Weil es mir scheiße geht

Januar 14, 2019 / 6 — 8min read / No Comments

Emotionen brauchen keinen Filter. Meine Anleitung zum Unglücklichsein.  

{Press Play for Full Poetry Mode On} Als ich diesen Beitrag geschrieben habe, habe ich das Musikstück „Let It All Go“, von Birdy, gehört. Daher ist das Lied auch meine persönliche Musikempfehlung zum Lesen dieses Beitrags.

In der Epoche der Motivationscoaches und Positiven Psychologen erscheint es mir fast grotesk, diesen Satz zu äußern. Umso mehr ist es mir nun ein Bedürfnis: „Ich fühle mich scheiße. Und ich fühle mich gut dabei.“

In den letzten Tagen holt mich meine Vergangenheit aufs Übermannenste ein. Meinen Jahresrückblick habe ich zurecht verweigert, nachdem der Blick ins zurückliegende Dickicht mich eher blockiert als mobilisiert hat. Die Regeln der Positiven Psychologie sind klar. Ich kenne sie alle. Seit Monaten wende ich munter die Techniken der Euphorie an, die Kopf und Geist mit Glücksschwaden füllen sollen. Ich konzentriere mich auf die Lebensetappen, die sich an Strand und Meer zutragen. Ich konsumiere wenig, gestalte viel. Ich lache, wenn mir nicht danach ist, nur um meinem Gehirn vorzugaukeln, dass ich glücklich bin. Ich habe alle Regeln des therapeutischen Strategienrepertoires befolgt. Und trotzdem fühle ich mich scheiße. Warum? Weil ich mir nie erlaubt habe, es nicht zu tun.  Und es irgendwo hinsickern muss, dass Abwasser der nicht gefühlten Emotionen.

Letztes Jahr ist einiges schief gegangen. Nichts, was man mit bald 30 Jahren nicht bewältigen könnte. Ich kenne viele Mechanismen, um Herz und Hirn wieder auf Kurs zu bringen. Entnommen habe ich meine Glücksformeln vor allem der Philosophie. Ich bin kein Freund von Youtube Videos, die Glückspredigern und –gurus eine überbordende Bühne bieten. Viel mehr halte ich mich, wenn es ums Glück geht, an Sartre, an Kant oder an Montaigne. Ein explosives Gemisch, das unvereinbar scheint, ich weiß – doch gemein ist ihnen allen, die Freiheit zu entscheiden, welchen Sinn ich meinem Leben geben will. Eine Freiheit, die ich in der heilen, westlich zivilisierten Welt schmerzlich vermisse. Denn hier ist jeder glücklich. Und vergleicht man sich mit diesen utopischen Größenordnungen, so bleibt man zurück mit einem bitteren Beigeschmack der Unzulänglichkeit. In all der Instagram Illusion, dem Facebook Frieden, zwischen all den Flatlay Fotos von Pizzas, Happiness Plannern und mit Lichterketten umrankten Büchern, die still und friedlich in weiße, unbefleckte Bettwäsche glühen, ist kein Platz mehr für Missmut und Unglücklichsein. In einer Welt, in der Ice Cream zu Nice Cream, und der Sunday zum Funday wird, ist keine Laune gut genug. 

Nicht einer tut kund, was er wirklich fühlt, und tut er es doch, wird er unerbeten zwangsbeglückt mit Manifesten, Zitaten und Sprüchen zum Thema Glück. Andauernd bekommt man sie zu hören, oder zu sehen, die in Handlettering verewigten Glückschakras und Glücksmantras, die einem mittels Aha Effekt ein Lächeln entlocken und dafür Sorge tragen sollen, dass man das Leben, in dem einfach nichts so recht gelingen will, umarmt, und so lange an die Brust drückt, bis einem das Herz darunter erstickt. Doch wozu führt das Ganze? Anstatt zu entlasten, erzeugt all das einen unglaublichen Druck. Es ist doch Wahnsinn, anzunehmen, dass man ohne entsprechende, euphorisierende Substanzen, rund um die Uhr glücklich sein kann. Mittlerweile fühlt man sich nicht mehr schlecht, weil man sich schlecht fühlt, sondern, weil man weiß, dass man sich eigentlich glücklich fühlen sollte.

Und auch, wenn ich mich mit meinen zarten 29 noch nicht zu den „Früher war alles besser“ Sagern zähle, so muss ich doch den kollektiven Seufzer, der beim Rückblick in die Zeit vor Social Media und Selbstvergleich entsteht, mitseufzen. Früher ging es mir wenigstens nur schlecht. Heute geht es mir schlecht, weil ich weiß, dass es mir eigentlich nicht schlecht gehen sollte. Mir geht es also, wenn man so will, doppelt schlecht, zweifach schlecht, weil es mir, streng genommen, eigentlich nicht schlecht gehen darf. Denn wem entlockt er kein Lächeln, der berüchtigte „It’s the little things in life“, der mit Herzen, Regenbogen und Glimmlichtern versehene „Happiness is not a destination. It is a way of life“ Spruch? Eigentlich, und nach allen Regeln des Mental Coachings, sollte es mir nun doch, nach reiflichem Reflexionsprozess und Bewertung der Jetztsituation, wesentlich besser gehen. Und wisst ihr was? Das tut es nicht. Weil ich traurig bin! Ich bin traurig, dass mein Papa im Sommer 2018 plötzlich, von heute auf morgen, an einem Herzinfarkt gestorben ist. Ich hasse es, über Erbscheiße zu sprechen, und über Erbscheiße zu streiten, und überhaupt über Erbscheiße nachzudenken. Ich finde, es war des Schlechten zu viel, dass mir drei Monate nach dem Tod meines Papas ein anderes Auto in die Seite meines eigenen Autos gekracht ist – und ich mich von dem Schock bis heute nicht richtig erholt habe. Und dass ein Tier, das ich liebte, im trägen, stockenden Novemberstau, totgebissen wurde. All das deprimiert mich. Und all das will ich, allen Glücksaposteln und -predigten zum Trotz, zu Ende fühlen. Ich will es durchfühlen. Und mich nicht länger schlecht fühlen müssen deswegen.

Ich will alle Fäkalausdrücke verwenden, die mir zur Beschreibung meines Istzustandes einfallen, und dafür so viel Anerkennung ernten, als wäre ich Charles Bukowski. ICH WILL IN GROSSBUCHSTABEN MEINEN SCHMERZ BEHAUPTEN, UND VOKALE UND LAUTE UND UNLAUTE GEGEN DIE WÄNDE SCHLEUDERN. Und einmal nicht, „Es wird schon wieder“, sondern eine ernste, mitleidende, vor Mitgefühl triefende Umarmung zur Antwort bekommen. Ich will unglücklich sein dürfen. Und mich gut fühlen dabei. Jede Emotion hat ihre Berechtigung – und jede verdient ihre Zeit, ihren Raum. Glücklichsein ist eine Entscheidung, das stimmt. Doch Unglücklichsein ist es auch. Und heute, nicht für immer, nicht für ewig, entschließe ich mich unglücklich zu sein, einmal stumm, einmal hysterisch, in meinen Teppich zu weinen, mich am Boden zu wälzen, entleert die Decke anzustarren und dann wieder von vorne anzufangen. Denn nur dann, das weiß ich instinktiv, werde ich auch wieder die Kraft aufbringen, glücklich zu sein. Glück entsteht erst durch Kontraste. Kein Schwarz, ohne Weiß, kein Leben, ohne Tod, keine Freude, ohne Leid – kein Glück, ohne Unglück. Das ist mein Glücksprinzip. Und ich teile es mit euch, weil ich mich nicht länger verheimlichen, sondern zeigen will, wie ich wirklich bin: eine Platte mit Kratzern, die nicht immer richtig läuft, die manchmal stockt, und manchmal aussetzt. Doch in Summe spielt sie und summt sie ihre Komposition. Denn alles das ist Teil von ihr. Wie sagte schon Stefan Zweig?  „Auch die Pause gehört zur Musik“, und heute, heute will ich einfach nur Pause sein.

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