Verwirrung der Gefühle

April 17, 2017 / 6 — 8min read / No Comments

„Schreiben Sie mir oder ich sterbe“ – mit mehr als 70 Liebesbriefen läutert ein melancholisches Sammelwerk aus dem Piper Verlag das Herz.

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Liebe. Es ist fast schon anmaßend einen Text darüber zu schreiben. Denn wie viele weisere Köpfe als meiner haben dieses Paradoxon des Herzens schon durchdacht? Aristoteles erforschte die Interessensliebe, Platon predigte philosophische Philanthropie und Shakespeare erbrach sich geradezu in süßen Schwaden aus Sinnlichkeit. Kein Gebiet ist weniger Wissenschaft, und doch wurde keines mehr erforscht – bei gleichzeitig kleinem Erkenntnisgewinn. Denn wenn wir uns auch noch so sehr annähern an diese Studie spektraler Empfindung, so bleibt sie doch nie mehr als eine Grenzwissenschaft. Ein Mysterium für die, die sie ergründen, ein Wunder für die, die sie empfinden und ein Fluch für die, denen sie sich entzieht. Selbst nach all den Nachforschungen, die mein groteskes Hirn schon zu ihr angestellt hat, kann ich nach Jahren der intellektuellen Selbstzerfräsung nicht mehr behaupten, als wesentlich weniger über Liebe als über Nichtliebe gelernt zu haben.

 

„Mein Herz verlangt mehr Aufregung, als irgendjemand in der Lage ist zu geben. Niemals ist es die Liebe, die ich mir erträumte.“

Denis Diderot

Klar, vieles Weises haben mir meine Buchväter mitgegeben. Paulo Coelho zum Beispiel hat mir den Unterschied zwischen Lieben und Besitzen erklärt. Milan Kundera hat die Komplikationen, die die körperliche Komponente mit sich bringt, bis zum puren Unlustempfinden paraphrasiert. Und Jane Austen lehrte, dass eine echte, leidenschaftliche Liebe ohne Verzweiflung und das gewisse Etwas an Wesensvergärung nicht auskommt.

„Habe ich dir schon von meinen fiebrigen Liebesanwandlungen erzählt und von den enttäuschten Hoffnungen, von meiner unermüdlichen Suche, die immer wieder ins Leere führte, ins Nichts; von meinen Tränen der Wut, von meinen ohnmächtigen Schreien und meiner wahren und tiefen Verzweiflung?“

Sarah Bernhardt

 

„Die Hindernisse sind das, was die Liebe erst interessant macht“

Sarah Bernhardt

How can you mend a broken heart?

Doch auch mein eigenes Leben hat mir Lektionen erteilt – und glaubt mir, es war ein sadistischer Lehrer. Doch wie kann man trotz all ihrer Desillusionierungstendenzen die Demut vor der Liebe bewahren? In einer Zeit, in der einem die Suche nach der Spiegelung des eigenen Selbst so selbstverständlich vorkommt wie ein Tinder Match nach der Leidenslektüre des jungen Werthers? Die einzige Antwort, die mir darauf einfällt, ist die, die ich Al Greene geben möchte, wenn er mir in vertonter Selbstverzweiflung die Soulfrage ins Ohr trompetet: „How can you mend a broken heart?“ Ich weiß es nicht! Ich weiß es ebenso wenig, wie ich weiß, wie man den Frühling davor wahrt, dass der Regen verwässerte Stimmung in seine Glücksamphoren gießt. Was ich aber weiß, ist, dass man sich trotz Ernüchterung, trotz Enttäuschung, trotz sich am Boden windender, das Herz zerkrümmender, den Kopf zersägender Verzweiflung, den Glauben an die Möglichkeit erhalten muss.

„Es gibt die Liebe, die erhebt und zum Guten führt: und es gibt die Liebe, die jeden Willen, jede Kraft, jede Bewegung des Verstandes lähmt. Dies ist die wahrste, aber sicherlich auch die verhängnisvollste.“

Eleonora Duse

 

Wenn selbst Sartre die Worte fehlen

Allen, denen das mindestens genauso schwer fällt, wie sich samstags um sieben Uhr Früh an einer Osterratsche zu erfreuen, kann ich das Buch „Schreiben Sie mir oder ich sterbe“ aus dem Piper Verlag empfehlen. Der Band birgt mit Liebesbriefen berühmter Frauen und Männer nicht nur ein probates Mittel gegen die Begleiterscheinungen der Liebe. Denn wer vor lauter Wolkesiebenschweben die Bodenhaftung verliert, findet seine Erdung in dem Liebeslexikon genauso schnell wieder wie der Realitätsverdrossene seine Fantasie.

 

Dieses sakrale Sammelwerk der Liebe, das einem einen das Herz zerschindenden, ehrlichen Einblick in die Emotionswogen großer Charaktere gewährt, dehnt den Liebesbegriff in alle möglichen Motivdimensionen aus. Mehr als 70 Dokumente paraphrasierter Ambivalenz birgt das zum Buch gebundene Verbalaphrodisiakum. Darunter finden sich Absender wie Voltaire, George Bernard Shaw oder Gustave Flaubert ebenso wie Empfänger mit Namen Fitzgerald, Victor Hugo oder Pierre Curie. Ihre Worte sind so verschieden wie die Demutszustände, die sie beschreiben wollen. Dennoch scheint ihnen eines gemeinsam zu sein: Wenn es um die Liebe geht, zwingt die Unfähigkeit sich auszudrücken selbst einen Sartre in die Knie. Dabei mangelt es den Wortakrobaten nicht etwa an schriftstellerischer Dressur. Viel mehr sind es Fragen adäquater Ausdrucksnatur, die die mit Poststempel versehenen Begattungsversuche bis zur Sprachparalyse beugen. Ein Phänomen, das nicht verwundert, bedenkt man, dass auch ich in dem Versuch, den Inhalt des Liebeslexikons mit eigenen Worten zu beschreiben, von einer totalen Denkblockade befallen bin.

 

„Ich will nicht mehr „süß“ sagen, ich werde bei der Berliner Akademie um Vermehrung der zärtlichen Adjektive einkommen – ich leide solchen Mangel daran“

Sigmund Freud

Die Liebe wirrt eben. Selbst Sigmund Freud hat sie vom Lesen abgehalten – ein Kuriosum übrigens, das sich aus der Lektüre ebenso wie ein altmodisches Mittel gegen Liebeskummer erschließt: König Heinrich VIII. zum Beispiel ließ seine Frau Anne nach begangenem Ehebruch kurz entschlossen enthaupten – für heutige Verhältnisse erscheint dieses Tonikum aus Rachsucht vielleicht ein wenig überdosiert , doch mit Liebeskummer geht schließlich und endlich jeder Mensch auf seine Art und Weise um.

Doch auch zu großen Gefühlsbekundungen, Komplimenten und Kommentaren des Herzens befähigt die Liebe ihre Propheten. So ergießen sich neben Denis Diderot und Beethoven selbst Klardenker wie Friedrich Nietzsche in Liebesschwüren. Einen kleinen Trost für alle, die in Zeiten des Online Datings schon Opfer von Ghosting geworden sind, spenden die Anekdoten ebenfalls. So ist die Kränkung durch Funkstille keineswegs ein Phänomen des 21. Jahrhunderts und wurde von Schriftstellerin Rahel Levin schon 1799 dokumentiert: „Wie ist dir, lieber Karl? Da Schweigen tausend anderem Schweigen so ähnlich ist, als sich die Worte sind, die nichts von dem ausdrücken, was in mir vorgeht, so will ich wieder reden. Ich will Dich bloß fragen, wie es Dir möglich ist, mir nicht mehr zu schreiben. (…) Warum bist Du denn so verstockt? (…) Wenn Du noch ein Mensch bist, schreibe mir gleich.“

Doch ist sie nun möglich, die Liebe? Ist sie überhaupt erstrebenswert? Die Antwort darauf bleibe ich euch auch nach der Läuterung, die siebzig Liebes-, Fleh- und Bekenntnisbriefe, in mir verursacht haben, schuldig. Doch worauf ich nach der Lektüre von „Schreiben Sie mir oder ich sterbe“ zumindest vertraue, ist, dass die Liebe ihre Verwirrungszustände Wert ist. Denn mag ihre Geschichte auch noch so vergänglich sein, die Gefühlsspur, die sie in uns hinterlässt, ist nicht weniger als die Geburtsstätte der Kunst – ist der Anfang von Bildern, Gemälden, Kompositionen.

Manche Liebesgeschichten sind eben keine epischen Romane, manche sind Kurzgeschichten. Und einige Liebesgeschichten sind so kurz, dass sie nur aus einem einzigen Brief bestehen. Und dennoch ist jede einzelne von ihnen Wert erzählt zu werden.

 

„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.“

Albert Einstein


Titel: „Schreiben Sie mir oder ich sterbe“, Liebesbriefe berühmter Frauen und Männer
Verlag: PIPER Verlag
Seiten: 296 Seiten
ISBN: 978-3-492-05794-3
Infos: www.piper.de

 

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