Ungefiltert – Teil I

Oktober 3, 2018 / 6 — 9min read / No Comments

Kaffeehausbummeln, erster Teil: Der schöne Schein. Zum Tag des Kaffees bin ich in die Wiener Kaffeehauskultur der Inneren Stadt eingetaucht. Kulturschock inklusive.

{Press Play before Reading for Intense Poetry Mode On}

Bitterstoffe musste ich vor kurzem in der Wiener Innenstadt verkosten. Anlässlich des Tag des Kaffees, der sich jedes Jahr aufs Neue recht ergiebig in meine Social Media Feeds ergießt, wollte auch ich mir diesmal die Tiefenrecherche nicht entgehen lassen. Beseelt von dem Wunsch, Wiener Kaffeehauskultur und deren holzig, herben Gerüche zu atmen, begab ich mich ins Stadtzentrum. Die Idee, die in meinem kreativen Gewächshaus entstanden war, sah vor, dass ich von nun an Monat für Monat jeweils drei außergewöhnliche Kaffeehäuser aufsuchen würde, um die schönsten Plätze zum Schreiben, Denken und Melancholisch-aus-dem-Fenster-schauen, aufzuspüren.

Beginnend mit dem ersten Bezirk, sah der wohldurchdachte Plan vor, mich jeden Monat auf neues Milieu und damit auf eine Feldstudie vom 1. bis zum 23. Bezirk zu wagen. Von der Wollzeile bis zum Schlingermarkt, vom Café am Hof bis zum Tratscherl in Floridsdorf, wollte ich nichts auslassen. Und eine Feldstudie sollte es werden. Denn spätestens nach meinem ersten Kulturschnuppern in der Inneren Stadt kann ich behaupten, dass die Vielfalt der Kaffeearomen nur noch von der Vielfalt an Klassenklischees übertroffen wird, die hier vorherrscht. Und so wurde aus dem ursprünglich verblümten Versuch, Wiens Kaffeehausszenerie in einer illustren Blogger Bilderbuchreihe zu beleuchten, ein einziges Sozialexperiment. Doch lest selbst, wie ich den Clash der Kulturen erlebt, durchlebt und überlebt habe, wo meine Reise begonnen hat und wie dadurch meine Serie, die mich schonungslos von Bezirk zu Bezirk führen wird, entstanden ist.

Kaffee ist das schwarze Öl, das allein diese fantastische Arbeitsmaschine immer wieder in Gang bringt.

Honoré de Balzac

Café Diglas

So manch einem mögen die rosaroten Wölkchen nicht entgangen sein, die horizontal in der Wollzeile 10 hinter den Fensterscheiben schweben. Bei den drolligen Bäuschchen handelt es sich nicht etwa um alte Tutus aus der Staatsoper, sondern um die Lampenschirme des Café Diglas. Dass das Café mittlerweile in sechster Generation geführt wird, spürt, schmeckt und sieht man. Denn die viel zitierte, doch nur selten geglückte, Neuinterpretation des Klassikers, ist hier vom „Einspänner“ bis zu „Omas Ingwer Infusion“ mehr als gelungen. Weichzüngig mutet das Eierspeisbrot mit Kräutertopfenaufstrich, gebratenem Speck und Schnittlauch an. Der Café Latte verrät, in Milchkonstitution, zwar nicht viel über den Kaffee, doch die Milch zumindest schmeckte vorzüglich.

Die Klientel im Café Diglas ist durchwachsen. Hier ist vom Klischeetouristen bis zum Foodblogger auf Avocadobrot einfach alles vertreten. Doch genau das mag ich, denn hier fällt man nicht auf. Ein bisschen zwar, wenn man steif wie eine Schaufensterpuppe ein Sekunden Shooting inszeniert, oder krampfhaft probiert, belesen zu wirken, doch ansonsten verpufft man hier ungesehen im Sofamuff. Dass hier schon Heimito von Doderer verkehrt sein soll, glaube ich gern. Denn im Café Diglas hängen noch originärer Geist und Rauch vergangener Tage, in denen die Kaffeehäuser nicht nur Platz des Umtrunks, sondern auch des Austauschs waren. Interdisziplinär wird es übrigens zu später Stunde, wenn von 19:00 bis 22:00 Uhr fast jeden Tag ein Pianist tapfer in die Tasten klimpert. Der perfekte Ort, um unter Zuckerwatteschirmchen über die Lehren des Lebens zu sinnieren.

Café Neko

 

Habt ihr eine Katze? Oder mehrere? Wie die schlafen, Baby! 20 Stunden täglich können die schlafen und sind wunderschön dabei. Sie wissen, dass es keinen Grund zur Aufregung gibt. Die nächste Mahlzeit. Ab und zu eine Kleinigkeit zum Töten. Wenn es mich mal wieder zu zerreißen droht, schau ich einfach eine oder mehrere von ihnen an.

Charles Bukowski

 

Wer es mit Katzen ähnlich hält wie Bukowski, der darf auch als traditioneller Kaffeehausliterat schon mal im Café Neko in der Blumenstockgasse landen. Hier gibt es Matcha, Maronicreme und Maine Coones. Das belegte Brot mit Lachs und Thunfisch sollte aber mit Argusaugen bewachen, wer neben Moritz, Luca, Thomas, Sonia und Kurumi zu speisen pflegt. Denn bei Fisch werden die wandelnden Haarballen schwach. Ganz im Gegenteil zu dem Katzensnack, den ich mir einen ganzen Euro kosten ließ, um die Stubentiger zum Schnurren zu verführen. Der wird von Moritz und Luca, den Maine Coon Riesen, nämlich maximal missbilligend missachtet. Hochwürden Sonia, die schwarze Schönheit, begegnet meinem Freundschaftsangebot ebenso stoisch. Thomas hingegen büßt seine Würde schon nach wenigen Sekunden ein und frisst mir sofort aus der Hand.

Das Publikum im Neko ist eine Kurzgeschichte Wert. Alte Damen, die in dickbäuchigen Katern nach Gesellschaft und geduldigen Gesprächspartnern suchen. Cosplay Figuren, die sich beim näheren Betrachten plötzlich doch als echt erweisen. Verloren wirkende Poeten, die, mit Gedichtband in den Händen, vergebens ihre Realität aus Kratzbäumen, Katzenbüchern und Gittern vorm Fenster mit ihrer Idee abgleichen. Nicht zu vergessen, Eva und ich, die sich, mit Kamera und einem Kilo Notizbüchern beladen, skurril in die quietschige Szenerie einfügen. Eine Versuchung Wert soll im Café Neko das Vanillekätzchen aus der Backstube sein. Gekostet haben wir es trotzdem nicht. Das Original war süß genug.

Café am Hof

Hoch gepriesen wird es, das Café am Hof. Und ich muss zugeben, wer eintritt, muss sich unweigerlich erhaben fühlen. Ornamente, die um die Köpfe kreisen, konservieren den Geist der Wiener Moderne für alle Ewigkeit. Eine, zugegeben etwas eingebildete, Goldranke teilt den Salon vom Vorraum, durch den man das Am Hof betritt. Zerteilt fühlt man sich aber nicht nur durch die Raumstruktur. Auch die hochwohlgeborenen Gäste tun ihr Übrigstes dazu.

Während die Touristen wenigstens mit mir darin übereinstimmen, dass die Tortenauswahl im Café am Hof an Chocolat erinnert, scheint der Rest der Gäste in mir keine Entsprechung zu finden. Der Kellner, der seine prominente Klientel gefährdet sieht, bewacht meine Fotoaktivität mit Argusaugen. Besagte Prominenz suche ich vergeblich, es sei denn, im Café am Hof zählt man auch noch am Ende des Alphabets zur hochkarätigen Gesellschaft. Dann dürfte aber auch ich als Z Promi mein Persönlichkeitsrecht entehrt sehen. Schon nach kurzer Zeit wartet neben mir so etwas wie die Wiener Version der Geissens auf, die weniger Interesse an der Virginia Woolf in meiner Rechten, als an dem Modeschmuck auf meiner Linken hat.

Ich fühle mich unwohl, im Café Am Hof. Und obwohl hier vom Service bis zum Essen alles passt, und man wohl nirgendwo wichtiger in den Tag starten kann – die Eierspeise kommt hier mit Trüffeln – ist alles irgendwie künstlich, irgendwie nicht echt. Die Fiktion wäre wunderschön, würde man sie der Stille überlassen. Doch in so enger Atmosphäre, muss sich unweigerlich alles, was atmet und am Leben ist, gepresst anfühlen. Wer echte Wiener Kaffeehauskultur kosten will, ist hier an der falschen Adresse. Im Am Hof spricht man übereinander, nicht miteinander. Und hat damit das Wesen der Idee eigentlich schon verkannt.

 

Mein Resümee der ersten Kaffeehausrunde fällt bescheiden aus – ob der kulturelle Austausch der Kaffeehausliteraten tatsächlich noch existiert, wage ich zu bezweifeln. Geht man allerdings von einer seiner Grundideen aus, so eignet sich der Kaffeehausbesuch zumindest zu einer Tätigkeit wie zu keiner anderen: Sozialstudien lassen sich hier im Übermaß betreiben. Und bepudert mit Staubzucker und Schlagobers, lässt es sich hier in Gesellschaft eines guten Buchs manchmal trotzdem ganz gut aushalten.

Im November folgt Teil Zwei meiner Serie, der mich, wenig wunderlich, in den zweiten Bezirk entführen wird. Habt Ihr Tipps für mich? Ich freue mich über euer Feedback in den Kommentaren.

 

Danke an Fotografin Placevaventura für unnachgiebige Ausdauer von Beinen und Blase.

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