In einer Person

Januar 14, 2017 / 6 — 9min read / One Comment

Rollentausch. Der Frage nach der eigenen Identität geht John Irving ausgerechnet durch den Blick einer Figur nach, die genau weiß, wer sie ist – und damit in allen anderen verheerende Verwirrwirkung erzeugt.

William Dean, auch genannt Billy Dean, Bill oder im späteren Verlauf der Handlung auch zu einem William Abbott getauft, ist anders. Zumindest ist es das, was ihm in der konservativen Kleinstadt First Sister, Vermont, vom ersten Moment gelebter Selbstversuchung an in die Geschichte geklebt wird. Als Sohn einer frommen Mutter, Neffe einer eiskonservativen Tante und Enkel einer zum Eispflock erstarrten Großmutter vereint Bill wertkonservatives Wissen in sich. Stärker angezogen fühlt er sich jedoch immer schon von den männlichen Vertretern seiner Verwandtschaft. Während Williams Großvater ihm vor allem als Schauspieler imponiert, fasziniert sein Vater durch die anregende Abwesenheit in seinem Leben. Das Geheimnis, das um Williams Erzeuger gespannt wird, dehnt ihn, wie das so oft ist im Leben, nur zu einem noch fantastischeren Fantasiegebilde aus.

Und so beginnt Bill Nachforschungen anzustellen, in den Jahrbüchern seiner Schule. Doch noch drängt sich Leben zwischen die Seiten seines Stammbaums – und wie bei John Irving üblich, sehr eigentümliches Leben. Die Bühne seines Lebens bildet schon im Kindes- und Jugendalter das Theater First Sisters. Hier vollzieht sich mitten im Präsens eines traditionellen Publikums tradierter Rollentausch. Denn während Williams Großvater regelmäßig in Frauenkleider schlüpft, verwandeln sich Klischeemänner zu zarten Shakespearefiguren und seine beste Freundin Elaine zu ihren eigenen Wunschbildern. So macht Bill schon früh die Erfahrung, dass Exzentrik zwar im Schauspiel, nicht aber im eigenen Wesen toleriert wird. Immer wieder erfährt er in den Rollen, die ihm sein Stiefvater Richard Abbott an den Leib schneidert, Applaus und Akzeptanz, während er für die einzige Rolle, die er nicht mimt, sondern tatsächlich ist, ausnahmslos auf Ablehnung stößt.

 

 

Geheimnisvolles wie die zart gehegten Kindergefühle für die Bibliothekarin, Miss Frost, den eigenen Stiefvater und den Schulchauvinisten schlechthin, werden William als Zeichen von Andersartigkeit angedichtet. An kleinen, knospenden Brüsten findet er ebenso Gefallen wie an großen, männlichen Händen. Eigenschaften, die vor allem in seiner Mutter auf festen Widerwillen stoßen. Und dass die Schaumstoffbrüste seines Großvaters, aufgeführt vor Publikum, auf Gegenliebe stoßen, während ein Büstenhalter auf seiner eigenen Brust nacktes Entsetzen entblößt, ist ihm völlig unerklärlich.

„Man kann nicht für die Falschen schwärmen, Bill. Du kannst es dir nicht aussuchen, für wen du schwärmst.“

In einer Person

 

Seine seltsamen Schwärmereien, auffälligen Affinitäten, aber auch die Abweisung, die er dadurch erfährt, werden ihn sein Leben lang klassifizieren, doch geben sie ihm auch Stoff für die Geschichten, die er als Schriftsteller für die Fantasielosen festhält. Denn wie das Leben abseits der Bühne eben so spielt, sind es ausgerechnet die Menschen, die ihn am wenigsten verstehen, die ihn am verzweifeltsten verstehen wollen.

„Wenn es nach meiner Mutter ging, war ich schon Schriftsteller, bevor ich irgendetwas zu Papier gebracht habe, womit sie nicht nur meinte, dass ich Sachen erfand oder mir ausdachte, sondern auch, dass ich diese Art des Phantasierens oder bloßen Ausdenkens dem vorzog, was anderen Leuten für gewöhnlich gefällt, womit sie natürlich die Realität meinte.“

In einer Person

 

Wie bei John Irving üblich, trifft man als Leser wiederholt auf die ein oder andere Absurdität, ohne sie als solche wahrzunehmen. John Irving versteht sich auf die Kunst, das Unmögliche möglich scheinen und das Unerhörte erhört klingen zu lassen. Seite für Seite begegnet man Charakteren, die einen gewissen Widerwillen des Verstandes hervorrufen, weil sie so phantasmagorisch erscheinen. Doch beobachtet aus der Perspektive des Erzählers, die jede Begebenheit passiv beäugt, erzeugt selbst das Unwahrscheinlichste noch einen wahrscheinlichen Eindruck. Bei John Irving ist alles möglich – von Bären in Hotelanlagen, über Frauen, die eigentlich Männer sind, bis hin zu Figuren, die ihr Leben lang in einen Pappbecher spucken, weil sie zu viel Speichel produzieren.

 

 

„In einer Person“ war – wie ich es von John Irving gewohnt bin – ein langatmiges Leseerlebnis. Ich liebe die Bücher, die dieser amerikanischen Denkerstirn entspringen, weil sie auf so wundervolle Art und Weise schlichtweg nicht möglich sind. Dennoch muss man sich auf Irving einlassen – es braucht immer viel Geduld, Beharrlichkeit, das Bestreben, das Ende zu kennen sowie einen staubkörnigen Charakteranteil an Toleranz, um seine Romane bis zum Schluss zu lesen. Doch sind sie den Starrsinn immer Wert, weil sie Botschaften tragen, die sich einprägen, einzementieren und erhärten zu einem ewig währenden Wissensbeton. Viele Bücher, gelesen zur flüchtigen Unterhaltung, werden vergessen ehe man die letzte Seite zugeweht hat. Doch ist mir niemals auch nur ein einziger Charakter, den John Irving gezeichnet hat, jemals verloren gegangen. John Irvings Geschichten tragen sich stets zu wie ein Wunder – sie treten unerwartet in Erscheinung und bleiben zurück in ewiger Erwartung auf ihre Wiederkehr.

Der Diogenes Roman ist ein klassischer John Irving Geniestreich, der das Thema Identität von einer völlig neuen Warte betrachtet. Nach dem Lesen aller 722 Seiten musste ich erst einmal viel über das Zusammenspiel von Titel und Inhalt nachdenken – um zu verstehen, was uns die Gesamtkomposition sagen will. Lange Zeit dachte ich, das Buch behandle, indem es die Lebensgeschichte, Sinnsuche und Stammbaumrecherche des Erzählers beschreibt, auch dessen Identitätssuche. Bis ich verstehen lernte, dass genau die Spiegelung dieses Verdachts der Fall ist. Die Identität einer Person ist nicht nur wichtig für die Person selbst, sondern auch, wenn nicht sogar noch mehr, für die Menschen, die sich mit ihr umgeben. Denn das Wissen, mit wem ich es zu tun habe, führt die Regie für mein eigenes Verhalten. Die Hauptfigur William Abbott stellt sich zu keiner Zeit in Frage. Er nimmt seine Avancen als gegeben an. Viel mehr erleiden alle anderen in seiner Gegenwart den totalen Identitätsverlust. Billy ist weder hetero, homo- noch transsexuell. Er ist einfach, wer er ist – und zwingt damit allen anderen eine Antwort ab, zu der sie die Frage nicht kennen. Letztlich sind wir immer nur das Ergebnis unseres Gegenübers. Wir sind jeden Tag 1.000 Menschen, tragen für jeden Moment das passende Gesicht und studieren für jedes Lebensstück eine neue Rolle ein. Doch wer sind wir, wenn wir das Publikum nicht kennen? Wer bin ich, wenn ich nicht weiß, mit wem ich es zu tun habe? Ob ich Freundin, Kollegin, Schwester, Bruder, Verbündete, Vermeidende, Verletzte oder Erhabene bin, erfahre ich immer erst im Moment der zwischenmenschlichen Gegenüberstellung. Doch wenn ich nicht weiß, wer vor mir steht, wie verhalte ich mich dann? Welche Rolle nehme ich ein? Welches Stück habe ich zu spielen? Wie spreche ich jemanden an, dessen Name ich nicht kenne? Welches Verwirrspiel damit einhergeht, beweist sich doch schon durch die Tatsache, dass John Irvings Hauptfigur keinen Namen trägt. Jede Nebenfigur gibt ihr einen anderen. Jeder Charakter tauft die Hauptperson in Anlehnung an seine eigene Wahrnehmung – und so trägt er, William, Billy, Bill oder, an vereinzelter Stelle sogar Nymphe genannt, auf nahezu jeder Seite einen neuen Namen. Selbst beim Lesen dieser Rezension sorgt das Namensspiel, das ich bewusst wechselhaft getrieben habe, für die kontinuierlich auftreibende Frage: „Mit wem habe ich es zu tun?“, und stiftet so Verwirrung.

Ich denke, dass „In einer Person“ ein wohldurchdacht artikulierter Aufruf zu mehr Toleranz ist. Dass das Andere uns Angst macht, liegt nicht daran, dass wir das Andere nicht kennen – sondern daran, dass wir uns nicht kennen.

 

„So spiele ich in einer Person viele Menschen. Und keiner ist zufrieden.“

William Shakespeare

 

1 Comment

  1. masennus

    on Februar 15, 2017 at 11:10 pm

    It’s very straightforward to find out any topic on web as
    compared to books, as I found this piece of writing at this
    website.

Schreibe einen Kommentar

© 2018 Phoetry by Rafaela Carmen Scharf. All rights reserved. Impressum