Goldrausch

August 17, 2017 / 6 — 8min read / No Comments

Will man Gatsby verstehen, muss man tief schürfen. Warum der Roman oft missverstanden wird und Gatsbys Vergangenheit schwerer wiegt als ein Goldbarren, habe ich anhand von Francis Scott Fitzgeralds Wortschatz analysiert.

 

In den vergangenen Monaten ist es still um mich geworden, zumindest dann, wenn man meine Lautstärke am Verbalschwall auf meinem Blog zu ermessen versucht. Im echten Leben hingegen ist es mir ziemlich laut vorgekommen – um genau zu sein so laut, wie knallende Korken und Konfettikanonen einer kolossalen Gatsby Party eben sein können. Denn in den letzten Monaten habe ich mich eben dieser Aufgabe gewidmet: der Aufgabe, eine Gatsby Party in neuer, astronomischer Größenordnung zu schmeißen und sogar mehr noch, sie auch mit Feingefühl zu feiern. Hintergrund dieses wahnwitzigen Vorhabens waren aber weder Übermut noch Wahnsinn, sondern schlicht und einfach so weltliche Nebensächlichkeiten wie die Gründung meines eigenen Unternehmens, nämlich die meiner Blogger Community Comepass.

Gegründet wurde die Vision realer Fantasie von meiner Gefährtin Eva und mir. Geläutert hat sie mich in den letzten Monaten, in denen sie nicht nur meine Zeit, sondern auch meine Poesie mehr als beherzt in Anspruch genommen hat. Es blieben nur kleinste Zeiteinheiten für poetische Blog Entfaltung, nicht eine darunter gereift genug, um meinem persönlichen Anspruch gewachsen zu sein. Denn für meine Beiträge will ich mir Zeit nehmen. Ich möchte keine halbherzigen Halbwahrheiten ausstoßen, nur um überhaupt etwas von mir zu geben. Ich denke Dinge gerne zu Ende, bevor ich sie entstehen lasse. Und in den letzten Monaten habe ich nicht nur einiges Großes zu Ende, sondern auch gleich einiges Glorreiches zu Anfang gedacht.

Poetische Party

Seinen Höhepunkt fand der Gedankenstrom in hunderten von glitzernden Glasflaschen, aus denen er sich schließlich auf der Greatest Gatsby Party ergoss. Einer Party, auf der wir den viel zitierten, den Zwanzigern so verwandten Gedanken des Anfangs feiern wollten. Wir wollten Chancen feiern, und Zukunft. Wir wollten Möglichkeiten auf den Champagnerseen in unseren Gläsern schwimmen und über den Rand schwappen lassen. Wir wollten unseren Jubel aufs Potential aus Posaunen speien und mit Goldkonfetti und -konfekt in der Luft schwirren sehen. Und uns berauschen an der satten, schier phänomenalen Bejahung allen Seins. Und wir haben es getan. In vollsten, verschwendungssüchtigsten Zügen. Standesgemäß und wohl jedem Stil gerecht werdend auf einer Great Gatsby Party, einer Party, die das leuchtende Licht der Zukunft in einem Grün so grell wie jenes auf dem Steg des Goldkindes Daisy leuchten lässt.

 

 

Die Gegenwart ist die Vergangenheit von morgen

Daisy Buchanan – Hauptfigur eines nicht unwesentlichen Buchs von Francis Scott Fitzgerald, das die Zukunft, nicht die Vergangenheit feiert. Denn anders als von vielen angenommen mahnt „The Great Gatsby“ nicht etwa zur Andacht ans Gestern, sondern viel mehr zum Willkommensgeheiß des Morgens. Ich kenne kaum eine Geschichte, die so oft missverstanden und fehlinterpretiert wird wie die von Jay Gatsby. Immer wieder stoße ich im Zusammenhang mit Gatsby Partys auf die völlig aus dem Zusammenhang gerissene Textstelle:

 

„Ich würde nicht zu viel von ihr erwarten“, wagte ich ihm zu raten. „Man kann die Vergangenheit nicht wiederholen.“ „Die Vergangenheit nicht wiederholen?“, rief er ungläubig. „Aber natürlich kann man das!“ Er blickte sich aufgeregt um, als lauerte die Vergangenheit gleich hier im Schatten seines Hauses, nur knapp außer Reichweite seiner Hand. „Ich werde alles genauso herrichten, wie es vorher war“, sagte er und nickte entschlossen. „Sie wird schon sehen.“

Er redete viel von der Vergangenheit, und ich hatte den Eindruck, dass er etwas Bestimmtes wiederzufinden versuchte, eine Vorstellung von sich selbst vielleicht, die in seine Liebe zu Daisy eingeflossen war. Seit fünf Jahren war sein Leben verworren und ungeordnet, doch wenn er, ein einziges Mal nur, an einen bestimmten Ausgangspunkt zurückkehren und langsam alles noch einmal durchgehen könnte, vielleicht würde er dann herausfinden, was dieses Etwas war.

 

Es ist exakt dieses Zitat, zu dem Gegenwartsgäste gern ihre Gläser erheben, die Party rundum bestaunen, ihren Puls spüren und mit wissendem, in seiner Ausführung fast schon spöttischem Grinsen an besagtes Gatsby Zitat zurückdenken wollen: „Die Vergangenheit nicht wiederholen? Aber natürlich kann man das!“

Dabei geht es doch bei Gatsby aller Ehrerbietung des Gewesenen zum Trotz ums genaue Gegenteil. Gatsby scheitert, gerade weil er versucht die Vergangenheit zu wiederholen. Über seinem verzweifelten Versuch Begebenheiten, Momente, Gedanken und Gefühle, kurzum, alles, was war, nachzustellen, vergisst er die Gegenwart, und mehr noch die Zukunft. Für Gatsby gibt es nur die Wiederholung des bereits Geschehenen. Alles, was dieser Wiederholung wiederspricht, entsagt dem goldenen Glanz seiner Erinnerung. Doch Empfindungen kann man nicht wiederherstellen. Das Menschliche ist nicht reproduzierbar, andernfalls wäre es nicht menschlich. Erst das Vergängliche unterscheidet uns von leblos Verwestem. Und im festen Vertrauen auf dieses Wissen müssen wir auch unsere Gegenwart gestalten. Nichts wird sich jemals wieder so anfühlen wie beim ersten Mal. Schon beim zweiten Mal schmeckt das Schokoladeneis anders als beim ersten. Weil wir der Versuchung des Vergleichs erliegen. Und weil wir die Umstände vergessen, unter denen ein Zustand überhaupt erst entstanden ist. So vergisst auch Gatsby bei aller Beharrlichkeit seines Bestrebens, dass er zwar in der Vergangenheit gelebt hat, für alle anderen nahm das Leben allerdings seinen Werdegang. Neue Eindrücke und Empfindungen hielten steten Eingang in die Gegenwart, während seine eigene nur ewig in selben Bahnen fuhr, bis sie sich verfuhr und schließlich ganz verlor.

Die letzten Worte. Zitate aus „Der große Gatsby“

Francis Scott Fitzgerald ruft mit seinem größten Werk also keineswegs, wie fälschlicherweise so oft angenommen, zu einem Hochhalten der Vergangenheit auf. Fitzgerald hat Jay Gatsby nicht etwa zum Ideal seiner Zeit stilisiert, sondern ein Exempel an ihm statuiert. Ein Exempel, das daran erinnern soll, dass wir unser Leben im vollen Bewusstsein auf sein Jetztpotential bis zur letzten Sekunde – sowohl von Vergangenheit, Gegenwart als auch Zukunft – leben und erleben sollen. Genau dieses Lebensprinzip hat er uns mit seinem wohl wichtigsten Werk begreiflich zu machen versucht. Ein Versuch übrigens, von dem die Worte in dem Buch so voll sind, dass der Lebenssaft in einem einzigen Reinerguss aus ihnen trieft. Zur besseren Veranschaulichung habe ich das Buch noch einmal gelesen und meine persönlichen Lieblingszitate aus dem Buch zusammengeklaubt. Nachempfinden empfohlen:

„Die Sonne schien, ich sah die Blätter an den Bäumen wie im Zeitraffer sprießen und da regte sich in mir die vertraute Gewissheit, dass das Leben mit dem Sommer neu beginnt.“

„Man sieht in der Tat viel mehr vom Leben, wenn man nur aus einem Fenster hinausschaut.“

 

„Es war die Stunde eines tiefgreifenden menschlichen Wandels und die Atmosphäre lud sich mit freudiger Erregung auf.“

 

„Doch sein Herz befand sich in andauerndem, wildem Aufruhr.“

 

„Die Zwanglosigkeit von Gatsbys Partys barg romantische Möglichkeiten, die ihrer Welt gänzlich fehlten.“

 

„Menschen, die sich selbst vollkommen zu genügen scheinen, versetzen mich fast unweigerlich in ehrfürchtiges Staunen.“

 

„Sich im Urteil zurückzuhalten ist eine Sache grenzenloser Hoffnung.“

 

Vielen Dank an Lebensmensch Eva von Placevaventura für die wundervollen Fotos und ans Hotel Hilton Vienna Plaza für ein unvergessliches, goldenes Fest. 

 

 

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