Queraussteiger

September 26, 2017 / 8 — 10min read / No Comments

Was wäre, wenn ich ein selbstbestimmtes Leben führte? Innenansichten aus einem Zug, einer Reisenden und einer spektakulären Bibliothek in Berlin.

{Press Play before Reading for Intense Poetry Mode On}

Ich sitze im Zug nach Deutschland und ziehe durch die Welt wie ein verlorener Geist. Irgendwo will ich immer hingehören, und doch fühle ich mich nie wirklich zu Hause. Zu Hause ist für mich mehr mit Menschsein, mit Menschlichkeit verbunden, und im verzweifelten Suchen nach vertrauten Gesichtern streift mein Auge das blass angeglaste einer Frau mir gegenüber. Rot bebrillt und angegraut am Haupt beugt sie sich über ihre Zeitung, über Klatschspalten, die von Dramen sprechen, die eigentlich keine sind, weil sie gar nicht wahr sind. Doch was spielt das schon für eine Rolle in einem Leben, das ohnehin nur Illusion ist?

Ist nicht alles Illusion und ist Illusion nicht alles?

Marcellus Emants

Im Forschen nach Geschichten – es gibt kaum ein Leben, das ich so interessant finde, wie das eines anderen – finde ich über die Sitzplatzreservierung, die in Form einer elektronischen Plankette in unbeholfenen Pixeln über dem Kopf der grauen Frau schwebt, heraus, dass sie sich auf direktem Weg nach Zürich befindet. Und schon fange ich an zu neiden. Auch ich will nach Zürich. Auch ich will weg, will fort, will irgendwohin, wo ich nicht weiß, was ich machen soll, weil ich ausnahmsweise einmal nichts machen muss. Wie oft schon bin ich morgens, wenn die Spiegelungen in den Stadtfenstern sich gerade mit Sonne füllen, in der Schnellbahn gesessen und sehnte mich verzweifelt danach sitzenzubleiben. Einfach sitzenzubleiben. Sitzenzubleiben und nie mehr aufzustehen. Einmal nicht aufstehen und sich von diesem Strom aus menschlicher Masse mitreißen lassen zu einem Ziel, das man eigentlich gar nicht erreichen will. Oft schon war ich kurz davor. Kurz davor, es zu tun. Es zu tun, nichts zu tun. Und mich verheißungsvoll zu entfernen von der Verpflichtung jemand zu sein. Ich will einmal einfach niemand sein, damit ich herausfinden kann, wer ich eigentlich bin. Vielleicht verschreckt mich der Gedanke vor dem Verreisen deshalb manchmal so. Weil ich solche Angst vor dem einen, menschentleerten Haltepunkt habe, an dem ich niemand mehr bin. Für niemanden. An dem ich keine Texterin bin für einen Kunden, an dem ich keine Patientin bin für einen Arzt, an dem ich keine Fremde bin für einen Fahrgast, der mir im Zug gegenüber sitzt, an dem ich noch nicht mal ein Passagier bin für einen Schaffner. Ich will an dem Punkt anlangen, an dem ich einfach niemand bin. Und dann herausfinden, wer ich bin. Für mich.

Wir leben lieber in einer anderen Welt als in unserer eigenen.

Peter Kuppke 

 

Aufbruch ins Unbekannte

Manchmal überkommt es mich dann aber doch, und ich steige mit plötzlichem Übermut in irgendeine Mobilität, die mich transportieren soll, ganz egal wohin. So geschehen zum Beispiel vor knapp einem Jahr mit meiner besseren Seele, Eva. Einfach so beschlossen wir uns jeder uns bekannten Realität zu entziehen und in den Flieger nach Berlin zu steigen. Eigentlich machte es keinen Sinn. Wir machten uns beiden ein Ziel vor, das beruflich verknüpft und unverzichtbar war, doch irgendwie wussten wir im Stillen beide, dass wir einfach weg wollten, uns zerstreuen wollten, um Unsinn zu treiben und einmal befreit zu sein vom verdammten Zwang etwas – vielleicht sogar etwas Wichtiges – zu sein.

So flogen wir also im stillen Übereinkommen, dass uns vor Ort nicht mehr erwarten würde, als ein paar neue Farben, Bilder und Flackerpunkte für die Rezeptoren im Auge, mitten im November mit dem Flugzeug nach Berlin und suchten nach der totalen Zerstreuung. Es dauerte nicht lange und wir sollten sie finden. Zuerst in ein paar unwesentlichen Dingen, wie zu viel Wein, und zu viel Wodka im verrauschenden Licht einer Bar. Flüchtige Bekanntschaften zählten ebenso zur bewussten Sinnbefreiung wie verrauchte Küsse in verruchten Ecken, die nicht mehr in einem hinterließen als den Geschmack von Qualm, Vergänglichkeit und Staub.

Mit Ingrimm in die Grimm Bibliothek

Doch es gab durchaus auch einige tiefsinnige Momente, die uns noch lange in Erinnerung bleiben und unseren Seelen neue Prägung einbrennen sollten. Neben ehrlichsten Gesprächen, in denen wir versuchten, durch Ausflüge in die Untergründe des jeweils anderen uns selbst zu erkunden, verhaftete sich noch ein anderes Erlebnis auf vielleicht ewig in meinem Gedächtnis: der Besuch des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums in Berlin Mitte, kurz Grimm Bibliothek genannt. Zu Hause noch im vergeblichen Versuch Sehenswürdigkeiten zu recherchieren vergraben, hatte ich die Bibliothek durch Zufall in der Bildersuche von Google entdeckt. Ich war gefangen genommen von dem Anblick und wollte unbedingt wissen, wie die vielen traurigbraunen Bildpunkte im Bilderrahmen der Wirklichkeit aussehen würden. Also machten Eva und ich uns auf in ein Gebäude, das mehr als 2,5 Millionen ganze Bücher fasst.

Von außen betrachtet wirkt die größte Bestandsbibliothek nicht nur Berlins, sondern ganz Deutschlands, zugegeben verschlossen, vielleicht sogar etwas versperrt. Vielleicht liegt das an der modernen Architektur, durch die auch die Stadtbibliothek in Stuttgart so versteinert wirkt. Vielleicht ist das aber auch das große Geheimnis der Grimm Bibliothek, denn so entschält sich ihr Geheimnis nur den wirklich Verbissenen, zu denen ich mich durchaus zähle. Einmal in der Bibliothek angekommen, bietet sich dem Fremden tatsächlich ein Bild der prinzipiellen Verschlossenheit. Taschen und Privatmobiliar haben in der Wissensstätte nichts verloren, weshalb man sich erst einmal mit einem anderen, von vielen hunderten, wenn nicht tausenden, fest entschlossenen Besuchern um eines der wenigen Fächer streiten muss. Doch wenn ich etwas will, hält mich nichts davon ab, es zu bekommen, weshalb ich nach dem ein oder anderen Verbalgerangel schließlich doch noch fündig wurde. Der Einsatz sollte sich bezahlt machen. Denn dringt man erst einmal ins Innere der Bibliothek vor, so wird man sofort von einem unerklärlichen Gefühl der Würde umfangen.

In jedem Raum rascheln tausende von Büchern in die Stille, ein jedes davon den Besucher verschmähend, weil ein einziges Leben viel zu kurz ist, um sie alle zu lesen. Trotzdem berührt man sie, um ihren Inhalt zumindest durch einen in peinlicher Rührung gefühlten Bluff erahnen zu können. Was auf die Erhabenheit des Erdgeschosses folgt ist ein Aufstieg in den Olymp des Büchertempels. Und kommt man erst oben an, fühlt man sich tatsächlich gottgleich. Denn als ob zehn Stockwerke Büchergeäst aus jeder Wissenschaft, wie etwa den Geistes- und Kultur-, oder den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften nicht genug wären, öffnet sich das Blätterwerk in der Mitte einem Hohlkörper aus luftleer klingender Stille. Das sehnende Leserherz erwartet ein Lesesaal, der 70 Meter lang durch das Gebäude schneidet, und inmitten des Wunders eine trockene Wunde aus Wissen aufreißt. Die Sitzplätze sind so arrangiert, dass man die Bibliothek aus bis zu zwanzig Metern Höhe im Blick behält. Die Wände sind fest in Holz verkleidet. An ihnen klebend eine Stille, die keinen Widerspruch zulässt. Durch Fenster von allen Seiten spähen schüchtern Bücher herein, die geduldig warten, bis ihnen Zutritt in den Lesesaal der Bibliothek und ihrer Besucher gewährt wird. Und lässt man es zu, entsteht im freien Fall des Blicks in die Raummitte das Gefühl, man schwebte inmitten einer gigantischen Geschichte, inmitten eines Epos, der endlich der Welt erzählt werden will.

Ich fühlte mich erhaben, und vom Gefühl der Besonderheit ergriffen schlich ich durch die Gänge um mich Buchrücken für –rücken an dem ewigen Gedanken zu berauschen, das nur die Intimität eines Buchs dazu in der Lage ist, sich allen weltlichen Verpflichtungen zu entziehen, ihnen sogar verschlossen bleibt, klopft sie auch mit einer noch so beharrlichen Vehemenz an die Bibliothekstür. Vielleicht lässt sich dadurch die harte Schale erklären, die diese fragile Welt aus fremden Gedankengebilden so fest in sich einschließt. Und so schloss auch ich sie ein in mir, diese Welt, die möglich ist, weil sie unbedingt möglich sein muss, damit ich mir die meine erhalten kann. Schließlich verließ ich die Grimm Bibliothek in Berlin und auch die Stadt mit dem klammheimlichen Gefühl, dass ich es irgendwann einmal schaffen würde. Dass ich es irgendwann einmal schaffen würde weiterzufahren zu einem Ziel, zu dem ich nicht musste, sondern wollte.

 

Ausstieg ins Altbekannte

Mein Zug ist inzwischen kurz vor seinem Reiseziel angelangt und verpflichtet mich wie schon mein Leben lang dazu meinen Schreibfluss zu unterbrechen. Sehnsüchtig werfe ich noch einmal einen letzten Blick auf die graue Dame, die inzwischen mit einem wandernden Fernwehblick über die Felder vor dem Fenster zieht. Sie seufzt zufrieden und schließt die Augen, ein müdes Lächeln auf dem Gesicht. Wer weiß, vielleicht träumt auch sie von einem Ziel, das ihr neue Wege eröffnet, weil es nicht von vornherein geplant war, sondern weil es eben einfach passiert ist. Kurz kreuzen sich unsere Blicke. Wir verstehen uns. Und – zumindest für heute – steige ich aus dem Zug.

Gib deine Illusionen nicht auf. Hast du sie verloren, so magst du zwar noch dein Dasein fristen, aber leben im eigentlichen Sinne kannst du nicht mehr.

Mark Twain

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