Ich bin keine Feministin, aber…

Oktober 7, 2018 / 6 — 8min read / No Comments

Wie ein kleiner Satz dein Leben verändern kann und warum auch du das Frauenvolksbegehren unterschreiben musst.


„Ich bin keine Feministin, aber…“
– wie oft habe ich mich diesen Satz schon sagen, und nicht meinen hören?
Wenn es um die Feminismusdebatte geht, halte ich mich gerne zurück. Das hat nicht etwa mit fehlendem Dogma zu tun. Viel mehr ist es einer Bequemlichkeit verschuldet, die mich vor Diskussionen mit erhöhtem Erregungspotential weichen lässt. Ich bin ein Mensch, der sich interessiert, informiert und bildet – in privaten Räumen. Und für sich. Politisches Engagement, dessen Ziel der Zwiespalt, nicht der Konsens ist, ist mir ein Gräuel und etwas, wovor ich mein melancholisches Temperament bewahren will. Doch das kann keine Lösung sein. Denn der Alltag, der durch genau diese Diskussionsunkultur entsteht, nimmt sich in Kritik ebenso wenig zurück wie ein erhitzter Gesprächspartner. Daher möchte ich mich heute ehrlich, echt und unverzerrt für etwas einsetzen, was mir wichtig ist: dem Frauenvolksbegehren.

 

 

Frauen waren jahrhundertelang ein Vergrößerungsspiegel, der es den Männern ermöglichte, sich selbst in doppelter Lebensgröße zu sehen.

Virginia Woolf

 

 

Selbstständig denken

Was mich früher kaum berührt hat, ist mir spätestens mit der Selbstständigkeit zum ständigen Begleiter geworden. Paradoxerweise hat sogar erst die Selbstständigkeit die Genderklischees enthüllt, mit denen ich mich an manchen Tagen von der Korrespondenz bis zum Geschäftsabschluss konfrontiert sehe. Es sind die Dinge, über die niemand spricht, die mich am meisten aufregen. Die Dinge, die sich immer nur auf der Ebene des Unausgesprochenen ereignen. Und spricht man sie doch aus, so ist man emotional, ist man unsachlich. Stößt man etwa den Gesprächspartner, der das vermeintliche Geschäftstreffen zu später Stunde dann doch zum Date verwachsen lässt, vor den Kopf, ist man plötzlich eine Fädenspinnerin, die unter falschen Vorwänden zur Verabredung verlockt hat. Dass Stapel aus Arbeitsmaterial, die seit Stunden in der Tasche schlummern, in diesem Szenario unbeachtet bleiben wollten, wird flüchtig übergangen. Und aufeinmal ist auch eine Geschäftsbeziehung undenkbar.

Werden persönliche Befindlichkeiten berührt, wird der Stolz geschändet, so ist eine weitere Zusammenarbeit mit Zukunftsperspektiven plötzlich völlig unmöglich. Eine Misere, wenn man mit einem Start Up in eine Wirtschaft einsteigt, in der in den Top 200 Unternehmen laut Statistik der Arbeiterkammer mehr als 90% Prozent aller Geschäftsführer, und damit aller Entscheidungsträger, Männer sind. Eine weitere Kennzahl, die bezeugt, dass das Frauenvolksbegehren uns alle angeht. Nicht nur die unselbstständigen, auch die selbstständig Wirtschaftenden. Gerade wir Frauen in Entscheidungsfunktion sollten auch eine Entscheidung fällen – für all die Frauen, all die Facetten von Weiblichkeit – die Ehefrau, die Mutter, die Teilzeitarbeitende, die Alleinerziehende, die Armutsgefährdete, die Schutzsuchende, die Benachteiligte, die Missbrauchte – die wir eines Tages vielleicht auch sind.

Nachfolgend führe ich noch einmal alle vom Frauenvolksbegehren geforderten Punkte im Überblick an. Unterschreiben könnt ihr das Volksbegehren noch bis Montag, 8. Oktober 2018, 20:00 Uhr, per Bürgerinnenkarte bzw. Handysignatur oder an jeder Gemeindebehörde, unabhängig vom Hauptwohnsitz. Übrigens auch unabhängig vom Geschlecht.

Die Forderungen im Überblick

Macht teilen

Wurdet ihr bei einem Vorstellungsgespräch schon einmal gefragt, ob ihr Kinder in eurer Lebensplanung vorseht? Ich schon. Immer sind Berechnung und Kalkül Hintergrund eines solchen Kreuzverhörs. Das Frauenvolksbegehren fordert eine Quotenregelung von 50% für ausgewählte Institutionen. Darüber hinaus will die Initiative wirksame Sanktionsmechanismen – für mich ist etwa Norwegen ein Vorbild, wo die Quotenregelung von 40 % schon seit 2006 in Kraft ist, und Unternehmen bei Regelverstößen sogar mit einer Zwangsliquidierung straft.

Geld teilen

Verhaltene Kollegen, die sich über die Höhe ihres Einkommens in Stillschweigen hüllen, sind auch mir wohlvertraut. Kein Wunder, denn laut Equal Pay Day, der dieses Jahr am 27. Februar 2018 festgemacht wurde, arbeiten wir Frauen im Gegensatz zu unserem Gegengeschlecht ganze 58 Tage im Jahr gratis. Volle Lohntransparenz sowie Einkommensgleichheit zwischen den Geschlechtern sollten keine Doktrin mehr, sondern Tatsache sein. Sind sie aber nicht. Unterschreiben verändert.

Arbeit teilen

Als Selbstständige kann ich von einer Vollzeitbeschäftigung von 30 Stunden pro Woche nur träumen. Doch das war meine bewusste Entscheidung, sie wurde mir nicht auferlegt. Trotzdem setze ich mich als Arbeitgeberin für weniger Teilzeitmodelle zugunsten eines zeitgenössischen Vollzeitmodells ein. Es gibt Statistiken, die belegen, dass bei sinkender Arbeitszeit die Produktivität und Arbeitsfähigkeit steigen und die Krankheitsfälle zurückgehen. Außerdem gehe ich davon aus, dass wir mit mehr Freizeit auch ein wirksames Gegenmittel für die Verstumpfung unserer Kultur erfinden. Mehr Zeit für Bücher, Museen und Musik – die Weiterentwicklung einer Persönlichkeit bedeutet gleichzeitig Weiterentwicklung einer ganzen Gesellschaft.

Armut bekämpfen

Meine Mutter war Alleinerzieherin mit zwei Kindern – das bedeutet Chancenungleichheit für Mutter und Kind. Ich kann aus persönlicher Erfahrung bezeugen, dass entweder die Karriere der Mutter, oder die Förderung des Kindes zu kurz kommt. Meine Mutter ist ein Wunder, der Mensch, von dem ich alles, was ich bin, gelernt habe – wie sich die Karriereeinschnitte durch Karenz und Teilzeitbeschäftigung aber auf ihre Pension auswirken werden, will ich mir nicht ausmalen. Und auch die persönlichen Entbehrungen, die man alleinerziehend mit zwei Kindern, Job und Liebe stemmend, in Kauf nehmen muss, müssen endlich abgegolten werden.

Wahlfreiheit ermöglichen

Kinder sind für mich kein Thema. Warum? Weil ich schon jetzt nicht weiß, wie ich noch mehr Arbeit in noch weniger Zeit zwängen soll. Undenkbar, dass ich mein Kind bis 13:00 Uhr vom Kindergarten abhole – genau bis zu dieser Deadline ist der Kindergarten in Niederösterreich nämlich kostenlos. Danach wird es im Einzelfall schon ziemlich teuer. Und wie man die Ferien überstehen soll, wenn keine Großeltern als Ganztagsbetreuung zur Verfügung stehen, ohne dass man das Kind zu zukunftsentscheidenden Meetings mitnimmt, ist mir auch ein Rätsel. Daher setzt sich das Frauenvolksbegehren unter anderem für die kostenlose Betreuung von Kindern bis zum 14. Lebensjahr ein – unabhängig von Wohnort und Erwerbsstatus.

Vielfalt leben

 „Jetzt bin ich Vorbild für meine Tochter. Fünf Kilogramm in fünf Wochen abnehmen“, plakatiert ein Sujet der Weight Watchers das aktuelle Woman Magazin. Erfahren habe ich von der Anzeige auf der Website des Werberats, auf der Beschwerden gegen Werbemaßnahmen eingereicht werden können. Die absolute Anmaßung dieser Anzeige zu diskutieren, dafür ist hier kein Platz. Dennoch unterstreicht sie einmal mehr, warum Werbungen und Marktstrategien, die Menschen in abwertender oder sexistischer Weise darstellen, reguliert werden müssen.

Selbst bestimmen

Ein Punkt, der polarisiert – Selbstbestimmung in Verhütung und Schwangerschaft meint auch die volle Kostenübernahme von Schwangerschaftsabbrüchen durch Krankenkassen. Gleichzeitig soll aber auch die Aufklärung zu einem neuen Status erhoben, und auch die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln durch staatliche Finanzierung möglich gemacht werden.

Gewalt verhindern und Schutz gewähren

Wie schnell man in schadhafte Abhängigkeitsverhältnisse gerät, ist mir aus Bekanntenkreisen bewusst. Der Ausbau von staatlich finanzierten Beratungsstellen und Zufluchtsinstitutionen sollte eigentlich keine Forderung mehr sein, sondern bereits fester Beschluss. Darüber hinaus besiegeln wir mit unserer Unterschrift auch die Chance auf eine gesetzliche Verankerung von frauen- und geschlechtsspezifischen Fluchtgründen – und schützen Frauen aus aller Welt damit vor Foltertraditionen in Entwicklungsländern, wie etwa dem Brustbügeln in Kamerun, oder der Verstümmelung durch Beschneidung.

Wer bis jetzt noch keinen Grund gefunden hat, ein Zeichen mit einer Unterschrift zu setzen, der sollte mit der Menschwerdung einfach noch einmal von vorne anfangen. Ich indes verbessere die Syntax, und verändere von nun an mein, „Ich bin keine Feministin, aber,…“ zu einem mutigen und überzeugten: „Ich bin Feministin, weil.“

 

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