Zufallsbegegnungen

November 10, 2018 / 4 — 6min read / No Comments

Zufall – ein leichtes Wort, für schwere Sekunden. „Kinder des Zufalls“ wirft Fragen auf, die sich mit dem Zufall eigentlich nicht beantworten lassen. Und es trotzdem tun.


Sie wollte ihr Herz schlagen spüren, schnell.
Also macht sich Charlotte auf ins Ungewisse. Eine Reise nach Amerika führt sie zu Collin, dem sie Sehnsucht beibringt. Eine Sehnsucht, die er auch dann noch fühlen wird, wenn sein Herz sich schon seinem letzten Schlag, dem langsamsten, nähert. Er hinterlässt ihr einen Sohn. Maxwell.

 

„Hunderte Zufälle waren nötig, damit wir beide uns begegnen. Das Kind, unser Kind, ist aus all diesen Zufällen geboren.“

 

Annegret fügt sich ihrem Schicksal. In ihrem Herz schläft die Tragödie. Eine Tragödie, die sich ihr, einem Kind des Zweiten Weltkriegs, aufs Schonungsloseste offenbart hat. Ihre Gefühlswelt fest in sich verborgen, vermählt sie sich mit Bernd, einem einfachen, weil keine Fragen stellenden Menschen. Nebeneinander leben sie. Miteinander nicht. Und was Ineinander leben bedeutet, wenn auch nur kurz, vermittelt ihr Nicolaj, ein Russe, der unvermittelt ihren Weg kreuzt. Er hinterlässt ihr eine Tochter, Elisabeth.

Als Maxwell und Elisabeth aufeinander treffen, sind sie „Kinder des Zufalls“. Ein Buch, geschrieben von Autorin Astrid Rosenfeld, die es versteht, Geschichten aufs Unglaublichste miteinander zu verweben. Das Buch beschreibt Lebensparallelen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch zueinander finden. Berührungspunkte finden sie zum Beispiel in der Begegnung von Maxwell und Elisabeth, mitten in der texanischen Wüste. Er, ein verlorener Cowboy, sie, eine verwehrte Tänzerin, suchen in der Fremde ihre Wurzeln – und finden sie schließlich ineinander. Es ist weniger ihre Gegenwart, die sie verbindet, als ihre Geschichte. Eine Geschichte, von der der Leser viel mehr versteht und weiß, als Maxwell und Elisabeth selbst.

 

 

Astrid Rosenfeld, die Autorin von „Adams Erbe“ und „Elsa ungeheuer“, hat mit „Kinder des Zufalls“ ein Buch geschrieben, das die Tragweite der eigenen Entscheidungen unsanft bewusst macht. Immer wieder stößt man sich an Figuren, die Entscheidungen treffen, die wahnwitzig wirken, unüberlegt und unbedarft – und durch die Biografie ihrer Protagonisten doch die einzig Schlüssigen, die einzig Zulässigen sind. All das geschrieben in einer Prosa, die man nicht mehr aus der Hand legen will, weil man sich tief verliert in diesen unfassbar tragischen, aber gerade deshalb unsagbar schönen Geschichten. Keine gleicht der andere, und doch eint sie alle ein entscheidendes Element: der Zufall. Der Zufall, den man nicht Schicksal nennen will, weil das schwerer klingt.

Zufälle, die, wie im Falle von Charlotte, fast provoziert, fast gewollt wirken. Am meisten habe ich mich an ihrer Person gerieben. Wahrscheinlich, weil ich ausgerechnet in ihr, in der man es am wenigsten will, vieles von mir wiedererkenne – ein Bekenntnis, das ich nicht leicht über die Lippen bringe. Denn Charlotte trifft Entscheidungen, die egoistisch sind. Entscheidungen, die andere Menschen verletzen, die andere Menschen verloren zurücklassen. Und manchen unter ihnen nicht einmal die Chance übrig lassen, danach wieder zurückzufinden.

Dabei macht Charlotte etwas, was doch verständlich wirkt: Sie will ein Leben führen, das ihr Herz schneller schlagen lässt. Will sich spüren, will wahrhaft am Leben sein, unabhängig von äußeren Gefühlen. Auch ich spüre diese Regung in mir. Und es ist keine feine Regung, weil man Dinge spüren will, einfach nur um sie zu spüren – und nicht um danach noch mehr mit ihnen anzustellen. Dann wird man zu der Sorte Mensch, die man nie verstanden hat. Der Sorte Mensch, die in fremde Lebensstationen einfährt wie ein entgleister Güterzug, Eindruck schafft, ausschert und abfährt, als wäre nie etwas gewesen. Und ob bewusst oder unbewusst – man hinterlässt Spuren. Manchmal sind diese Spuren klein, manchmal größer, und manchmal sogar so groß wie ein Kind.

 

„Für diejenigen, die sich nur vom Schlag ihres Herzens leiten lassen, ist der Zufall der einzige Wegweiser.“

 

 

Wir mögen sie Konsequenzen nennen, wir mögen sie Schicksal nennen, Astrid Rosenfeld nennt sie „Kinder des Zufalls“ – und nimmt ihnen damit die Schwere, das Schicksalhafte, das ihnen anlastet. Das Berechnende, das wir manchmal in einer Entscheidung, die wir nicht verstehen wollen, wähnen. Doch nicht alle Entscheidungen passieren aus Berechnung, passieren aus einem beabsichtigten Grund. Manche Entscheidungen treffen wir nur, um unser Herz schlagen zu spüren. Manchmal schneller, manchmal langsamer. Und doch immer schnell genug, um etwas in Gang zu setzen. Und ob es zerstört, ob es zusammensetzt, oder ob es sich unserem Verständnis vollkommen entzieht – vielleicht war es am Ende eben einfach nur Zufall. Wollte niemandem weh tun, wollte einfach nur sein.

 

 „Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben; intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte.“

 Henry David Thoreau

 

„Kinder des Zufalls“, ein Buch, das tief berührt. Erschienen im September 2018 im Kampa Verlag.

 

Astrid Rosenfeld: »Kinder des Zufalls« (Videoporträt) from Kampa Verlag on Vimeo.

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