Rosarot und doch verkehrt

September 15, 2018 / 5 — 7min read / No Comments

Mit „Elefant“ reißt Martin Suter Themenwelten auf, die eigentlich weh tun sollten. In Gestalt eines rosa Elefanten verlieren sie jedoch ihren Schrecken.

Schoch ist ein Aussteiger. Schoch ist obdachlos. Eines Tages, so ganz in sich selbst aufgegeben, findet der ehemalige Bankangestellte einen rosa Elefanten in seiner Schlafhöhle. Ein kleines, lebendiges Leuchten, größer als ein Kätzchen kaum, das mitten in einer Regennacht in sein ergrautes Leben leuchtet. Versucht er sich am Anfang noch gegen die Erscheinung zu wehren, indem er sie als Wahnvorstellung verkennt, so weckt sie nach seiner Zeit doch sein Interesse. Denn anders als Schoch weiß der kleine, forsche Elefant, ganz genau, was er will. Und trampelt stur in Schochs platt gepflügtes Leben.

Schoch, der anfangs noch verhalten reagiert – schließlich und endlich kommt es nicht alle Tage vor, dass ein fluoreszierendes Wesen, das mehr Ferkel ist als Elefant, ungestüm ins Leben prescht – entwickelt schnell einen Beschützerinstinkt für sein kleines Wunder. Als das kleine Säugetier eines Tages aufeinmal krank wird, packt Schoch es kurz entschlossen in seine Sporttasche und trägt es zur ehrenamtlichen Tierärztin Valerie Sommer. Zwar packt auch Valerie die Verwunderung, dennoch beschließt sie umgehend Schoch zu helfen. Getrieben von einer bösen Vorahnung, verfrachtet sie Schoch und sein seltsames Haustier in ihr ehemaliges Elternhaus, um sie dort für eine Weile versteckt zu halten. Denn dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis jemand käme, um das zweifelsohne kostbare Geschöpf zu suchen, ist Valerie von der ersten Begegnung mit dem seltenen Rüsseltierchen an klar. Sabu, wie Schoch seinen rosa Schützling tauft, könne, aller Vernunft der Veterinärmedizin nach, eigentlich nur das Resultat eines glücklich oder unglücklich verlaufenen Genexperiments sein, mutmaßt Valerie. Eine Befürchtung, die sich bald bewahrheitet. Denn noch während Schoch versucht, der neuen Verantwortung gerecht zu werden, sich Schluck um Schluck dem Alkohol zu entziehen, und sich der Fürsorge Sabus aufopfernd anzunehmen, treten neue Charaktere auf den Plan, die Sabu für sich beanspruchen wollen. Die Vergangenheit holt den kurzweiligen Frieden schneller ein, als sich Schoch und Valerie eingestehen wollen. Denn Sabus Zukunft will nicht nur von deren Pflegestelle, sondern plötzlich auch von einem Gentechniker, dessen chinesischem Handlanger und einem Elefantenzüchter namens Kaung mitbestimmt werden. Bald beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, der Schoch und Sabu durch eine neue Gefühlswelt aus Liebe, Sehnsucht und Sorge hechten lässt. Besitzansprüche, die unterschiedlicher nicht sein könnten, geraten in einen Konflikt, der keine Lösung zu kennen scheint – und doch, wie die Natur und ihr beharrlicher Wille zum Überleben, in einem kleinen, entschlossenen Elefanten, einen Ausweg sucht.

„Elefant“ ist ein Buch, das mich auf mehreren Ebenen berührt und mir an mancher Stelle das Herz zersägt hat. Einerseits erlaubt es tiefe Einblicke in das Leben der Aufgegebenen und Sichselbstaufgegebenen, den Obdachlosen. Kein Wunder, schließlich hat Martin Suter nur für das Buch in der Zürcher Obdachlosenszene recherchiert. Andererseits wirft es Fragen zur Ethik, Moral und Verantwortung des Einzelnen auf, wenn es um Gentechnik geht. Im Kern der Handlung steht eine Frage, die Suter einer der Hauptfiguren, Schoch, an passender Stelle in den Mund legt:

„Doch mit der Frage, wie unethisch man zur Verhinderung von etwas Unethischem vorgehen durfte, hatte er sich noch nicht weiter beschäftigt.“

Das Buch ist spannend, macht es doch mit seinem Leser mehr als mit seinen Hauptfiguren. Im Laufe der Handlung baut man ein sehr ambivalentes Verhältnis zu dem kleinen, rosa Elefanten auf. Während man sich zu Beginn noch an der Abstraktheit und Absurdität der Idee stößt, lässt man sich im fortgeschrittenen Stadium schon eher auf das Unwesen ein. Im ersten Drittel des Buchs verfolgt man das Geschehen noch distanziert, im zweiten schon mit aufmerksamem Interesse, und spätestens im dritten stellt man das Schicksal des Elefanten schon über seine eigenen Grundbedürfnisse, Essen, Trinken und Sozialkontakte mit eingeschlossen. Die Beziehung, die man zu dem Elefanten aufbaut, ist immer auch die eigene Beziehung zur Gentechnik selbst. Was sie hervorbringt, kann Wunder sein. Was sie verursacht, ist Chaos. Wo sie hinführt, herrscht Konflikt.

Martin Suter wirft hier, verpackt in Fiktion und Spannungsgelübde, in Wahrheit die Frage auf, ob wir schon bereit für die Gentechnik sind. Nicht die Gentechnik etwa, die in unseren Pflanzen, in unseren Hautpflegeprodukten und Medikamenten steckt. Nein, jene Gentechnik, die kein Problem mehr löst, sondern Probleme schafft – indem sie sich der Bedürfnisbefriedigung, dem Sensationalismus des Einzelnen zuwendet. Probleme, die sich in den Produkten der Gentechnik, wie zum Beispiel in „Glowing Animals“ manifestieren. Suter zitiert hier den Nobelpreis für Chemie, der 2008 für die Entwicklung des Grün fluoreszierenden Proteins verliehen wurde. Das der Qualle Aequorea victoria entstammende Protein agiert im Organismus als Biomarker und macht Prozesse wie die Entwicklung von Nerven- oder Krebszellen sichtbar. Ein in der Grundidee guter Gedanke, der allerdings in bewusst produzierten Phänomenen wie leuchtenden Schafen, Katzen oder Hunden eine pervertierte Vollendung findet.

Ist die Fähigkeit etwas zu können, gleichzeitig auch die Berechtigung etwas zu tun? „Elefant“ liefert eine klare Antwort auf diese komplexe Frage: Nein. Denn wenn es um Gentechnik geht, geht es immer auch um Eigeninteressen. Das spezifische Interesse, das das einzelne Individuum an dem Genprodukt hat. Diese Kollision aus Eigeninteressen ergibt bei Martin Suter einen Handlungsstrang, der packender nicht sein könnte. Geld, Liebe, Bestimmung, Religion, Disziplinierung, Toleranz, Ethik und Moral – in „Elefant“ treten Interessenskonflikte personifiziert in Erscheinung und beweisen, dass wir noch nicht bereit sind für die Zukunft. Und es wahrscheinlich auch niemals sein werden.

Erstmals befinden wir uns in einer Zeit, in der sich Technik und Wissenschaft schneller entwickeln als unser soziokultureller Status. Unser Geist ist noch nicht im Entferntesten bereit für seinen Auswurf. Mir hat sich dieser Effekt an einem kleinen, rosa Elefanten bewiesen. Einem kleinen, rosa Elefanten, den ich bis zur letzten Seite beschützen wollte. Beschützen vor der Hab- und Machtgier einzelner Entscheidungsträger. Beschützen vor einer Welt, die noch gar nicht für ihn bereit ist.

„Elefant“ ist im Februar 2017 im Diogenes Verlag erschienen.

 

Vielen Dank an dieser Stelle an Placevaventura für Fotos im rechten Licht. Danke auch an Bohaeme für die zweifelsfrei endlose Geduld, die mir trotz geisteskrank anmutender Bildbearbeitungsanfrage entgegengebracht wurde.

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