Vom Ende der Einsamkeit

Februar 14, 2018 / 6 — 8min read / No Comments

Es war Liebe auf den ersten Blick und führte mich dennoch auf Irrwege. Warum das Leben kein Nullsummenspiel ist, entblättert Benedict Wells in einem Meisterwerk der zwischenmenschlichen Beziehungen.

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Das Problem an der Vergangenheit ist, dass sie so schrecklich präsent ist. Sie verschwindet nie ganz, ist immer da – und klebt an allen Dingen wie ein störrischer Gedanke aus Gewesenem. Es ist kein Zufall, dass mich diese Weisheit ausgerechnet am Valentinstag erfasst. Denn ausgerechnet am Valentinstag habe ich auch meine Affäre mit Benedict Wells und seinem besten Stück beendet: „Vom Ende der Einsamkeit.“

Fairerweise muss ich dazu sagen, dass ich von seinen anderen Stücken noch nicht so viel gesehen habe. Doch „Vom Ende der Einsamkeit“ war wohl so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Einen zweiten werde ich dennoch wagen. Denn Benedict Wells behandelt mit seinem Prachtexemplar ein Thema, das uns zuweilen alle betrifft. Am allermeisten betrifft es uns allerdings zum Valentinstag. Denn egal wie sehr wir uns dem Kitschigsten aller Kalendertage auch zu entziehen versuchen, irgendwie bürdet er sich uns doch immer auf. Und lässt uns wahlweise mit dem bitteren Beigeschmack zurück entweder ein kitschvernarrter Schwachkopf oder ein frustrierter Kopfgreis zu sein. Beides ist nicht sehr schmeichelhaft. Daher wollen wir unserer geistigen Umnachtung doch einmal gemeinsam mit Benedict Wells auf den Grund gehen. Eine Anleitung weder zum Unglücklich- noch zum Glücklichsein, sondern schlichtweg und einfach zum Sein:

 

 

Vom Ende der Einfachheit

Jules Moreau, ein selbstbewusster, kleiner Kerl, verliert seine Eltern im frühen Kindesalter. Kurz nach dem tragischen Autounfall werden Jules und seine Geschwister Marty und Liz auf ein Internat geschickt, wo sie erfolgreich an der Verdrängung des Verlebten arbeiten können. Denn während Jules sich immer mehr in sich selbst zurückzieht und sich seinem Leben mehr von der Zuschauerwarte aus widmet, verlieren sich Liz und Marty in ihren Rollen als Hauptakteure. Liz erforscht die Grenzen von Bewusstem und Selbstbewusstem in einem Rausch aus Drogen und menschlicher Verschwendungssucht. Marty bindet sich vom Computer- bis zum Beziehungsprogramm an das Prinzip der Beständigkeit. Doch fortwährend vollziehen sie Wandel. Denn während sie als Kinder noch klassische Klischees – vom Rebell, über den Streber bis zur zukünftigen Ballkönigin – erfüllen, verwischen sich die Konturen der erwachsenen energisch. Bis sie schließlich zur unausweichlichen Frage führen: „Wer bin ich? Und wäre ich ein anderer, wenn alles anders gekommen wäre?“

 

„Dann kennst du ja dieses Gefühl, wenn das Leben von Anfang an durch etwas vergiftet wurde.“

Benedict Wells

 

 

Es ist dies wohl die Schlüsselfrage, die das Buch aufwirft. Denn von keiner anderen werden Inhalt und Figuren so bestimmt wie von ihr. Jules wirkt stets wie ein Verlorener, der nicht nur den Weg nicht mehr findet, sondern das Ziel gar nicht kennt. Zumindest jedoch gibt es Fluchtpunkte. Fluchtpunkte wie Alva, seine erste, große Liebe, die wie Lichtpunkte in sein Leben leuchtet und ihm den Weg weist. Flackernde Lichtpunkte zwar, denn nichts ist so unstet wie die Beziehung zu Alva, doch zumindest Lichtpunkte in einer schwarz vernebelten Sicht aufs Leben, wie Jules sie darauf wirft. Immer wieder stellt er die große, brennende Frage nach der eigenen Existenz. Lebt in einem anderen Leben, in einem, zu dem es nie gekommen ist. So gestaltet er sein Leben in dem Gefühl, ein falsches zu führen. Denn wären seine Eltern nicht gestorben, so wäre er glücklich, wäre er richtig, wäre er er. Wäre er der, der er hätte sein sollen. Bevor all das passiert ist. So sieht er sich selbst stets in Parallelexistenzen, in den Leben, die er gelebt hätte, wenn das Schicksal nicht so ganz ohne Gnaden mit ihm gewesen wäre.

 

„Zu Hause erwartete mich Stille, ein mir seit Jahren vertrautes Geräusch. Doch wie sehr war mir diese Einsiedlerexistenz inzwischen zuwider, diese Unfähigkeit am Leben teilzunehmen. Immer nur geträumt, nie wirklich wach gewesen.“

Benedict Wells

 

 

Richtig oder falsch?

Spätestens hier muss man beginnen, Parallelen zu ziehen. Denn gerade wenn es um die Liebe geht, erliegen wir dem Charme der Versuchung. Gemeint ist nicht die körperliche, sondern die geistige Versuchung, einen wehmütigen Blick zurückzuwerfen. Nicht wenige von uns verbringen den Valentinstag mehr mit den Geistern der Vergangenheit als mit denen ihrer Gegenwart. „Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Wäre mein Leben anders verlaufen, wenn ich bei ihm geblieben wäre? Wäre ich nicht ein glücklicherer Mensch, wenn sie mich nie verlassen hätte? Und würde ich nicht ein völlig anderes Leben führen? Würde ich nicht das richtige Leben führen? Das Leben, das eigentlich für mich vorgesehen war?“ – so oder ähnlich klingen die Gedankenexperimente, die manche von uns nicht nur zum Valentinstag, sondern ihr ganzes Leben lang aufschlagen. Dabei ist es doch gerade dieser Trugschluss, der uns in ein falsches, weil in ein nicht gelebtes Leben leitet. Es ist dieser Trugschluss, der uns in die Rolle des ewig Aushaltenden drängt, dem immer nur widerfährt, der nichts selbst erfährt. Und es ist genau dieser Trugschluss, den wir auflösen müssen, wenn wir nicht zum Stillstand kommen wollen. Denn wer glaubt, er sei eigentlich falsch, da, wo er ist, wird sich unweigerlich in einer Zwickmühle wiederfinden. Zurück kann er nicht. Vor will er nicht. Also kann er nur stehenbleiben. Und abwarten, was ihm passiert.

Jules ereilt diese Erkenntnis, bevor es zu spät ist – und er trifft eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die ihn nach Jahren der Trennung zurück zu Alva führen wird. Alva, die inzwischen verheiratet ist mit dem russischen Schriftsteller Romanow. Was von hier an passiert, müsst ihr selbst herausfinden. Wichtig ist, dass ihr zwischen den Zeilen lest.

 

 

Wegweiser Wells

Was ich von dem Buch mitgenommen habe, möchte ich euch aber insbesondere heute nicht vorenthalten. Es gibt ebenso wenig einen richtigen Weg wie es einen falschen gibt. Es gibt in erster Linie einen Weg, nämlich meinen Weg. Und genau diesen Weg müssen wir unbeirrbar verfolgen. Und vor allem müssen wir ihn gestalten. In ewiger Dankbarkeit an all das, was uns jemals widerfahren ist. Weil es uns zu dem macht, was wir sind. Und zumindest ich für meinen Teil kann behaupten, dass ich niemand anderer sein will, als der, der ich bin. Vielleicht kann ich etwas an meinem äußeren Umstand ändern. Doch mein äußerer Umstand kann mich nicht ändern. Und mit dieser Erkenntnis im Herzen wische ich die Wehmut nicht nur aus dem Valentinstag, sondern aus meinem Leben – dem einzigen, das ich habe. Und dem einzigen, das ich will.

„Ich bin es, wenn ich zulasse, dass meine Vergangenheit micht beeinflusst und ich bin es umgekehrt genauso, wenn ich mich ihr widersetze. (…) Dieses andere Leben in dem ich nun schon so deutliche Spuren hinterlassen habe, kann gar nicht mehr falsch sein. Denn es ist meins.“

Benedict Wells

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