Mut, los!

Oktober 30, 2016 / 8 — 11min read / 6 Comments

Hide and Seek? Beim Versteckspiel vor dem Leben gehen wir nur selten als Gewinner hervor. Wahrer Reichtum beginnt mit Risikofreude. Wie, wo, warum – Mutigsein auf Anfängerniveau habe ich mitten im Alltagstief ausprobiert.

Wie viele Nachrichten wurden schon ins Smartphone getippt, nur um nie verschickt zu werden? Worte aus dem Herzen, gedacht, gefühlt mit jeder Faser? Wie oft schon wurden Liebeslaute geschmeckt, geschluckt und doch niemals gesagt? Wer zählte jemals all die lächelnden Augen, die der Welt hinter Masken aus studierter Mimik verborgen blieben? Wie oft schon blieb die Schönheit blind, eingesperrt ins Innere, aus Angst, alles Äußere könnte sie abstoßen, nur weil der Mut gefehlt hat, sie zu teilen?

Diese und andere Fragen stellen sich mir in diesem Monat der Veränderung, der Verschiebung meiner Werte und Welten an mittlerweile jedem einzelnen Tag. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich die Ausreden für all die Dinge, die ich nicht tue, mit dem schlichten Wörtchen „Mutlosigkeit“ umschreibe. „Ich würde gerne, aber…“, „Ich könnte so viel erreichen, wenn nicht…“ und „Ich wollte immer, doch…“ bildeten feste Satzbausteine in meinem Sprachvokabular. Immer verdichteter durchdrangen entmutigte Satzteile die Antworten, die ich auf alle Alltagsfragen gab. Und mit jedem Nein, jedem Nicht und Nie, das ich formulierte, fühlte ich mich mehr versperrt, entmutigt und erdrückt von meinen eigenen Ängsten.

Ganz allmählich sickerte dieser Strom aus Unsicherheiten in meine Seele, meinen Geist, mein volles Wesen und ließ jeden je gewagten Traum in mir schwanken. Und die Segel, die einst aufgebläht vor lauter Lust ins Leben bauschten, sanken sachte nieder und sogen sich voll mit diesem trostlosen Tümpel aus Sorgen. Mir wurden die eigenen Träume so schwer im Herz, dass ich sie nicht mehr ertragen konnte. Nicht einmal bewegen konnte ich mich mehr, ich fühlte mich wie versteinert.

Mutlos glücklich?

Beispiele? Ich wollte den Orangenen Gürtel im Boxen machen, aber ich blieb der Prüfung fern, aus Angst mich zu blamieren. Das mir so unentbehrlich gewordene Training habe ich seither nicht ein einziges Mal mehr besucht.

Ich würde so gern diesem einen Menschen sagen, was ich für ihn empfinde, aber ich kann nicht, aus Angst, er würde mich verschmähen. Stattdessen schwirren mir diese silbernen Worte wirr im Kopf herum, ohne zu wissen warum., woher und wohin. Und die schönste Melodie der Sprache bleibt unbesungen. Denn irgendwo da draußen ist ein Mensch, der nie erfahren wird, wie schön er durch meine Augen ist.

Und wie viele Jahre lang schon wollte ich diesen Blog beginnen, diese Plattform aus Poesie, und doch fehlte mir so lange der Mut, bis ich voll war von den vielen, unzählbaren unausgesprochenen Worten? So voll, dass ich das Schreiben schließlich schon für immer aufgeben wollte?! Das Schreiben, diese eine Sache, die mir mein ganzes Leben lang schon in die Straßen leuchtet und die Seele erhellt?

Entmutigt vom Tag, den Kopf voll von Sorgen, das Herz schwer vom Trott, tat ich das einzig Richtige, was es im Fall von akuter Ratlosigkeit zu tun gilt: Ich habe ein Buch aufgeschlagen. Und stolperte sogleich über folgendes Zitat:

„Hinter einem Traum herjagen hat immer einen Preis. Es kann bedeuten, dass wir unsere Gewohnheiten aufgeben müssen, es kann dazu führen, dass wir Schwierigkeiten überwinden müssen, es kann zu Enttäuschungen führen. Aber so hoch der Preis auch sein mag, er ist nie so hoch wie der Preis, den derjenige zahlt, der nie gelebt hat.“

Paulo Coelho

 

Da fasste ich mir ein Herz, packte meine sieben Sachen plus Bücherstapel und Stifte, setzte mich ins Auto und fuhr Richtung Stadt. Aus Angst vorm Alleinsein hatte ich einen Ausflug ins Stadtzentrum und ins Kaffee immer vermieden. Wer geht schon gern alleine durchs Gewühl eines wimmelnden Stadtbildes? Eine sehr schlechte Einstellung, wie sich herausstellte, denn wie viel vom wirklichen Leben hatte ich dadurch verpasst?

phoetry


Mutig, mutiger, dem Leben in die Augen sehen

Damit auch ihr wieder den Mut findet tapferer durchs Leben zu stapfen, die Welt wieder wirklich zu erleben, habe ich euch eine kleine Anleitung für Mutproben im Alltag zusammengestellt. Probiert es aus und ihr werdet sehen, wie wunderschön der einzelne Moment sein kann, wenn man ihn nur lässt:

  1. Lächle und die Welt lacht zurück: Wir kennen ihn alle, diesen geheimnisvollen Sitznachbarn in der U-Bahn, der interessanter und spannender glüht als alle anderen Menschen ringsum. Mindestens genauso gut kennen wir aber den befremdlich bittersüßen Moment des Abschieds, sobald sich der Fremde erhebt und unser Leben durch die Wagentür so schnell wieder verlässt, wie er hereingerauscht ist. Was kann man aber mehr machen, anstatt den Moment einfach nur zu ertragen? Genau! Ihn nicht verstreichen lassen! Ihr müsst den Menschen nicht gleich heiraten. Ein Lächeln genügt für den Anfang. Auch ich habe mir also beim letzten Waggonflirt einen Ruck gegeben, meine Mundwinkel zu einem krampfigen Grinsen verzerrt und den Menschen vor mir geradewegs, stur und unverwandt angesehen. Es hat ein Weilchen gedauert, bis er den Blick auf seinen Wangen gespürt hat. Aber er hat ihn gespürt, aufgesehen, kurz gestockt – und zurückgestrahlt. Halleluja, ich hatte mich verliebt. Gut, an der nächsten Station war er schon wieder ausgestiegen. Trotzdem hat er mir ein Geschenk hinterlassen, er hat mir etwas gegeben. Und ich habe es den ganzen Tag im gut gelaunt klopfenden Herzen getragen.
  2. Sag einem Menschen, was du für ihn empfindest: „Du bist dieser eine Mensch, für den ich den Himmel aufgrellen würde, wenn er dir zu dunkel ist. Weil du mich zum Leuchten bringst.“ Stell dir vor, irgendjemandem da draußen gehen genau diese Zeilen durch den Kopf, sobald er dein Gesicht darin spuken spürt. Würdest du diese Worte hören wollen? Würdest du wissen wollen, was du in einem anderen Menschen auslösen kannst, allein dadurch, dass du existierst? Selbst dann, wenn diese Person nicht die große Liebe, die eine Wärme ist, mit der wir unser ganzes Leben verbringen wollen – es ist ein Wunder, das sich einem mit dem Lauschen solcher Worte offenbart. Und Wunder verschweigen ist Verbrechen gegen die Welt. Also sprich aus, was du fühlst, schrei es in die Welt, schrei so laut, dass es jeder hören kann und sag: „ICH LIEBE DICH!“, auch dann, wenn du nicht zurückgeliebt wirst. Du wirst sehen, es kann auch ein schönes Gefühl sein, Liebe zu geben, anstatt nur sie zu nehmen.
  3. Mach die Augen zu und lauf: Seid ihr schon einmal mit geschlossenen Augen über ein Feld gelaufen? Nein? Ich schon. Nichts anderes ist Leben. Als leidenschaftliche Spaziergängerin trete ich nicht nur in die Fußstapfen von Thomas Bernhards Großvater, sondern auch in die meines eigenen Lebenshungers. Stillsitzen liegt mir ebenso wenig wie ewig und immer denselben Weg zu gehen. Deswegen habe ich vor kurzem einfach die Abkürzung durchs Feld genommen, klassisch querfeldein. Da überkam mich das Gefühl zu laufen, zu laufen, bis ich nicht mehr kann. Und ich bin einfach losgerannt. Und weil weite Felder verlocken Freiheit zu spüren, und ich wissen wollte, wie sich das anfühlt, habe ich einfach die Augen zusammengepresst und es getan. Nachmachmachen erbeten!
  4. Lass dich fotografieren: Die Fotos zu diesem Blog Beitrag wären nie entstanden, hätte mich nicht meine gute Freundin Anna Geißler aus der Reserve und direkt vor die Linse gelockt. Seit Jahren schon scheue ich jedwede Frontalkonfrontation mit einem Fotoapparat. In ein Objektiv blicke ich wie in den Lauf einer Schrotflinte, ein Kameraset ist meine persönliche Vorstellung von einem Schafott. Doch wovor habe ich eigentlich solche Angst? Die Wahrheit ist, dass ich mich nicht vor dem Moment im Blitzlicht fürchte, sondern vor jenem danach. Ich fürchte den Augenblick, in dem ich mich mir selbst stellen und entscheiden muss, ob ich mir gefalle oder nicht. Denn im Gegensatz zu meinen eigenen Augen ist die Kamera schonungslos, sie beleuchtet auch die schwachen Seiten. Doch auch das ist nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem beginnt erst einen Entwicklungsprozess danach. Denn mich nicht zu mögen ist die eine Sache. Was aber ist die Konsequenz daraus? Früher hätte meine Antwort darauf gelautet, dass ich mich verändern muss. Wahrscheinlich hätte ich all die Makel, die mich gerade ausmachen, abgedeckt und überschminkt, übertüncht und überschleiert. Mich so lange verändert, bis ich mich selbst nicht mehr erkenne und vor lauter Fassade meine Farbe nicht mehr sehen kann. Heute hingegen versuche ich mich zu akzeptieren, mit all meinen Fehlern. Denn mein ganzes Leben lang werde ich der eine Mensch sein, mit dem ich am meisten Zeit verbringe. Sollte mir die eigene Gesellschaft dann nicht zumindest erträglich sein? Wenn ich ganz wagemutig bin, gehe ich sogar soweit, mich zu mögen und mich vor einer Kamera zu behaupten. Und in manchen Fällen, und mit einem Adjutanten wie Anna an meiner Seite, kommt bei diesem Schönheitsduell sogar etwas ganz Ansehnliches heraus.
  5. Verbring einen ganzen Tag nur mit dir selbst: Auch Alleinsein verlangt Mut. Wie oft sind wir schon wirklich alleine, nur mit uns, mit unseren Gedanken? Viele von uns haben Angst davor. Habt ihr euch schon einmal gefragt, wovor eigentlich? Den Ausflug in die Stadt nur mit mir selbst zögerte ich mindestens Monate hinaus, bevor ich endlich aufgebrochen bin. Und wisst ihr, was passiert ist? Ich habe Schritt für Schritt neuen Boden entdeckt. Anlässlich des Tag des Kaffees und der Aktion „Meet with a Poem“, einer Poesieinitiative von Julius Meinl, habe ich mich auf ins Stadtzentrum gemacht, bin vor verschlossenen Türen gestanden, habe mich verlaufen, neue Wege gefunden, andere Seiten gesehen und bin wieder nach Hause gefahren – mit der Idee für eine neue Geschichte und einer Antwort im Kopf: Warum wir Angst vorm Aufbrechen haben? Nicht, weil wir Angst haben uns zu verlieren. Sondern weil wir Angst haben uns zu finden.

 

6 Comments

  1. Sophie

    on November 3, 2016 at 7:59 am

    Sehr schön geschrieben meine Liebe.

    • phoetry_admin

      on November 6, 2016 at 3:49 pm

      Vielen, vielen Dank, liebe Sophie. :)) Macht gleich Mut zum Weiterschreiben. <3

  2. Angelina

    on November 15, 2016 at 1:05 am

    Du schreibst mir die Worte von der Seele. Obwohl ich selbst viel schreibe, beneide ich dich ein wenig um deine Wortgewandtheit! 😉

    • Phoetry

      on November 15, 2016 at 6:04 am

      Liebe Angelina,

      Vielen, vielen Dank für deine liebevollen Worte. Es freut mich, dass du dich zwischen meinen Zeilen finden konntest. :)) Du bist auch schriftstellerisch aktiv?? Wirklich?? Wo kann ich mich denn einlesen?? 😉 Und noch mehr Dank für dein großzügiges Kompliment. Du als Schreiberin weißt wahrscheinlich, wie viel es für das Stillhalten des Stifts bedeutet. 🙂 Und neidisch musst du sicher auch nicht sein – das impliziert doch, dass ich besser schreibe. Niemand schreibt aber besser oder schlechter als der andere. Wir alle sind und schreiben deshalb auch anders. Aber genau das macht doch die Vielfalt an BÜchern erst so spannend! Man stelle sich vor, es gäbe nur einen aktiven Autor auf der Welt? Das Leben wär mir versagt. :))

      Ich freu mich schon auf eine Möglichkeit bald etwas von dir zu lesen!!

      Alles Liebe,

      Rafaela

  3. Jürgen Koller

    on November 17, 2016 at 11:32 pm

    Also ich blogge jetzt seit ca 12 Jahren und betreibe das Portal Blogheim.at, weswegen ich auch auf jedem der rund 1400 Blogs schonmal ein wenig gelesen habe aber…solch ein wundervoller Text ist mir bislang noch nie untergekommen. Du schreibst nicht sondern malst mit deinen Worten…bin froh dass es diesen Blog nun gibt.

    Alles Liebe & auf bald,
    Jürgen

    • Phoetry

      on November 18, 2016 at 7:51 am

      Lieber Jürgen,

      Manchmal ist das Leben ein bisschen trist und wir warten auf diese eine Nachricht, die es wieder aufgrellen könnte – und manchmal bekommen wir sie sogar. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel mir dein Kommentar bedeutet. Ich habe noch nie ein so wunderschönes Kompliment bekommen. Mit nichts macht man mir eine größere Freude. Dass du dich überhaupt in meine Welt eingelesen hast, wo du doch wahrscheinlich ohnehin schon mehr als genug Blogs in deinem Zeit- und Abokontingent unterbringen musst, erfüllt mich mit einem ehrlichen Gefühl von Ehre. Ja, es ehrt mich. Es ehrt mich sehr. Wenn ich darf, werde ich dich bei passender Gelegenheit einmal zitieren, damit ich dieses schöne Gefühl jedesmal, wenn ich es brauche, erneut abrufen und auflesen kann.

      Vielen, vielen Dank für deine Worte,

      Alles Liebe,

      Rafaela

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