Neujahrssätze

Januar 6, 2017 / 6 — 8min read / 2 Comments

Das Schreiben und Ich. Mit Mut im Herzen und dem ersten, geschriebenen Satz meines Buchs stelle ich mich im neuen Jahr meiner größten Angst: Der Angst vor dem Scheitern.

 

„Schreiben ist wie Ringen. Man braucht Disziplin und Technik. Man muss auf eine Geschichte zugehen wie auf einen Gegner.“

John Irving

Kaum ein Zitat klammert die Wahrheit der Schriftstellerwelt so summarisch zusammen wie dieses. Schreiben ist nicht einfach nur ein sich Befreien von Subbewusstem. Viel eher ist der Umkehrschluss der Fall. Schreiben ist wie ein Filtern der Umwelt. Wir nehmen jeden Tag von vorne den Niederschlag des Lebens voll in uns auf. Tränken uns darin. Und suchen dann den Ausguss, um ihn zu sammeln in diesem schlichten Becken aus paraphrasierter Weisheit. Schreiben ist also nicht das Loslassen von Unbewusstem. Es ist das Festhalten von Bewusstem. Auf dass es nicht vergessen wird, und gesatzte Zeichen für das Leben setzt. Ob für das eigene, oder die daneben, oder alle die, die danach kommen, spielt letztendlich keine Rolle. Wichtig ist, dass es aufgeschrieben wurde und festgedruckt für die Ewigkeit.

Das Schreiben und Ich

Klingt kompliziert, stellenweise auch recht schwierig und ist es auch. Immer wieder stoße ich auf aufgehusste Gesichtsausdrücke wenn ich gestehe, dass mir kaum etwas so schwer fällt wie das Schreiben. Natürlich gehen mir manche Texte leichter von der Hand als andere. Zwecktexte zum Beispiel schreibe ich in kürzester Zeit. Weil sie etwas zusammenfassen, was ohnehin schon bis zur Kurzatmigkeit gesagt und gesagt und noch einmal gesagt wurde. Sinntexte hingegen, die wirklich und wahrhaftig aus mir kommen und meine eigene Geschichte erzählen, sind schon ein bisschen kniffliger. Aus diesem Grund ergreife ich beim Schreiben gerne auch mal die Flucht. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich während des Schreibens selbst dem Flügelschlag einer gewöhnlichen Stubenfliege mehr Erkenntnis abgewinnen kann als meinem eigenen Kopf. Und immer wenn ich merke, wie meine Gedanken sich wieder einmal sachte schleichend zersetzen, wie sie sich verflüchtigen und von den Ablenkungsmanövern des Alltags betören lassen, muss ich mich maßregeln und zwingen zur Konzentration. Selbstverständlich gibt es auch Tage, oder mikroskopische Momente, in denen die Tinte praktisch aus mir ausläuft. Das müssen wohl diese seltenen, schöpferischen Szenen sein, von denen schon Stefan Zweig so fasziniert war: Die Geburtsstunden kunstvoller Gedanken.

 

Jedem Anfang wohnt ein Aber inne

Und welcher Zeitpunkt eignete sich wohl mehr für die Geburtsstunde neuer Gedanken als die Geburtsstunde eines ganzen, neuen Jahres? Daher habe ich zu Silvester beschlossen, mich meiner mir eigenen Tradition, mich Neujahrsvorsätzen zu verweigern, zu entziehen und mit meinem eigenen Tintenfass mitzumischen. Eigentlich konnte ich Neujahrsvorsätzen noch nie etwas abgewinnen. Ich mag den Gedanken nicht, dass es für den Anfang einer guten Sache nur einen einzigen symbolbesonnenen Tag geben soll. Anfangen kann man immer. Manchmal sogar mitternachts. Ich hörte von Menschen, die noch zur Geisterstunde ihr geistreichstes Werk vollbrachten. Honoré de Balzac zum Beispiel brachte seine Wahrheit prinzipiell nicht vor 01.00 Uhr nachts aufs Papier. Immanuel Kant soll unter dem 05:00 Uhr Mond am produktivsten gewesen sein. Und Charles Bukowski fühlte sich meist gegen 24.00 Uhr zu geistigen Höchstleistungen berufen. Die besten Geschichten wurden spontan und aus dem Moment geboren. Warum soll man dann ausgerechnet für die eigene, die wichtigste, bis zum Neujahrstag warten?

Was, wenn das Leben schon vorher vorbei ist? Oder der Drang zu schaffen schon vorher vorhanden? Ideen kennen keine Gesetzmäßigkeit. Sie wachsen mit der Reife des Geistes, nicht mit der eines Jahres. Eine gute Idee entzündet sich selbst noch im Raureif einer erkalteten Nacht.

Es sprachen also mehr Prinzipien dagegen als dafür mich an eine Neujahrsnorm zu binden. Und blicke ich in mich, so erkenne ich geduckt auch eine Angst vor dem Scheitern. Denn wie erkläre ich dem Traum in mir, warum ich ihn neuerlich aufgegeben habe? Wie sagt man Adieu noch bevor man überhaupt am Ziel einer Reise angekommen ist? Und wie hält man dem bohrenden Blick des eigenen Auges im Spiegel stand, wenn darin so klar erkennbar eine Lüge schwimmt?

Ich und das Schreiben

Doch meine eigenen Anekdoten zum Thema Mut sowie die Neujahrsvorsätze meiner besten Freundin Eva lesend, beschloss ich, die Zweifel gemeinsam mit dem Silvestersekt aufzuschlucken und mir ebenfalls einen Neujahrsvorsatz zuzutrauen. Genau genommen handelt es sich bei meinem Vorsatz mehr um einen Satz, noch genauer genommen sogar um ziemlich viele: Die Sätze eines Buches nämlich. Ich habe beschlossen, dieses Jahr die vielen, vielen Geschichten, die in meinem Kopf toben niederzuschreiben und endlich mein erstes Buch abzutippen. Ideen und Titel für Bücher rascheln wie ein Sinnesrauschen schon seit Ewigkeiten durch meine Gedanken. Doch was immerzu fehlte waren Mut und Muße sie niederzuschreiben. Jeden Tag erfand ich eine neue Ausrede für meinen Müßiggang – und weil ich eine sehr lebhafte Fantasie habe, fanden sich darunter auch ziemlich gute, bis hin zu glaubhaften. Neben Zeitmangel, Schreibblockade und Inspirationstief war es eine trockene Ideeneinöde, der ich die Schuld gab. Doch wenn ich ehrlich bin, kann ich keine dieser Ausreden gelten lassen. Zeit für Dinge, die einem wichtig sind, muss man sich nehmen. Ich hatte noch nie in meinem Leben eine Schreibblockade. Und weder an Inspiration noch Ideen kann es bei einem so erfüllten Leben, wie ich es führe, mangeln. Denn wie sagte schon Stefan Zweig:

„Nichts Irrtümlicheres als die allzu umgängliche Vorstellung, in dem Dichter arbeite ununterbrochen die Fantasie, er erfinde aus einem unerschöpflichen Vorrat pausenlos Begebnisse und Geschichten. In Wahrheit braucht er nur, statt zu erfinden, sich von Gestalten und Geschehnissen finden zu lassen, die ihn, sofern er sich die gesteigerte Fähigkeit des Schauens und Lauschens bewahrt hat, unausgesetzt als ihren Wiedererzähler suchen.“

Stefan Zweig

Das neue Jahr beginne ich mit dem Ende einer unendlichen Geschichte aus Ausreden und dem Anfang einer neuen. Ich habe mir vorgenommen jeden Tag ein paar Sätze, oder sogar Seiten zu schreiben und so mein erstes Buch zu vollenden. Als Beweis meiner Schreibwut werde ich während der Wachstumsphase meines Werks immer wieder einige Auszüge mit euch teilen. Der Titel steht schon. Den verrate ich an dieser Stelle aber ebenso wenig wie die Handlung. Alleine das Genre kann ich euch verraten. Ich schreibe einen poetischen Roman. Und wann beginnt ihr mit eurer Geschichte?

Ich möchte an dieser Stelle Whitman zitieren:

„Ich und mein Leben … die immer wiederkehrenden Fragen, der endlose Zug der Ungläubigen, die Städte voller Narren. Wozu bin ich da? Wozu nützt dieses Leben? Die Antwort. Damit Du hier bist. Damit das Leben nicht zu Ende geht. Deine Individualität. Damit das Spiel der Mächte weiterbesteht und Du deinen Vers dazu beitragen kannst.“

Walt Whitman

Damit das Spiel der Mächte weiterbesteht und Du deinen Vers dazu beitragen kannst. Was wird wohl Euer Vers sein?

 

2 Comments

  1. Kea

    on März 14, 2017 at 10:45 am

    „Und jedem Anfang wohnt ein Aber inne“ – verdammt, ertappt. Ich sitze gerade am Exposé für meinen zweiten Roman und kann diesen Satz nur bestätigen. Und trotzdem ist es, aus den von dir genannten und den von diesen wunderbaren Zitierten zusammengetragenen Gründen das einzig Richtige, das es zu tun gibt: Weiterschreiben. Ich bin gespannt! Poetischer Roman klingt zauberhaft! Liebe Grüße von Poetin zu Poetin! Kea

    • Phoetry

      on April 13, 2017 at 8:22 pm

      Liebe Kea,

      Es ist beinahe eine Schande, aber dennoch muss ich sie uns eingestehen: Ich habe seit einiger Zeit schon keine Zeile mehr für Phoetry aufs Papier gebracht. Für mich als Mensch hingegen waren es mehrere hundert. Manchmal lässt das Leben einfach nicht mehr zu. Und das Leben einer Frau, die im Begriff ist, sich selbstständig zu machen, lässt gerade so viel zu, dass das Herz noch schlagen kann. :)) Ich hoffe, du bist inzwischen schon fertig mit deinem Roman. 😀 Falls dem nicht so sein sollte, so hoffe ich hingegen, dass du zumindest schon einmal damit angefangen hast. :)) Das Schreiben ist eigentlich nicht schwer. Ganz im Gegensatz zu dem Überschreiben der Unwahrheiten in unserem Kopf. Irgendwie sind die immer so eingeritzt. Und hinterlassen ganz schöne Spurrillen in uns. Ich würde mich freuen, wenn du mir wieder schreiben würdest und ich freue mich schon sehr darauf erste Einblicke in dein poetisches Meisterwerk zu erhalten!! Viele, viele Musenküsse, deine Rafaela. :))

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