Kulturkubus

Februar 10, 2017 / 6 — 8min read / No Comments

Die Quadratur des Kreises und den Grund dafür, warum man im Glashaus nicht mit Büchern werfen soll, habe ich in der neuen Stadtbibliothek Stuttgart entdeckt.

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Der Mensch als vernunftbegabtes Wesen muss sich von Verschlossenheit verhöhnt fühlen. Es kann nur dieser Gedanke gewesen sein, der den Grundstein für die neue Stadtbibliothek Stuttgart gelegt hat. Anders lässt sich die Architektur der Außenfassade, die sich vor jedem schürfenden Augen verschließt, nur schwer erklären. Wie ein unbezwingbarer Betonwall stemmt sich der Literaturmonolith seinen Besuchern entgegen, die sich am Mailänder Platz so wohlproportioniert vor seinen Fenstern formieren. Nicht wenige versuchen ihre eigenen Augen durch jene des Würfels zu schaben, um zumindest einen flüchtigen Blick auf sein Inneres zu erhaschen. Und auch ich mische mich ins Getümmel um die unerbittlich versperrte Wissensschale auszuhöhlen. Doch mehr als eine sachte Ahnung gibt der Betonbau von alleine nicht von sich preis. In seiner Anmutung gewaltig wie ein Berg will er bezwungen werden. Und weil er weiß um die Unfähigkeit des Menschen, sich mit der Unvollkommenheit von Wissen zufriedenzugeben, kann er fest auf seine Gäste zählen.

 

 

„Die meisten Menschen stecken ihre Bücher in die Bibliothek, die meisten Schriftsteller stecken ihre Bibliothek in ihre Bücher.“

Nicolas Chamfort

 

Harte Schale, harter Kern?

Eine kluge Strategie, an der sich die Touristen, denen sich die Stadtstimmung sonst an allen Ecken und Enden fast schon anzüglich anbiedert, offensichtlich stoßen. Selbst meine Gedanken finden Anklang an der verschlossenen Wissensanstalt und stimmen in die allgemeine Ablehnung ihres Gefängnisanhauchs mit ein. Es entsteht der Wunsch sie zu entdecken. Und auch, wenn es in Anbetracht eines Grenzwalls vor den eigenen Augen schwer fällt, so kommt doch unweigerlich der Ahagedanke auf: Hier hat die Architektur ihre Aufgabe mustergültig und nach Lehrbuchauftrag erfüllt. Die Ahnung wird zum Absolutismus, liest man sich erst einmal in die Architekturgeschichte des erst 2011 eröffneten Kulturkubus ein. So wurde die Glasbausteinfassade bewusst beklemmend gestaltet, um den Weltkern der Kultur symbolisch von seiner hektischen Kruste abzugrenzen. Gleichzeitig will er erforscht werden, der undurchschaubare Raum, und macht sich damit das fast profane Marketingprinzip menschlicher Neugier zunutze.

 

„Wie der Einband eines Buches die erste Botschaft aussendet, steht der schroffe, provokante Entwurf des Würfels für die Aufforderung, Neugier zu entwickeln, um das Innere der Form zu betreten und zu entdecken.“

Susanne Laugwitz Aulbach, Leiterin des Kulturamts

 

Und selbst ich bin vor dem ältesten Trick der Welt nicht gefeit und dringe vor ins vermeintlich Undurchdringliche. Hier durchlebe ich angesichts der ausgewiesenen Mahngebühren fürs kreative Ausdehnen von Rückgabefristen erst einmal ein unangenehmes Flashback. Chaosmenschen wie ich, die Zeitplänen genauso viel abgewinnen können wie der Stringtheorie, sind im Vergleich zur Buchausleihe mit ihrem Kauf wirtschaftlich wesentlich besser beraten. Ein paar Schritte weiter erlebe ich aber, was Architekt Eun Young Yi so treffend als räumliches Entschälen bezeichnet hat.

 

 

„Wenn die Bibliothek ein Modell des Universums ist, so sollten wir versuchen, sie in ein dem Menschen gemäßes Universum zu verwandeln. Mit einem Wort: eine lustvolle Bibliothek, in die man gerne geht.“

Umberto Eco

Vom Hirn zum Herz

Anfangs wirkt alles noch sehr plastisch, sehr mechanisch. Kleine, grelle Lichtkegel leuchten den Wissensfundus an Büchern vielleicht um ein paar Lichtstärken zu künstlich aus. Das einfallende Licht wird durch die schmalen Fenster scharf beschnitten, ein Eindringen der Außenwelt bis aufs Abstrakteste reduziert. Und doch fühlt man sich befremdlich zu Hause in dieser fingierten Wirklichkeit. Wie sollte es denn auch anders sein? Immerhin stapeln sich in der Stadtbibliothek Stuttgart insgesamt 460.000 Medien zu stattlichen Kulturklötzen. Ganze 500.000 sollen es werden. Betreut werden Besucher und Besuchte von 150 Mitarbeitern, die sich nicht nur auf die zehn Stockwerke, sondern auch die diversen Außenstellen des deutschen Kulturkabinetts verteilen. Den Weg vorbei an Digital- und Druckmedien, an Schallplatten und Audioguides, an James Joyce und Frank McCourt, bahnt man sich als bekennender Buchfanatiker von alleine. Für weniger Wagemutige gibt es aber auch einen virtuellen Videospaziergang, der mit dem eigenen Smartphone durch den begehbaren Würfel führt.

 

 

Die Besichtigung der Bibliothek schreitet wie die Geschichte in einem Buch sehr geduldig voran. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Höhepunkt des Bibliotheksausflugs. Noch ist er nicht zu sehen, doch man spürt schon, dass er sich anbahnt. Und erst als die Geduld die Grenzen des Aushaltbaren ertastet, dringe ich zum Kern des Wissensquaders vor. Bezeichnenderweise wird der Mittelpunkt des Gebäudes, der sich nur den beharrlichsten Bücherpionieren erschließt, als Herz betitelt. In Form und Farbe hat das Innenleben des Literaturmotivs zwar nur wenig mit seinem organischen Namensvetter gemeinsam. Doch sobald man die ewige Sphäre, in der tausende und abertausende Bücher unter dem Licht einer gläsernen Decke baden, erreicht hat, lässt der eigene Herzschlag erahnen, woher der Name rührt.

 

So viele Werke der Literatur kämpfen hier verbissen um Raum, dass man laufen will, aus Angst, man habe nicht mehr genug Zeit, sie alle zu erfassen. Weite und Offenheit der Atmosphäre bekräftigen den Beschluss. Doch in Anbetracht des Sicherheitspersonals halte ich mich respektvoll im Zaum. So erschließe ich Literatur zu jedem möglichen und unmöglichen Themengebiet im gezügelten Tempo, erforsche Ebene für Ebene mit mäßigem Schritt, bis ich schließlich im obersten Stockwerk, knapp vor der endlichen Erleuchtung der Glasdecke, angekommen bin. Schließlich entführt ein Aufzug auf den Freiraum einer Dachterrasse, der die Brennweite der eigenen Perspektive noch ein letztes Mal aufbricht. Und noch während ich über den Dächern Stuttgarts und auf Augenhöhe mit den Stadtkränen den Kopf auslüfte, kommt mir der Gedanke, dass ich gerade eben Kreise in einem Quader gedreht habe. Fast ein wenig wie die Literatur in meinem Leben ist mir auch die Stadtbibliothek zum Sinnbild für mehr Möglichkeit geworden: Zur Quadratur des Kreises.

Fünf plus eins Fakten über die Stadtbibliothek Stuttgart:

Die Öffnungszeiten der Bibliothek beschränken sich auf die Zeitzone zwischen 09.00 und 21.00 Uhr. Speziell für Nachteulen wurde aber die Bibliothek für Schlaflose installiert, die 24 Stunden am Tag geöffnet hat und Spielfilme, Hörspiele, Jugendbücher, Romane sowie Englische Literatur – alle angelehnt ans Thema Nacht – enthält.

  • Im achten Stockwerk der Bibliothek befindet sich die sogenannte Graphotek, in der auch Kunstwerke ausgeliehen werden können.
  • Ebenfalls auf achter Ebene ist die LesBar angesiedelt, in der passend zur literarischen Kost Verlockendes wie Kaffee oder ein Stück Kuchen serviert wird.
  • Durch den Videospaziergang „Worte und Taten“, der dank WLAN vor Ort auch problemlos mit dem eigenen Smartphone gekoppelt werden kann, ist die Bibliothek gemeinsam mit Videoguide Fred auch virtuell erfahrbar.
  • Auf Ebene Eins finden Musikinteressierte eine der größten und bedeutendsten Musikbibliotheken Deutschlands, die durch ihre Mediendiversität mittlerweile als eigenes Musikkompetenzzentrum
  • Das erste Buch im Bestand der Stadtbibliothek Stuttgart bildet ein Sammelwerk geschrieben und gezeichnet von Besuchern, Autoren, Baupartnern und Personal sowie Vertretern aus den Bereichen Bildung und Kultur. Das Buch wurde im Grundstein des Bibliotheksneubaus verewigt und enthält literarische Liebeserklärungen loyaler Leser: „Die Bücherei ist ein Ozean voller Worte, Buchstaben, Bilder und Töne! Sie lässt einen eintauchen in fremde Welten, Kulturen und Leben und man wird reicher jedes Mal. Es macht mich glücklich und dankbar a dem Ozean der Bücherei teilhaben zu dürfen.“

 

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