Endlich enttäuscht

Mai 24, 2018 / 5 — 6min read / No Comments

Was der Regen alles hervorbringen kann, wenn man ihn lässt – mit Enttäuschungen umgehen lernen.

 

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Manchmal zerreißt einem das Herz. Manchmal zerreißt es einem auf so drastische Art und Weise, dass man am liebsten aufgeben will. Doch wofür eigentlich oder – noch wichtiger – für wen? Der einzige Mensch, dem wir in diesem Leben wirklich jemals schaden werden können, sind wir selbst. Alle anderen verschwinden irgendwann. Und für die Fälle, in denen sie es nicht tun, verschwinden wir noch vor ihnen.

Ich habe in den letzten Monaten viel über Enttäuschungen lernen müssen. Das lässt darauf schließen, dass die vergangenen Monate hart waren. Und diese These kann ich bestätigen. Sie waren es. Waren es aber weniger wegen der unerbittlichen, unnachgiebigen Wahrheit des Lebens. Viel mehr waren sie es aufgrund falscher Haltungen, falscher Einstellungen und – in meiner Liste Spitzenreiter – falscher Erwartungen. Denn Enttäuschungen sind vor allem Antworten. Falsche Antworten auf die richtigen Fragen.


Fantastische Versuchung

Menschen mit einer ausgeprägten Fantasie trifft es am schlimmsten. Denn im Kampf Erwartungen versus Realität geht die Fantasie selten als Gewinner hervor. Das ist tragisch, denn wir Menschen lernen von Kindesaugen an der Fantasie zu vertrauen. Märchen, Filme, der Stoff, aus dem Gedichte gemacht sind – all das trägt dazu bei, dass wir schon vom ersten gedachten Gedanken weg vom Träumen träumen.

Doch macht euch keine Sorgen, ihr werdet euch nicht in Illusionen verirren. Die Wahrheit prügelt euch noch schnell genug den Leichtsinn aus. So geschehen in meinem Fall, in dem die Traumwolken wesentlich größer waren als die Gebäude, in denen ich sie steigen ließ. Schnell sollte sich zeigen, dass man gegen Mauern aus Missgunst nicht ankommt. Braucht man zwar nicht. Sie wurden sowieso von anderer Stelle verrichtet. Dennoch verklärt es mir die Atmosphäre.

Das alles ist äußerst abstrakt. Und mag an dieser Stelle verdächtig nach Schwarzmalerei klingen. Doch ich versichere euch, das ganze Gegenteil ist der Fall. Wer Wolken im Kopf hat, muss sich auf den freien Fall gefasst machen. Ich habe das schon vor langer Zeit gelernt. Daher spüre ich vom Aufprall nichts mehr. Und schwebe einfach weiter.

 

 

„Die Enttäuschung gibt dem Menschen die Kraft zu Dingen, die er niemals tun wollte.“

Gerrit Donat

 

Enttäuschung – Enttarnte Täuschung

Wodurch ich diesen Ansatz verstanden habe? Ganz einfach. Ich habe den Wortstamm zersägt. Denn betrachtet man das Wort „Ent-täuschung“ etwas näher, so wird man schnell feststellen, dass es eine „Ent-tarnung“ enthält. Enttäuschungen sind enttarnte Täuschungen. Und sind enttarnte Täuschungen nicht eigentlich etwas Wünschenswertes?

Wenn ich jene Episoden meines Lebens belichte, in denen ich echte Enttäuschung erlebt habe, so waren es die wirklich wesentlichen. Es waren die, die gezählt haben. Ich erinnere mich an enttäuschte Liebe. Gefühle, die nicht erwidert wurden. Ich erinnere mich an Verklausungen beruflicher Natur. Ich erinnere mich an Freunde, die verloren gingen, und auch an die, die ich nie gefunden habe. Gleichfalls erinnere ich mich an gescheiterte Aufnahmetests, an Bewerbungen, die nie gelesen, an Versuche, die nie gewertet wurden. Und ich erinnere mich auch an Visionen, die nie verstanden wurden – weil sie verloren gingen in der verengten Brennweite eines Fremden.

Und an alle diese Episoden erinnere ich mich ohne Ausnahme in tiefster Dankbarkeit. Ihr habt richtig gelesen. Ich bin dem Scheitern zu Dank verpflichtet. Nicht etwa, weil ich Erfahrungswerte gewinnen konnte. Auch das ist gut. Aber nicht gut genug.

Viel eher fühle ich mich dem Enttäuschtsein verbunden, weil es mich vor den falschen Entscheidungen bewahrt hat. Wäre auch nur einer dieser Verlockungen, dieser als glanzvolle Zukunft getarnten Täuschungen, eingetreten, so wäre mein Leben vielleicht in völlig anderen Bahnen verlaufen. Es hätte sich verlaufen. Ich hätte mich verlaufen. Und wäre niemals da angekommen, wo ich heute bin. Und von der Ausblickswarte aus, auf der ich mich gerade befinde, wäre dieser Zustand verheerend. Ich bin genau da, wo ich immer hin wollte. Genau der Mensch, der ich immer sein wollte. Und ich will mich nicht verstellen müssen. Will kein anderer sein, als der, der ich bin. Weil ich mein Leben und all seine Nebenwirkungen liebe. Wäre auch nur eine Erwartung in meinem Leben anders erfüllt worden, so wäre ich manchen Menschen vielleicht nie begegnet, hätte ich manche Entscheidungen vielleicht nie getroffen. Kaum auszumalen, was passiert wäre, wenn ich meinem Lebensmenschen Eva nie begegnet wäre. Oder bei dem ein oder anderen Tinder Match in die falsche Richtung gewischt hätte. Oder der ein oder anderen Enttäuschung nicht einfach ins Gesicht gelacht und mich – bestätigt in meinem Zweifel – energisch zu einem neuen Ziel aufgemacht hätte. Alles wäre anders gekommen. Doch ich will nichts anders haben.

 

Ich habe einmal in einem Gedicht geschrieben: „Ich bin dankbar für all das Erlebte, es geschah stets in dem Glauben, ich schwebte.“ Diese Zeile schließt jede erlebte Enttäuschung mit ein. Denn wirklich wichtig war nur die Erfahrung – und die Empfindung, die ich dabei hatte. Das Gefühl, schon dort zu sein. Dort, unter der Sonne. Dort, im Lichte des Erfolges. Doch die Enttäuschung führte mich in ein Feld des Regens. Nur um festzustellen, dass auch der Regen seine Schönheit hat. Nur um zu erfahren, was der Regen alles hervorbringen kann, wenn man ihn lässt.

Also los Leben, enttäusche mich. Und weise mir die Richtung.

 

Danke an Fotograf Bohaeme für die floralen Wunderwerke – und noch so vieles mehr.

 

 

 

 

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