Ungefiltert – Teil II

November 30, 2018 / 5 — 7min read / No Comments

Willkommen in Boboville. Wie man den Kaffee im zweiten Bezirk zu trinken pflegt, habe ich zwischen Mochi und Millenium City ergründet.

Letzte Woche zog mich meine ambitionierte Kaffeehaustour in den zweiten Bezirk, oder auch „Leopoldstadt“, wie er so schön genannt wird. Nachdem ich im ersten Bezirk praktisch einer Kulturstarre erlegen bin – das Korsett mancher Kaffeehausbesucher ist hier enger verschnürt als ein Seemannsknoten – war ich neugierig, wie sich mir die Kaffeehauskultur im zweiten Bezirk darbieten würde.

Um einen originalgetreuen Ausschnitt aus der lokalen Kaffeehausszenerie zu schneiden, verlangt es mitunter tiefgründigster Recherche. Eine Auswahl aus drei Kaffeehäusern zu treffen ist gar nicht so einfach, wenn das Etablissement nicht nur schön, sondern auch noch kulturell wertvoll sein soll. Denn Kunst und Kultur entsprechen nicht immer dem klassischen Schönheitsideal, was den Impressionisten zum Weltruhm, dem Café Einfahrt hingegen zum Verhängnis werden sollte. Dazu aber später mehr.

Um Vergangenheit und Gegenwart in Einklang zu bringen, habe ich mich vor allem im Laufe meiner letzten Tour dazu entschlossen, nicht nach der Wiener Kaffeehaustradition, sondern nach ihrer Innovation zu suchen. Die Frage lautet also nicht länger: „Wie sieht die Vergangenheit heute aus?“, sondern viel mehr: „Wie sieht heute heute aus? Wie erlebt der Wiener seinen Maria Theresia, seine Melange oder eben seinen Matcha Latte im Hier und Jetzt?“ Dadurch wird die Auswahl erlesen wie eine kolumbianische Kaffeeernte, und entspricht vielleicht nicht immer dem klassischen Klischee der Kaffeehauskultur.

Wer jetzt noch nicht ausgestiegen ist, und mit mir in die Tiefen und Untiefen der Kaffeehauskultur eintauchen will – und es gibt ihrer viele – dem stelle ich den zweiten Bezirk am Bildnis meines Pioniergeistes vor. Dieses Mal hat es mich in drei voneinander völlig verschiedene Welten verschlagen. Charakteristisch Leopoldstadt eben, denn wo Knotenpunkte auf Brennpunkte treffen, wo Palais Augarten und Praterstern, Viertel Zwei und Volkertmarkt, Mochi und Millenium City so originell kontrastieren, wie es nur in Wien passieren kann, ist die Diversität zu Hause.

Supersense

Wenn am Nachbartisch zuerst die Eulersche Zahl, und dann der Vormerkschein fürs Wohnen im Gemeindebau erörtert wird, hat man mit ziemlicher Sicherheit einen Sitzplatz im Supersense ergattert. Das Supersense ist nicht nur Palast der Parallelgesellschaft direkt auf der Praterstraße, sondern auch der einzig verbliebene Ort in Wien, an dem ein weiches Ei immer noch ein weiches Ei ist. Hier mischen sich Kaffeeduft und Blitzlicht, Fetawürze und Schallplattensound, Digitalentzug und Druckerschwärze unter ein Publikum, das diesem Sinnesmix in nichts nachsteht. Gäste aller Generationen kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Im Supersense wird die analoge Welt in Form von Letterpress Workshops, Schallplattenstudio, FüllfedernFlaschengenerator und einer der größten Polaroidkameras der Welt konserviert.

Weihnachtsgeschenke finden sich hier in magischster Vielfalt. Besonders begeistert bin ich von den Smell Memories, dem Denkarium der Wirklichkeit. Die Idee basiert auf einem einfachen, biologischen Prinzip: Die Geruchspfade im Gehirn kreuzen sich laut Wissenschaft mit der Region, in der das Gedächtnis verortet ist. Kurz gesagt, Gerüche erzeugen Erinnerungen. In den Glasphiolen des Smell Memory Sets sollen Gerüche enthalten sein, die in der Natur nicht vorkommen. Erlebt man etwas Einzigartiges, so öffnet man die Phiole, inhaliert ihren Duft, verewigt das Erlebte als Geruch im Gedächtnis und ruft die Erinnerung später durch wiederholtes Schnuppern am Emotionsparfum wieder ab. Das Supersense ist ein Café für alle Sinne. Das einzige, was dem schmucken Dogenpalast noch fehlt, ist laktosefreie Milch und – so paradox es scheinen mag – die Offenheit für Fotos. Etwas unwirsch war die Reaktion, als ich darum gebeten habe, kurz ein Foto vor der reizvollen Rückwand des Café schießen zu dürfen. Die emsige Mitarbeiterin hätte ihre Schlichtarbeit nur um ein paar Schritte verlagern müssen – dennoch war die Reaktion etwas pampig. Schade um das verlorene Fotomotiv, wo hier doch der Wert der Erinnerung so hoch gehalten wird.

Werkbuchcafé

Mehr produzieren, weniger konsumieren – diesem Anspruch wird wohl das Werkbuchcafé nahe am Karmelitermarkt mehr als gerecht. Die Do It Yourself Perle der Bohnenszene habe ich nur durch einen Zufall entdeckt. Nachdem sich das Café Einfahrt als atmender Raucherschlund entpuppt hat, haben wir uns kurz entschlossen einer anderen Straßenecke zugewandt – und gefunden, was wir als Antihelden der Upcycling Szene niemals gesucht haben: das Werkbuchcafé. Schmerzvolle Erinnerungen kamen auf, als ich die unzählbaren Bücher über Strickmützen, Chiasamenpeelings und Windeltorten, die hier in den Regalen schlummern, mit meinen Augen durchstreifte. Als absolutes Antitalent der handwerklich Begabten – ich verweise an dieser Stelle an das anmutige Ballkleid, das ich in Schulzeiten für eine Modenschau entwerfen musste und das mehr an ein weichblaues Luftschiff als an ein Kleid erinnerte – verzagte mir der Mut. Bei einer Tasse Tee, die in dieser kleinen, selbst gestrickten Welt in der Haidgasse nebst Kaffee und Keksen angeboten wird, erzählte mir die Besitzerin aber, dass im Werkbuchcafé auch regelmäßig Workshops stattfinden. Bücherbinden, Balsambrauen, Blaufärben – hier gibt es nichts, was man mit der richtigen Einstellung sowie Koffeindosis nicht lernen kann. Sicher auch eine nachhaltige Geschenkidee für die Weihnachtszeit.

Café Augarten

Von Boboville zum barocken Prachtgarten – so weit der Plan, der uns ins Café Augarten entführt hat. Der kunstvolle Schwung ins Kulturethos ist hier aber nicht ganz gelungen. Die Küche – vom Serbischen Reisfleisch bis zum Tiroler Speckknödel – wird im Café Augarten etwas hilflos unter dem Behelfsbegriff „Kronländer Küche“ zusammengefasst. Die bewusste Kulturdurchmischung empfinde ich allerdings eher als eine Ausrede für ein wahlloses Durcheinander. Der Tee wird zwar vor Augarten Porzellan, aber aus Depot Steinguttassen serviert. Die Architektur mutet asiatisch an. Ebenfalls ein Charakteristikum, das ich mir nicht erklären kann. Das Service hingegen war exquisit und makellos wie eine Porzellanballerina aus der Manufaktur Augarten. Der Tee war Tee – nicht mehr, und nicht weniger. Für alle, die das filigrane Porzellan aber aus nächster Nähe bestaunen wollen, ist das Café Augarten sicher eine Empfehlung.

 

Meine Tour im Dezember wird mich, wie schwer zu erraten ist, in den dritten Bezirk entführen. Über eure Vorschläge für einen Versuch freue ich mich in den Kommentaren!

Vielen Dank an dieser Stelle an Eva von Placevaventura für ihre unbeugsame Geduld und Wetterfestigkeit, mit der wir trotz widrigster Witterung diese wundervollen Fotos geschossen haben.

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