Traumforschung

September 17, 2017 / 5 — 7min read / No Comments

Es ist ein Ross entsprungen – und mit ihm ein vergessener Traum. Wie mich ein Lipizzaner zurück zu verloren geglaubten Kindheitsträumen galoppierte.

 

Heute muss ich mir etwas von der Seele schreiben, denn heute geht es mir sehr schlecht. Weshalb? Das habe ich vergessen. Und genau darin besteht das Problem.

In den letzten Wochen erdrückt mich eine seltsam melancholische Stimmung. Zuerst dachte ich noch, dass mir mal wieder der Herbst die Seele aus dem Leib prügelt. Tatsächlich ist es aber etwas anderes, was mich bewegt. Um der Sache auf die Spur zu kommen, musste ich tief schürfen. Immerhin ist es in diesem ganzen Gewimmel aus Menschsein nicht immer ganz leicht, diese kleinen Teilchen, die sich auswachsen, und dann kratzen, in sich aufzuspüren.

Zwar brauchte es einige verklärte, verdrossene und auch weinertränkte Momente um die Antwort zu finden, aber schließlich fand ich sie doch. Interessanterweise lag sie in der Frage selbst. Denn die Frage: „Was will ich nicht?“ muss unweigerlich zu der weiteren, viel wesentlicheren Frage führen: „Was will ich?“  Und genau hierin besteht das metastasierende Grundübel der Sache. Denn was wir wollen, und was wir wollten, das haben wir alle längst vergessen. Es ist gestorben mit dem letzten Traum, den wir als Kind geträumt, und dem ersten, der uns als Erwachsener vereitelt worden ist.

„Wirklich reich ist der, der mehr Träume in seiner Seele hat, als die Wirklichkeit zerstören kann.“

Hans Kruppa

 

 

Make A Wish Foundation: Die Vorboten der Träume

Wirklich Bewusst wurde mir dieser verstörende Sog erst vor einigen Tagen bei einem Besuch in der Spanischen Hofreitschule. Wachgerüttelt wurde ich nicht etwa, weil ich mal wieder von einem Pferd gefallen war – der Aberglaube, ich könnte mich länger als ein „Hüa“ lang auf einem Pferd halten, war nach zweimaligem, aberwitzigen Aufsteigen gefolgt von zweimaligem , aberwitzigen Abfallen, schon in jungen Jahren aufgegeben worden – sondern wachgerüttelt wurde ich von einem Film. Um genau zu sein handelte es sich dabei um die Videopremiere des neuen Werbetrailers für die Make A Wish Foundation, die schwer kranken Kindern Herzenswünsche erfüllt. Der Film handelt von der Kraft von Träumen, von der Kraft von Kinderträumen, und ihrer einmaligen Befähigung Dinge in Bewegung zu versetzen. Übertragen wird die Botschaft von einem Hengst, einem weißen Lipizzaner, der durch Wälder, Sümpfe und schließlich sogar über die Reichsbrücke in Wien prescht, um sich dem Kind, aus dessen Traum er entsprungen ist, zu offenbaren. Das Video ist unglaublich bewegend, und ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ausschließlich Menschen an dem Projekt beteiligt waren, die aus mittelloser Überzeugung, nicht etwa aus vermittelter Überredungskunst, dafür gebrannt haben. Ein Nebeneffekt, der durch die Verknappung von Nächstenliebe mittlerweile selten genug geworden ist – und dennoch hat er sich ereignet.

Der Zusammenhalt all dieser Menschen hat mich tief berührt. Ebenso die Geschichte des Kindes, das im Urvertrauen darauf, dass alles gut werden wird, an seine Träume glaubt – und ausnahmsweise einmal nicht vom Leben enttäuscht wird. An dieser Stelle ein Danke, das nicht viel ist, und doch gleichzeitig alles, an all die magischen Menschen, die dieses Wunder nur für diesen einen, kurzen Moment eines kindlichen Augenglimmens möglich machen. Doch dieser Moment, exakt diese eine, kleine, glitzernde Kostbarkeit, die gefühlsverklärt wie eine Träne in den Augen eines Kindes kullert, ist jedes menschliche Entbehren wehrt. Ich kann euch auch sagen, warum: Nicht etwa nur, weil wir wissen, dass wir etwas Gutes getan haben. Sondern auch, weil es uns etwas Gutes tut. In diesem Moment, in dem alles um mich endlich einmal zum Stillstand gekommen war, erkannte ich mich selbst in den brennenden Augen dieses Kindes. Ich erkannte mich, alles was ich wollte, alles, was ich jemals sein wollte, und im Vergleich dazu, alles, was ich bin. Und ich war erschüttert. Wie weit hatte ich mich von dem, was sich mein kindliches Ich so tapfer für mich ausgedacht hatte, schon entfernt? Ich dachte zurück an dieses kleine Mädchen mit dem Lockenzopf und dem verzückten Mund, der irgendwie immerzu forsch in ihren Lippen gelegen war und gesagt hatte: „Wartet nur ab. Das Beste kommt erst noch.“ Ich dachte zurück an diese ersten, feinfühlig gekritzelten Aberwitzigkeiten in meinem ersten Arbeitsheft, das erste Mal, als ich mich an ein Buch wagte, und verstehen lernte, was der Begriff Erhabenheit bedeutete und bedeuten konnte, wenn man ihn ließ. Ein unfassbarer Lebensmut erfasste mich. Und gleichzeitig auch ein Gefühl unendlicher Enttäuschung. Verzweifelt suchte ich den einen Punkt in meinem Leben, an dem ich mich verloren hatte. Wo beginnt der Selbstbetrug im Leben eines Menschen? Und wo hört er eigentlich auf?

„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes.“

Salvador Dali

In dieser einen einzigen, fragilen Sekunde eines Kinderschauens, wurde mir schmerzhaft bewusst, dass ich mich selbst hintergangen hatte. Meinen eigenen Herzenswunsch hatte ich nie erfüllt. Und auch jetzt bewegte ich mich immer weiter weg davon als darauf zu. Doch das Schlimme daran war nicht etwa, dass ich meine Talente instrumentalisiert hatte. Dass ich versucht hatte, meine Wünsche zu verkaufen, zu vermarkten, sie in Geld, und Trott und Trostlosigkeit zu trampeln. Nein. Das Schlimme daran war, dass ich es noch nicht einmal bemerkt hatte. Denn wie die meisten anderen erwachsenen Menschen, die etwas sein müssen, bevor sie überhaupt wissen, was, hatte ich vergessen, wer ich eigentlich bin. Denn wer ich bin, definiert sich darüber, wer ich sein will. Und wenn ich vergesse, wer ich sein will, wie kann ich dann noch wissen, wer ich eigentlich bin?

Es war erstaunlich, was dieses eine Video in mir zum Vorschein und zur Wiederkehr gebracht hat. Ich sah diesen Film und ich hieß meine Träume wieder Willkommen – und mit ihnen den verbissenen Wunsch, es solle sich doch jeder Traum für jeden Menschen und jedes Kind auf dieser Welt unbedingt erfüllen. Wahrscheinlich werden wir darauf selten Einfluss haben. Und noch unwahrscheinlicher wird dieser innere Wunsch wohl jemals wahr. Doch zumindest für einige, kleine Menschen, können wir dieses Wunder wahr machen. Und in Anbetracht dessen, was uns Kinder geben können, scheint selbst dieses Geschenk seltsam sparsam, seltsam klein.

Aber seht selbst:

 

 

Danke an dieser Stelle an meine ewige Mit(st)reiterin Eva Kaiblinger für verträumte Fotos in einer gar nicht so traumhaften Zeit.

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