesleiden – gegen schwere Gemüter können gute Bücher Wunder wirken. Welche Buchgeschenke ihr zu Weihnachten unbedingt machen solltet, um nicht einfach nur ein Päckchen, sondern ganze Botschaften zu verschenken.

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Es kommt mitunter vor, dass mich Freunde und Verwandte nach Buchempfehlungen fragen. „Welches Buch würdest du empfehlen? Du bist doch so belesen, dir fällt bestimmt etwas ein“, häufen sich die Konsultationen, wenn Weihnachten kurz vor der Tür steht, sich Geschenkideen aber ebenso wenig einstellen wollen wie die Stimmung. Umso unangenehmer ist es mir dann, wenn ich keine Antwort auf die oft in schierer Verzweiflung vorgetragenen Fragen geben kann. Um ehrlich zu sein, fällt es mir regelrecht schwer, eine passende Auswahl zu treffen. Denn kaum etwas ist mir so wichtig wie das geschriebene Wort. Das mag widersprüchlich klingen. Allerdings ist es sogar absolut plausibel. Bücher machen etwas mit mir, machen etwas mit jedem Menschen. Wenn ich also ein Buch empfehle, empfinde ich Verantwortung – Verantwortung dem Menschen gegenüber, dem ich es empfehle. Mit einer Bitte um einen Buchtipp konfrontiert, beginnt also ein abenteuerliches Karussell aus Fragen in meinem Kopf: Welche Botschaft will ich einem Menschen vermitteln? Welche Botschaft braucht dieser Mensch unbedingt, um in der Welt bestehen zu können? Welche Botschaft ist die richtige? Welche ist womöglich die Falsche? Was macht diese Botschaft mit einem Menschen? Und am wichtigsten überhaupt: Wer ist eigentlich dieser Mensch, dem ich die Botschaft vermittle?

Schwierige Fragen, wenn man davon ausgeht, dass man bis zu seinem Lebensende nicht zufriedenstellend herausfinden wird, wer man eigentlich ist. Wie soll man die Frage dann erst stellvertretend für jemand anderen beantworten? Für manche mag dieser Katalog aus Fragen vielleicht übertrieben wirken. Für mich ist er aber nicht weniger als angemessen. Denn in Büchern suche ich weder nach Geschichten, Wundern, noch nach Fantastereien, sondern nach der Wirklichkeit. Denn in Büchern suche ich in erster Linie nach mir. Kaum ein Buch vermag mich so zu bewegen, wie eines, in dem ich mich selbst zwischen den Zeilen erkennen und sagen kann: „Ja, das bin ich. Das ist meine Geschichte. Und ich will wissen, wie sie weitergeht.“

 

Buchgeschenke mit Botschaft

Solche Bücher gibt es. Und auch, wenn es schwierig ist, einen Allsatz auch nur für ein einzelnes davon zu formulieren, so möchte ich doch tatsächlich versuchen, rechtzeitig zu Weihnachten einige davon zu empfehlen. Geordnet sind sie – nach diesem ausgedehnten Vorspann nicht schwer zu erraten – nicht nach Genre, sondern nach Charakteren. Eine kompakte Leseliste fürs Leben, die nicht nur zu Weihnachten Bedeutung beschert, sondern ein ganzes Leben lang währt. Fest versprochen.

 

Für Liebestolle

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, Milan Kundera

Wer sich nach Liebe verzehrt, ohne zu wissen, was Liebe eigentlich ist und warum man sich überhaupt ständig danach sehnt, sollte dieses Buch nicht unberührt lassen. Viele Menschen in meinem Leben leiden unter dem Umstand des Alleinseins, während andere das Zusammensein in Frage stellen. Und auch ich habe die Farbgebungen beider Zustände in intensivster Tönung erlebt. Mit seinem wohl bekanntesten Werk hat mich Milan Kundera nicht nur gelehrt, was Liebe ist, sondern vor allem auch, was sie nicht ist. Ein gegenseitiges Besitzenwollen, ein beidseitiges Beherrschen, eine Beziehung bloß zum Selbstzweck. „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, ein Buch, das tröstet, weil es begreiflich macht, warum auch das Schwere seine Berechtigung hat.

Diese Liebe ist selbstlos: (…) Sie hat sich niemals die Fragen gestellt, von denen die Menschenpaare gequält werden: Liebt er mich? Hat er jemand anderen mehr geliebt als mich? Möglich, dass all diese Fragen, die sich um die Liebe drehen, sie messen, erforschen, untersuchen und verhören, sie auch schon im Keim ersticken. Möglich, dass wir nicht fähig sind zu lieben, gerade weil wir uns danach sehnen, geliebt zu werden, das heißt: weil wir vom anderen etwas wollen (die Liebe), anstatt ohne Ansprüche auf ihn zuzugehen und nichts als seine Gegenwart zu wollen.

Milan Kundera

 

Für Wortvernarrte

„Nachtzug nach Lissabon“, Pascal Mercier


„Dass Worte etwas bewirken, dass sie jemanden in Bewegung setzen oder aufhalten, zum Lachen oder zum Weinen bringen konnten: Schon als Kind hatte er es rätselhaft gefunden, und es hatte nie aufgehört, ihn zu beeindrucken. Wie machten die Worte das? War es nicht wie Magie?“
Steigt man erst einmal mit Mundus Gregorius in den Nachtzug nach Lissabon, dann steigt man nie wieder aus. Ich trage dieses Buch in mir, seit ich es vor drei, vier Jahren zum ersten Mal gelesen habe. Ich habe noch nie zuvor so viel Sprachschatz in einer einzigen Geschichte gesehen. Sprachvermögen wird in diesem Buch nicht nur auf Inhalts- sondern auch auf Textebene geehrt. Manche Sätze in diesem Buch waren so schön, dass ich sie laut lesen musste, um den Klang, den sie in mir erzeugt haben, auch in der Welt wiederklingen zu lassen. Es wäre zu schade gewesen, wenn die Zeit darauf hätte verzichten müssen. „Nachtzug nach Lissabon“, ein Buch für alle, die gerne Sprache spüren, und sich einmummen wollen in dem weichen Gefühl, dass sie mitunter auf den Lippen hinterlässt.

 

Für Suchende

„Gut gegen Nordwind“, Daniel Glattauer

Viele Menschen fragen mich nach einem Buchtipp und meinen damit keinen Buchtipp für mich, sondern einen Buchtipp an sich. Sie suchen nach diesem einen Buch, von dem sie wissen, dass es sie nicht enttäuschen wird. Ein Buch, das nicht zu schwer ist, aber dennoch anspruchsvoll. Ein Buch, das packt, aber nicht bindet. Dieses eine Buch, das allen gefällt, aber doch irgendwie besonders ist. Und – das eine lange Geschichte erzählt, ohne allzu lang zu sein. Genau dieses Buch habe ich in Daniel Glattauers Erfolgsroman, „Gut gegen Nordwind“, gefunden. Es ist eines der wenigen Bücher, von dem ich mit absoluter Sicherheit sagen kann, dass es jedem gefallen wird, der es liest – weil es irgendwie wir alle sind. Und weil es so wunderbar möglich ist. So möglich, dass man fast hofft, es passiert einem selbst. „Gut gegen Nordwind“, eine Neuinterpretation von „E-mail für dich“, mit literarischem Anstrich, und sinnlicher Botschaft – und, für alle, die nicht aufhören wollen, sogar mit einem zweiten Teil.

 

Für Ausbrechende

„Unterwegs“, Jack Kerouac

Dieses Buch pulsiert wie ein sehnsüchtiges Herz, das im Begriff ist, seine Sehnsucht endlich zu stillen. Es gibt kaum ein Buch, das so viel Bewegung enthält, so in Bewegung versetzt, wie „Unterwegs“. Mich hat ein Gefühl unbändiger Freiheit und Möglichkeiten überfallen, als ich es gelesen habe. Zu verdanken ist das nicht zuletzt dem Schreibstil, der klingt, als hätte jemand verzweifelt versucht, das richtige Wort für „Bebop“ zu finden – und seine Suche über 382 Seiten ausgebreitet. Ihr kennt jemanden in eurem Umfeld, der sich verzweifelt nach Veränderung sehnt, aber noch dringend gestoßen werden muss? Dann schenkt dieses Buch – es wird definitiv den letzten Anstoß geben.

 

Für Vergangenheitsbesessene

„Der große Gatsby“, Francis Scott Fitzgerald

 

Menschen, die sich an der bloßen Vorstellung berauschen, werden vom großen Gatsby betrunken sein. Das Buch ist sicher jedem ein Begriff und irgendwie kennen es alle, doch haben es lange nicht alle gelesen. Dieses goldene Fest der Literatur enthält so viele Botschaften, dass es fast schwierig ist, sie auf einige wenige zu reduzieren. Doch glaube ich ganz fest, dass „Der große Gatsby“ eine einzige Ode an die Gegenwart, wenn nicht an die Zukunft, ist. In Gatsby werden all jene die Schönheit der Gegenwart wiederfinden, die sich in der Vergangenheit verloren haben. Ein Buch, das Wegweiser sein kann, wenn man sich in der Vergangenheit verheddert hat. Literaturfanatiker werden sich auch daran erfreuen, wie die Geschichte verpackt wurde. Jede einzelne Zeile klingt vergoldet, irgendwie wertvoll, irgendwie reich. Und vergoldet – obwohl sie in der Vergangenheit spielt – auch das gegenwärtige Zeitalter. Auch das eigene.

 

Für Sinnsuchende

„Grashalme“, Walt Whitman

Ihr kennt jemanden, der sich nicht nur in einer akuten, sondern sogar einer chronischen Sinnkrise befindet? Dann schenkt ihm mit Walt Whitman einen Ausweg. Ich kann gar nicht genug betonen, wie viel Licht mir dieses Buch in meinen dunkelsten Stunden gespendet hat. Walt Whitman verherrlicht – das Leben, die Liebe, das Sein. Und schmäht gleichzeitig alle, die Verrat an sich selbst begehen, indem sie verkennen, wie viel Wunder das Leben, wie viel Wunder schon ein einziger Grashalm birgt. Mit diesem Buch schenkt ihr wesentlich mehr als nur ein Buch. Ihr schenkt Zuversicht, Hoffnung, Anfang, Gegenwart und Zukunft – kurzum, ihr schenkt Liebe. Und das ist wohl ohne Widerspruch das schönste Geschenk, das wir im Begriff sind zu geben. Wobei ein gutes Buch sicher auch nie schaden kann.

 

Zuletzt rate ich auch unbedingt noch dazu die Buchgeschenke mit einer persönlichen Widmung zu versehen. Ich schreibe immer gerne in die ersten Seiten, warum ich ein bestimmtes Buch ausgewählt habe und was ich – nicht etwa der Autor – mit diesem Buch mitteilen will. Sich Gedanken zu machen kann auch ein Geschenk sein. Um ehrlich zu sein, ist ein einfacher Gedanke manchmal alles, was zählt.

 

Ich wünsche euch und all euren Lieben frohe, bedeutungsvolle Weihnachten, ein besinnliches Fest und die Fähigkeit, sich an dem zu erfreuen, was da ist, anstatt dem nachzuhängen, was war – und dadurch den Moment zu verpassen.

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