Reizüberflutung

August 12, 2018 / 4 — 6min read / No Comments

Social Media Konsum ist eine Geisteskrankheit. Nie zeigte der Mensch weniger Profil. Ein Aufruf zu einer neuen Kunst- und Geisteshaltung.

Dass dieser Text Promo für ein bevorstehendes, von mir veranstaltetes Event birgt, ist ein offenes Geheimnis. Doch an raffinierter Selbstvermarktung kommt ein Textmensch in einer Zeit der Textfragmente nicht vorbei. Dem Prinzip der Nachrichtenpyramide folgend, bringe ich es, mich mit meinen Lesern solidarisierend, gleich zu Beginn hinter mich: Am 8. September 2018 findet ein Golden Twenties Event der Superlative statt. Veranstaltet wird die schiere Gatsby Ekstase, die den erregenden Titel „Hilton Speakeasy. The Twenties Club“, trägt, im Hilton Vienna Plaza in Wien. Höhepunkte bilden Burlesqueshows, Barexzesse und Beatkaskaden.

Grundlegende Informationen zu dem Twenties Event sowie Tickets findet ihr hier. Hintergrundinformationen hingegen liefere ich euch in meinem exklusiven Beitrag. Nachdem ich mit „Hilton Speakeasy. The Twenties Club“ bereits mein drittes Twenties Event in Serie veranstalte, wurde ich vor kurzem mit der berechtigten Frage, „Was genau mich denn an den Zwanzigern fasziniere?“, beworfen. Die Antwort: „Dass noch alles möglich war.“

 

Das Leuchten in der Stille

Auch heute ist noch alles möglich, mögen viele meinen. So ist es aber nicht. Vor allem für Künstler finden sich immer weniger Nischen, in denen sie sich verwirklichen können – und finden sie sie doch, so bleibt immer noch die Frage, wie viel von sich selbst sie in dieser Nische auch tatsächlich verwirklichen wollen. Wir leben in einer Zeit der Reizüberflutung, in der es nicht darum geht, neue Reize zu setzen, sondern bestehende Reize zu übertrumpfen. Alles ist Kampf um Aufmerksamkeitskapazität. Selbst ein zwangloses Treffen mit Freunden steht konsequent der Störzentrale Smartphone gegenüber. Nicht nur einmal habe ich mein Innerstes offenbart, mein Intimstes preisgegeben, als die zärtliche Stille des Zwiegesprächs plötzlich vom zersetzenden Ton eines Smartphones zerbrochen wurde. Verlockend, vertraut und um so viel vereinnahmender, als es ein Meer aus Mir jemals sein könnte, folgte der kurze Griff aufs Handy fast ohne Ausnahme. „Ganz kurz nur“, oder „Rede weiter. Ich höre dir zu“, hieß es dann, während der ferne Blick in Wahrheit schon vom verwunschenen Leuchten aus dem Bildschirm behelligt wurde. Plötzlich wird das eigene Anliegen klein. Und die Seele zieht sich in sich selbst zurück.

 

Aus der Stille werden die wahrhaft großen Dinge geboren.

Thomas Carlyle

 

Vom Triumph der Simplifizierung

Die Zwanziger Jahre hingegen versprachen Aufbruch, Ausbruch aus der totalen Kulturerstarrtheit. Nach dem Krieg war wieder Raum für Kunst, Kultur und Seelenrauschen. Die Stille des Stillstands wurde durchbrochen vom Raunen der Saxophone und Trompeten. Unterhaltung, die forderte, anstatt zu unterfordern. Wo früher nichts zu viel war, ist heute nichts zu wenig. Wo früher die Komplexität regierte, herrscht heute die Einfachheit als einschlägige Prämisse der Zeit. Triumph der Simplifizierung nannte Standard Autor und Literaturkritiker Klaus Zeyringer dieses Verfallsphänomen vor kurzem, als er in einem erschütternden Beitrag dem Buchmarkt eine baldige Beerdigung prognostizierte. Eine Sargprozession, der ich nicht beiwohnen will, doch deren Ursache ich durch meine grenzenlose Gleichgültigkeit durchaus mitverantworte. Wie oft gebe ich einem Facebook Post vor einem Buch den Vorzug? Wie oft starre ich ins Leere einer Instastory, weil ich den Kopf hohl bekommen und die Welt durch den Filter der Verschönerung verkennen will? Wie oft flüchte ich mich in fremde Fantasien, in fremde Ideen und Gedankengebilde, anstatt eigene zu schaffen? Sehr oft. Um nicht zu sagen, viel zu oft.

Diese Maßlosigkeit des Konsums, diese Vorherrschaft der Flüchtigkeit und des Verfalls, sind in ihrer Form nicht einzigartig. Schon vor den Zwanzigern lehnte sich die kunstschaffende Gesellschaft gegen die unersättliche Dekadenz der Allgemeinheit auf. Naturwissenschafter, Geisteswissenschafter, Maler, Baumeister, Architekten und Literaten formierten sich im Fin de Siècle zu einer frommen Einheit gegen die völlige Sinnentleerung der Gesellschaft.

Aufruf zur Neuvernetzung

Eine Zeit, die mich zu neuen, mutigen Gedanken inspiriert hat. Die mich dazu inspiriert hat, Ideen zu produzieren anstatt sie zu konsumieren. Die mich dazu motiviert hat, neue Medien nicht als Feindbild, sondern als Chance zu betrachten. Die mich dazu angehalten hat, meine Mitmenschen einmal mehr zu mobilisieren und sich gegen die Vorherrschaft der Verblödung aufzulehnen. Die Frage lautet längst nicht mehr, ob wir Neue Medien nutzen. Die Frage lautet, wie wir Neue Medien nutzen. Geben wir unserer Omnipräsenz im Netz doch endlich einen Sinn. Nutzen wir unseren Verstand. Regen wir uns gegenseitig an. Führen wir wieder echte, lebendige Gespräche. Argumentieren wir statt auszuweichen. Lesen wir, erörtern wir, ergründen wir, verstehen wir – verändern wir. Entziehen wir uns doch endlich der Berieselung durch all die schönen, neuen Seifenblasen. Und vor allem: Leben wir. Und feiern wir. Feiern wir, als wäre alles noch offen, alles noch möglich. Zum Beispiel bei „Speakeasy. The Twenties Club“. Und so schließt sich der Kreis.

Dass dein Leben Gestalt, dein Gedanke Leben gewinne,
lass die belebende Kraft stets auch die bildende sein.

Friedrich Schiller‘

 

Ein großes Dankeschön an Eva von Placevaventura für die Zurverfügungstellung ihres allsehenden Auges, an Tilda Knopf für ein fröhliches Kleid und an das Hilton Vienna Plaza für einen stimmigen Rahmen. 

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