The books of love

Dezember 19, 2016 / 6 — 7min read / No Comments

Versilbte Werte. Woher die Gedichte in meinem Herzen kommen und warum Poesiealben das schönste Geschenk sind, seit es Sprache gibt.

{Press Play before Reading for Intense Poetry Mode On}

Geburtstage sind wie die Silvester des Reifens, sie verleiten zum kritischen Blick nach hinten und verpflichten Resümee zu ziehen. Nicht selten werden die eigentlichen Freudentage von einem melancholisch verklärten Schein überlagert, der sich trüb übers Blickfeld legt wie die dumpfen Staubwolken auf einem Fotoalbum. Vielleicht ist das der Grund, warum ich heute, so wie auch an jedem anderen Geburtstag, die Nostalgie zelebriere und mit einem seltsamen Gefühl trauriger Seligkeit in den alten Bilderbüchern des Lebens blättere. Nebst Fotoalben, in denen stur Erinnerungen kleben, die sich vom Leben längst gelöst haben, und Notizbüchern, die unverblümt die in kindlichem Eifer gekritzelten Gedichte entblößen, sind es vor allem meine Poesiealben, die meinen Blick mit schleierner Vergangenheit benetzen.

Es ist unglaublich, wie kostbar der Schatz ist, den wir mit den versilbten Erfahrungen vergangener oder, mit großem Glück, noch gegenwärtiger Lebensmenschen in Händen halten. Noch mehr Wunder vollzieht sich, wenn wir die Erinnerungen beleuchten, die mit dem Blättern in vergilbten, von Menschenhand gezeichneten Seiten einhergehen. Irgendwie fühle ich mich über diesem Seitenrascheln, diesem knisternden Geschenk des Seins, fast ein wenig an Stefan Zweig erinnert, der sich mir mit folgendem Satz in Gedankengut und Herz gebrannt hat:

 

„Merktage des Lebens haben stärkere Leuchtkraft in sich als die gewöhnlichen.“

Stefan Zweig

 

Dabei kann ich mich nicht nur an die Momente erinnern, in denen meine Freunde, Familie, Wegbegleiter, Mentoren, Vorbilder, Gleichgesinnten, Gleichbedachten und Seelenverwandten fein säuberlich, und unverschmiert in mein Stammbuch geschrieben haben, sondern auch an all die daran geknüpften. Eng verwoben mit den Szenen der Niederschrift sind auch jene, in denen ich das Poesiebuch erwartungsvoll weiterreichte. Ich weiß noch, wie neugierig ich war, als ich den roten, edel eingefassten Band meinem Onkel in die Hände gedrückt habe. Er ist mir Vorbild in so vielen Dingen und hat mich, vorgelebt durch seinen Lebenswandel, gelehrt, was Zuversicht bedeutet. Seit jenem Zeitpunkt, in dem ich ihn um eine Eintragung gebeten habe, sind mehr als zehn Jahre verstrichen. Dennoch könnte ich problemlos jede Kontur, jedes noch so feingliedrige, fragile Detail beschreiben, das diesen Moment umrahmt hat. Genau kann ich mich noch erinnern, als er mir, fast verlegen, die entschuldigenden Worte einer Floskel über sein vermeintliches Gekrakel flüsternd, das Buch gereicht hat. Zugegeben, die Schreibschrift meines Onkels ist, wie es sich oft mit den wirren, wilden und ungebändigten Buchstaben so mancher Genies verhält, selbst für Kalligraphen eine Herausforderung. Umso größer war jedoch die Freude, als ich die Hieroglyphen endlich entschlüsselt und die Botschaft dahinter verstanden habe:

 

 

„Der verlorenste aller Tage ist der, an dem man nicht gelacht hat.“

Josef Jutassy

 

Genau wie mit diesem Brandmal in der Geschichte meines mir so kostbaren Poesiealbums verhält es sich auch mit allen anderen vergangenen Begebenheiten. Es waren feierliche Szenen, die sich zugetragen haben. Vielleicht wusste ich schon damals, was mir all die an mich gerichteten Worten eines Tages bedeuten würden – und habe deshalb ihre Entstehungsgeschichte so fest in meinem Herzen versiegelt. Die Erinnerungen flackern lebhaft wie ein Film vor meinem Auge.

Meine Mutter, die das Vorwort auf der ersten Seite mit der Bitte, sich der eigenen Verewigung darin sorgfältig anzunehmen, anstatt meiner darin notiert hatte. Offenbar hat mich schon mit acht Jahren die unsägliche Angst gelähmt, für mein Publikum nicht schön genug zu schreiben.

 

 

Und auch darum schien sie zu wissen, liest man zwischen ihren zierlichen Zeilen des Zuspruchs:

 

„Immer vorwärts sei Dein Streben, auf eigne Kraft stets aufgebaut, vorwärts kommt nur der im Leben, der seiner eignen Kraft vertraut.“

Anita Scharf

 

Meine Schwester, die sich wohl wissend um diese mir innewohnende Wechsellaunigkeit der Seele, mit der frohen, munteren Zeichnung einer gelb grinsenden Ratte verewigt hat. Meine Freundinnen, die falschen, die richtigen und die aufrichtigen, die mir, egal wohin sie sich auch verstreut haben, wertvolle, lehrreiche Botschaften geschenkt haben. Meine Schulfreundin aus alten Tagen, Mei Zhen, deren Spruch festhält, was wir beide wissen und ausmacht, warum wir uns freundschaftlich lieben – schon damals ahnten wir, dass das Leben uns zu wenig Gelegenheit geben würde, einander zu sehen, aber dennoch genug, um einander zu lieben. Meine Namensvetterin Raffaela, die die Bedeutung von Zweisamkeit betonte, und der Möglichkeit, gemeinsam selbst das Fliegen zu lernen. Meine Hortner, meine Lehrer, meine Bekannten und solche, die längst keine mehr sind – sie alle haben ihre verschriftlichten Spuren in meinem mir eigenen Lexikon der Liebe verwischt.

Meine Oma. Meine Oma, die mein ganzes Wesen schon lange vor mir erfasst und mir vor zehn Jahren eine Widmung zugetragen hat, die ich erst viele Jahre später verstehen sollte. Meine Oma, die in ihrer weiten, unendlichen Weisheit in einem früheren, vormaligem Leben Worte niederschrieb, die mir noch heute, bei jedem neuerlichen Lesen wie Tränen in den Augen perlen.

 

„Ehe Du in Deinem Leben, fest auf einen Menschen baust, geh´ mit Vorsicht ihm entgegen, eh´ Du Dich ihm anvertraust. Blick ihm oft und fest ins Auge, ob stets offen ist sein Blick. Denn der Menschen Worte trügen, doch das Auge trüget nicht. In Liebe, Deine Oma.“

Eva Jutassy

Warum mich Zitate dermaßen rühren? Ich denke, die Antwort darauf habe ich mit diesem Beitrag hinreichend gegeben. In jedem einzelnen Zitat, in jedem menschlichen Wortlaut, steckt ein ganzes Leben. Es muss erst ein Meer, ein Ozean aus Erfahrungen, aus Wellengang, Schlägen, Niederschlägen, Wetterstürmen, Windpeitschen und Überfahrten, aus Stillstand und spiegelglatter, friedlicher See passiert sein, bevor wir uns zu der Artikulation all dieser Erfahrungen in einem einzigen Aphorismus niederringen können. In jeder Silbe steckt erfülltes, volles, wind- und wettergebeuteltes Leben. Und diese Vorstellung fasziniert mich wie ein Lichtfaden in einem Labyrinth.

Warum ich dieses Wissen um die Kostbarkeit von Worten ausgerechnet jetzt mit euch teile? Weil ich Poesiealben auch heute noch, in dieser befremdlichen Zeit der Wortentwertung, für ein wundervolles Geschenk des Lebens halte und dies allen, die noch wahnhaft nach einem wertvollen Weihnachtsgeschenk suchen, ans Herz tragen möchte. Album Amicorum, Freundschaftsbuch, Stammbuch oder Poesiealbum – für die Enzyklopädien gebundener Lebensbänder gibt es viele Namen. Fakt ist aber, dass sie schon seit mehreren Jahrhunderten geschrieben werden. Und das ist, wie die Millionen und Abermillionen von Verfassern, die sich darin für alle Zeiten verewigt haben, Zeuge ihrer Berechtigung, unverwischter Beweis ihrer Wertigkeit.

Die meines Erachtens schönsten Stammbücher teile ich hier mit euch. Frohe, poesiebehaftete Weihnachten!

 

 

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