Denkmuster

Dezember 5, 2016 / 9 — 12min read / No Comments

Moment, mal! Wie Malbücher und Mandalas den Geist mit Farbe bekleckern, habe ich mit Stift und Papier im Selbstversuch herausgefunden.

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Im November hat sich mir aus spontanem Anlass die Möglichkeit geboten, an einer Meditationssitzung teilzunehmen und eine ganze Stunde lang quer durch meine Seele zu tauchen. Um ehrlich zu sein begegnete ich der für mich neuen, befremdlichen Situation nicht ganz unbefangen. Vorurteile und Vorbehalte zum Thema Meditieren waren in den Breitengraden meiner Psyche bisweilen unverschämt fest verankert. Nichtsdestotrotz empfinde ich vor allem in dieser aktuell sehr bewegten, vibrierenden Lebensphase einen fortwährenden Bewegungsdrang des Geistes. Ich habe das Gefühl, als würden sich mit dem schnelleren Rotieren der Erde, das sicher auch Phänomenen wie der Globalisierung geschuldet ist, auch meine Gedanken bis zum Schwindel um die eigene Achse drehen. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich einer kaum zu Ende gedachten Idee schon die nächste hinterherjage. Wahllose Worte galoppieren ungezähmt und wild wie Viehherden durch meinen Kopf und selbst der einzelne Buchstabe ist verleitet zu stolpern. Und will ich mich einmal wirklich einer Sache widmen, ihr meine volle Aufmerksamkeit und Beobachtungsgabe schenken, so merke ich schon im Beginn der Sache, wie ich über ihr Ende sinniere. Selbst beim Lesen eines Buchs stöhnt mein Kopf vor Ungeduld. Immerzu bin ich schon am Ziel meiner Reise, die Zeichen am Wegrand bleiben unbetrachtet. Kurzum, ich fühle mich rastlos, so als hätte ich die Wertschätzung für den Moment verloren.

 

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In der Meditation wird diese Konzentrationsschwäche der Gegenwart auch als Achtsamkeitsproblem bezeichnet. Der Definition nach ist mit Achtsamkeit die bewusste Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf die Gegenwart gemeint. Und nachdem ich mich mittlerweile schon am Weg vom Satzanfang einer Zeile bis zu ihrem Punkt verliere, kam mir das Angebot einer meditativen Nachschulung mehr als entgegen. Die genauen Inhalte einer Stunde filterfreier Seelenreflexion beichte ich euch an anderer Stelle. Wesentlich ist ohnehin nur das Destillat des Selbstausschwemmens. Und obwohl ich für die Schwingungen meiner Seele erst nach einem erfolgreich erstickten Lachen in der Kehle sowie einem Moment spöttischer Selbstironie empfänglich war, kann ich doch behaupten, etwas wie eine spirituelle Frequenz wahrgenommen zu haben. Ich erlebte nicht nur einige Atemzüge absoluter Tiefenentspannung, sondern bin sogar in eine Art Trance verfallen. Vergangene Bilder, die ich längst tief in mir verscharrt hatte, flackerten plötzlich hinter dem Vorhang meiner verschlossenen Augenlider vor mir auf. Und nach einer Stunde Seelentrip war ich so müde, als ob mein Geist für Stunden auf der Tretmühle gestanden hätte. Euch die Details meines Kopfkinos zu beschreiben, ginge an dieser Stelle wohl selbst für seelische Freizügler wie mich zu sehr in die Tiefe. Fakt ist aber, es herrschte Wiederholungsbedarf. Und zwar dringend. Denn nach der Meditation war mein Geist Tage lang geschärft für feinste Empfindungen. Ich fühlte mich seltsam klar, so als ob die Sinne ihrer Arbeit wieder aufrichtiger nachgingen. Doch wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, verebbt die Wirkung einer Stunde Schwimmunterricht durchs Selbst nur allzu schnell. Für mich musste eine einfachere Lösung her, eine, die mich zur inneren Mitte führt, ohne inmitten von Fremden zu sitzen, ohne mich von jemandem führen zu lassen.

„Deine Wahrnehmung wird nur dann klar, wenn du den Mut hast, in deine Seele zu schauen.“

Carl Gustav Jung

 

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Meditation in kleinem Kreis

Wo ich sie gefunden habe, könnt ihr euch vielleicht denken. Ich fand sie in einem Buch, einem Malbuch, um genau zu sein. Denn wie sich schon nach kurzer Recherche herausstellte, scheine ich nicht die Einzige zu sein, die zwischen den verkappten Leitungen eines zeitscheuen Lebens den Draht zu sich selbst verloren hat. Konzentrations- und Achtsamkeitsschwierigkeiten erklären zum Teil die Überschwemmung des Buchmarkts mit Malübungen, -büchern und Mandalas. Denn während wir noch verzweifelt auf dem klassischen Weg nach dem Pfad zurück zur Gegenwart suchen, sind die kommerziellen Buntfärber des Bewusstseins schon längst in ihr angekommen. Zurecht, wie ich meine. Denn was sich hinter maskierten Titeln wie „Mandalazauber“, „Malträume“, Die Gärten von Monet“ oder „Mein verzauberter Garten“ verbirgt, ist nichts Geringeres als seitenweise Selbsterkenntnis. Den letzten Titel von Künstlerin Johanna Basford habe ich in der Praxis sogar selbst ausprobiert. Die Illustratorin schraffiert ihre Kunst, die ihr am Duncan of Jordanstone College of Art and Design in Dundee, Schottland, vermittelt wurde, von Hand auf ihre Seiten. Dort geben sie dem Bewusstsein in Form von Blumenornamenten, Mandalafloristik und Blütenbildern Raum zur Entfaltung. Farbbekennende bringen ihre Psyche auf insgesamt 96 Seiten zu Papier.

 

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Fünf Fakten über Mandalas

Doch machen die Malbücher für Erwachsene wirklich Sinn, oder sind sie womöglich pure Papierverschwendung? Da ich selbst so einige Zweifel an der Sinnhaftigkeit stundenlangen Ausmalens hegte, habe ich mich persönlich durch den bunten Papierkram gewühlt und das Theoriedickicht hinter dem verzauberten Garten durchforstet. Dass vor allem Mandalas den Radius der menschlichen Psyche umfassen, weiß ich spätestens seit dem ersten Psychologieunterricht zum Themenkreis Carl Gustav Jung. Im Zentrum beruhen die Zusammenhänge zwischen dem aus dem Sanskrit übernommenen Begriff Mandala, der übersetzt so viel wie „Kreis“ bedeutet, und dem Geist auf folgenden fünf Thesen:

„Wer zugleich seinen Schatten und sein Licht wahrnimmt, sieht sich von zwei Seiten, und damit kommt er in die Mitte.“

Carl Gustav Jung

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    • Kreis: Kreissysteme stehen für Ganzheit, für Ausgeglichenheit und sind gleichzeitig Archetyp aller Kulturkreise. Sie umfassen alle Struktur- und Handlungsmuster einer Gesellschaft und sind in allen ihrer Individuen enthalten. Sie treten nach außen, sobald es zu Lebenskrisen oder Momenten der Unsicherheit und Unaufgeräumtheit kommt. Meistens malen wir Mandalas spontan, nebenbei, ohne es zu merken. Mitunter sind es ganze Zeichenstunden, die wir mit dem Portraitieren der Psyche zubringen. In anderen Fällen projizieren wir uns psychisches Ebenbild bei einem Telefongespräch auf ein Blatt Papier. So oder so – Mandalas dienen der Wiederherstellung von Ordnung, Struktur und Gleichgewicht. Sie halten unsere Seele zusammen.
    • Symmetrie: Es ist seltsam, doch ist es ausgerechnet die Symmetrie, die Gleichartigkeit und Gleichheit aller Kreise, in der wir Trost finden. In einem Kreis ist jeder Punkt gleich weit entfernt vom Zentrum. Es gibt kein Anfang. Es gibt kein Ende. Und es gibt auch nichts dazwischen. Überall ist alles noch offen. Und nichts ist definiert. In einem Kreis können wir alles sein, noch ist jede Richtung möglich. Und solange wir uns vom Mittelpunkt nicht zu weit weg bewegen, brauchen wir das Chaos nicht zu fürchten. Wir finden immer wieder zurück.
    • Muster: Nicht nur sind bestimmte Denkmuster, sondern auch spezifische Verhaltensmuster charakteristisch für das Ausmalen von Mandalas. Zum Beispiel färben die meisten Menschen das Mandala zuerst außen, dann innen. Zuerst dem Gesicht Farbe geben, dann dem Herzen. Grund dafür ist der allmähliche Annäherungsversuch an die eigene Psyche, der sich in einem bis zu mehreren Stunden andauernden Prozess eher schleppend vollzieht. Doch erst durch geduldiges Ausprobieren von Rot und Schwarz und Gelb und Blau dringen wir vor bis zu unseren elementarsten Grundfarben, für die es keinen Namen gibt, für die wir den richtigen Namen erst finden müssen.

 

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  • Symbolik: Psychoanalytiker Carl Gustav Jung bezeichnete die Mandalas seiner Patienten auch als sogenannte Psychokosmogramme. Ob schwarz ausgemalt, tiefrot gezeichnet oder hellgelb durchstreift – egal, welche Farben und Formen wir unseren Mandalas auch geben, sie sind immer ein Stillleben unserer Seele. Angeblich soll schon der Anblick eines Mandalas ausreichen, um ganz genau das Gefühl im Betrachter zu erzeugen, das ihr Maler bei ihrem Entstehungsprozess hatte.
  • Entspannung: Durch die tiefe Konzentration auf immer nur ein und dieselbe Sache versinken wir allmählich in einen entspannenden, mehr lauschenden als sprechenden Bewusstseinszustand. Malen wir vorgegebene Strukturen aus, anstatt eigene zu kreieren, verfallen wir in ein loslösendes Muster – wir verlieren uns in dem weißen, weiten Raum, in dem wir zwar etwas betonen, aber trotzdem nichts Eigenständiges aufs Papier bringen müssen. Druck herrscht maximal auf der Buntstiftmine.

 

„Auch das glücklichste Leben ist nicht ohne ein gewisses Maß an Dunkelheit denkbar.“
Carl Gustav Jung

Sechs Fakten über mich

Ausgehend von der Annahme und im Versuch reinster Zweckmeditation habe auch ich mich im Mandalamalen versucht. Um auch wirklich ungestört bis ins Innerste meines Seelenlabyrinths vordringen zu können, habe ich das Handy für die ausgedehnte Zeichenstunde auf lautlos und mich vor eine Geduldsprobe neuer Größenordnung gestellt. Mein Mandala aus Fantasievögeln und –pflanzen hat mich nicht weniger als drei Stunden gekostet. Doch noch während ich mich über die vermeintliche Zeitvergeudung ärgerte, wurde mir, in meinem frisch gewaschenen, sensibilisierten Sinneszustand, etwas bewusst: Wie kann Zeit, die man sich selbst widmet, jemals verschwendet sein?

Inwiefern mich die bildnerische Erziehung aus dem Malbuch noch gezeichnet hat, teile ich hier mit euch:

 

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  • Ich male gern auf großen Flächen: Spaß am Ausmalen habe ich nur, solange ich es bunt treiben und möglichst viel Farbe einsetzen darf. Engstellen und strenge Konturen liegen mir nicht. Ich muss mich ausmalen können, bis zum Buntstiftstumpf, sonst verliere ich den Spaß an der Sache.
  • Ich male gern über den Rand hinaus: Aber ich traue mich nicht. Es ist faszinierend, wie bemüht man sich immer nur innerhalb vorskizzierter Strukturen bewegt. Als Kind hatte ich damit kein Problem. Immerzu habe ich über den Rand hinausgemalt, und meine eigenen Formen geschaffen. Mehr aus dem gemacht, was da war. Über die Jahre hinweg hat man es mir ausgebläut. Heute empfinde ich jede überschüssige Linie als hässlich und frage mich gleichzeitig, warum das so ist, und ich mir nicht meine eigenen Konturen schaffen darf? Bin nicht ich selbst mein schönstes Muster?
  • Ich male gegen den Strich: Für gewöhnlich malt man Mandalas von innen nach außen. Ich aber habe mitten drin mit dem Farbanstrich begonnen. Kann es sein, dass man schon weiß, wer man ist, aber nicht versteht, in welcher Farbe man sich zeigen soll?
  • Ich male gern symmetrisch: Asymmetrie macht mich unruhig, alles muss gleich sein, geborgen konstant. Hierin hat sich der Wunsch nach Ordnung und Gesetzmäßigkeit am Akzentuiertesten ausgedrückt. Ein Ebenbild meiner Seele sähe allerdings anders aus.
  • Ich male ohne Radiergummi: Was passiert ist, ist passiert und hat auch seine Richtigkeit. Ich will nichts auslöschen, was im Moment seiner Entstehung Ausdruck meiner Seele war.
  • Ich kann nicht aufhören, bevor ich nicht fertig bin: Drei Stunden lang quälendes, geduldiges Verharren bei einer Sache. Es hat mich viele Nerven und noch mehr Kaffee gekostet – dennoch hatte ich das dringende Bedürfnis, meinen Farbkreis zu einem Ende zu bringen, ohne Offenes stehen zu lassen. Ich will ganz sein, komplettiert. Nur so weiß ich, wer ich bin, ohne dem Anteil eines anderen in mir und kann auch dann noch ein Ganzes sein, wenn dieser Teil wieder verschwindet. Eine Theorie, die übrigens auch Künstler Shel Silverstein schon einmal in seiner Allegorie, The Missing Piece Meets The Big O“, aufgegriffen hat.

 

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Die perfekten Utensilien für einen bunten Malmoment zeige ich euch hier. Vielleicht auch eine Weihnachtsidee für den ein oder anderen Workaholic?

 

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