Meine kurze Geschichte der Zeit

August 27, 2017 / 7 — 9min read / No Comments

Zeit misst sich nicht in Zahlen, Zeit misst sich in Intensität. Ein Plädoyer für eine neue Zeiteinheit.

Zeit. Zeit kennt keine Grenzen. Sie dehnt sich, sie streckt sich, sie zieht sich unheilvoll in die Länge und manchmal reißt sie auch in uns. Zum Beispiel dann, wenn uns die Geduld dazu fehlt, uns ihren paradoxen Gesetzen zu beugen. Schon seitdem ich die Uhr lesen und den Zeigern im Naivblau meiner Augen folgen kann, erweist sich die Zeit als die eine Quantität in meinem Leben, die sich trotzig jedem Messversuch entzieht. Ich kann mich noch daran erinnern, als das Prinzip Zeit versucht hat sich mir plausibel begreifbar zu machen: Zum ersten Mal tickte mir der Blender mit den nomadischen Zeigern aus einem Buch entgegen. Die metronomische Taktik klang so einleuchtend, so einfach, dass mein gutgläubiger Kindskopf sie ganz ohne Skepsis glauben wollte. Verspielt drehte ich die Zeiger im Wirrwarr meines fantastischen Zeitempfindens um die Kartonachse in meinem Kinderbuch. Sechzig Minuten, sechzig Sekunden, und so weiter, und so fort – nun, wo ich die Zeit endlich verstanden und sie in meinem eigenen, kleinen Kontinuum quantifiziert hatte, würde ich ihn endlich festhalten können, den verdrehten Schichtwechsel meiner Welt. Endlich könnte mein Leben so gerade und ebenmäßig wie eine Konstante verlaufen. Keine Veränderungen, keine Wendungen – ich hatte das Gefühl, jetzt, wo ich die Zeit kannte, kannte ich das Leben. Doch der Glaube an Kontinuität währte so lang wie eine Sekunde – nicht etwa wie eine wartende, sondern viel mehr wie eine verliebte. Worin der Unterschied liegt, sollte ich noch schnell genug herausfinden. Zeit ist relativ. Relativ schwierig. Und mit dem Wissen um diese abstrakte Eigenart der Zeit verschwand auch mein Glauben an die Beständigkeit.

„Wann immer wir auch leben mögen: Stets stehen wir mit unserem Bewusstsein im Zentrum der Zeit, nie an ihren Endpunkten, und könnten daraus abnehmen, dass jeder den unbeweglichen Mittelpunkt der ganzen unendlichen Zeit in sich trägt.“

Arthur Schopenhauer

 

Zeitverlust

Zum ersten Mal entglitt mir der Zeitbegriff im Einklang mit meiner Zahlenschwäche. Dass eine Stunde schneller verstreichen kann als eine einzige Sekunde, stellte ich zum Beispiel brütend über unzähligen, ungelösten Gleichungen und Ungleichungen einer Mathematikarbeit mit geradezu ketzerischem Blick auf die Klassenuhr fest. In den Lateinstunden der späteren Jahre hingegen erlaubte sich die kompakte Schulstunde einen gefinkelten Slow Motion Streich mit mir. Die einzelne Stunde glich mehr einem mehrtägigen Ausflug in den Abyssus. Doch nicht nur die Periodik brach mit allen Regeln. Auch die Lehren über Materie und Eigenschaften von Zeit begannen sich jeder Vernunft zu entziehen. Als ich zum ersten Mal verliebt war zum Beispiel, lernte ich, sitzend auf einer Fahrradstange, eine Windböe im Rücken und einen Kusshauch im Nacken, dass Sekunden nicht nur schlagen, sondern auch fliegen können. Als mein Herz zum ersten Mal gebrochen wurde, fühlte ich, dass Stunden so stumm und sinnlos sein können wie ein Vakuum. Und als ich mir nicht sicher war, kalibrierte die Zeit die Gravitation und mit jeder einzelnen, quälenden Sekunde das Gewicht in meinem Herzen. Auch wenn ich in den Zeiten des Scheltens gelernt habe, dass selbst ein Stahlherz noch schlagen kann.

 

„Die Liebe hat kein Maß der Zeit. Sie keimt und reift und blüht in einer schönen Stunde.“

Theodor Körner

 

Die wahre Bedeutungstendenz der Zeit hingegen wird mir erst in den letzten sogenannten Monaten wirklich bewusst. So steuert die Zeit zwar nicht mein Leben. Doch mein Leben steuert die Zeit. Spätestens seit meiner Entscheidung in die Selbstständigkeit zu gehen, wandelt sich jede Gesetzmäßigkeit zum Chaos Die Uhren an meinen Wänden, die früher einmal gemächlich durch den Tag tickten, schnellen nun in schwindelerregendem Sekundentempo durch meine Szenen. Die Bewegung der Zeiger, diesen Irrlichtern der Permanenz, schlendert, schleudert oder strauchelt mit meinem Entscheiden, Empfinden, Erleben. Und so fühle ich die Minuten mit meiner Familie verstreichen wie einen Windhauch an einer Pusteblume, während sie sich schmerzvoll, schlierig strecken, wenn ich warte auf Entscheidungen. Wenn ich warte. Wenn ich so sehnlich warte, dass ich das Gefühl habe, dass mir ein Zahnrad selbst über die Herzmechanik schabt. Wenn ich so sehnlich warte, dass mir direkt unter der Brust der Herzmuskel fransig wird vor lauter Warten, Warten, Warten, in diesem Wirbelstrom aus Zeit. Und ständig stehe ich unter Spannung. Ständig stehe ich unter Strom. Alles scheint dem Ziel zu dienen Zeit zu gewinnen. Doch wo ich auch hinsehe, wo ich auch Menschen sehe, die takten und timen und ticken und tippen, sehe ich doch nur Menschen, die Zeit verlieren. Und auch ich habe das Gefühl, ich hätte sie verloren, wenn meine Nichte nach meiner Hand greift, ich die Größe ihrer Finger ertaste, und noch in den Fingerspitzen fühle, wie viele Jahre ich versäumt habe. Versäumt, weil ich mit mir selbst und sinnlosen Sinnfragen beschäftigt war. Auch beim Anblick bestaubter Bilderrahmen sprüht uns die Zeit einen Partikelregen aus Vergänglichkeit entgegen. Während sie gesammelt in einem einzigen Foto ein ganzes Leben festhält. Und wie viel gewesene Zeit liegt in dem einzigen Blick zwischen zwei Menschen, die sich verloren, aber nie wirklich vergessen haben? Und wie kurz währt im Vergleich dazu ein einziger, kurz geschleuderter Herzschlag der Erinnerung, der ausreicht, um die Tränenkanäle im Auge zum Zerbersten zu zwingen?

 

„Die Zeit wird nicht nach der Länge, sondern nach der Tiefe gemessen.“

Isolde Kurz

 

 

Zeit. Ich glaube, ich habe mein Zeitgefühl verloren. Weder was sie ist, noch was sie sein möchte, kann ich mit einer mit mir übereinstimmenden Wahrheit sagen. Denn die einzige Wahrheit, die für die Zeit gilt, mag jene sein, dass es keine Wahrheit gibt. Und wie immer fällt die Antwort wenig befriedigend aus auf diesen großen Themenaufriss, der weh tut, weil er eben nur aufreißt, aber nicht schließt. Doch vielleicht sollten wir auch weniger Fragen über die Zeit als zu ihren Begleiterscheinungen stellen: das Erinnern und das Vergessen. Beides Phänomene, von denen ich behaupten kann, dass sie das Leben steuern. Kaum eine Sekunde vergeht, die ich nicht fülle mit dem, an was ich mich einmal erinnern möchte, oder dem, was ich versuche zu vergessen. Beides fühlt sich schwer an. Vielleicht werden die Menschen auch darum im Alter vergesslich, wenn nicht dement. Damit das Erinnern nicht mehr so weht tut. Oder um nichts Neues mehr vergessen zu müssen.

Meine Antwort auf die Frage nach der Zeit fällt melancholisch aus. Doch auch wenn wir die Zeit nicht steuern können, nicht entscheiden können, wie ewig oder vergänglich eine Sekunde währt, so können wir doch entscheiden, wie wir sie verleben. Vielleicht schlägt nicht jede Sekunde versöhnlich aus. Vielleicht ist nicht jede verliebt. Doch vielleicht können wir sie zumindest so gestalten, dass sie sich anfühlt wie ein Gemälde in einer Klimt Villa: Irgendwie stehen geblieben, irgendwie gefüllt. Irgendwie so voll von Farbe, dass man gerne zurücksieht, mit dem festen Gewissen im Blick, dass man jede einzelne Sekunde gelebt hat. Und wenn wir die Zeit mit Leben füllen, anstatt das Leben mit Zeit, vielleicht haben wir dann doch etwas mehr von der Zeit verstanden als wir vermuten. Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Schon Fitzgerald wusste darum. Doch die Zukunft schimmert schon schüchtern in der Spiegelung unserer Uhren. Und wenn wir uns jeder neuen Etappe der Zeit mit ebenso neuer Entschlusskraft annehmen wie ihrer Vergänglichkeit, vielleicht verliert dann auch die in der Zukunft liegende Sekunde der Schwermut ihren Schrecken. Es kommen auch wieder kürzere Zeiten. Ganz bestimmt.

 

„Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.“

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

 

Ein großes Dankeschön an Eva von Placevaventura für den fotografischen Streifzug durch die Klimt Villa in Wien, für zeitlose Fotos aus einer Atmosphäre, in der die Zeit gänzlich stehen geblieben zu sein scheint.

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