Das Streben nach Licht

November 24, 2016 / 7 — 9min read / 2 Comments

Von farbigen Schatten und farblosen Lichtern. Die Grundfarben der Seele hat Goethe in einem etwas anderen Werk studiert.

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Im Oktober, wenn die Welt wieder ihre alte Farbtracht herausholt, färbt sich nahezu alles zu einem besinnungslosen Bacchusrausch. Passend dazu hat auch mein Blog sein Antlitz blätterbunt bemalt. Dass ich mich im Herbst mit dem Thema „Farben“ auseinandersetzen wollte, war naheliegend.

Der Malkasten der Natur ist im November zwar fast schon wieder leer. Längst haben die ersten Wintermotten am Herbsttextil gefressen. Doch schon nach kurzer Auseinandersetzung mit der Farbnatur ist mir klar geworden, dass ihr Phänomen nicht an Jahreszeiten gebunden ist. Auch wenn die Bäume allmählich das Licht von ihren Ästen schütteln. Das Streben nach Farbe bleibt ungebrochen in uns bestehen.

 

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Überall wird es sichtbar. An den Hausfassaden, die wir bemalen, weil wir das Grau nicht ertragen können. An der Malkreide am Asphalt, mit dem Kinder die Monotonie der Straße verwischen. Und auf Teneriffa, wo schwarze Strände mit weißem Saharasand aufgeschüttet werden, weil Touristen am Dunkel kein Licht tanken wollen.

Doch setzt man sich mit dem Thema Farbe auseinander, kommt man unweigerlich auch an einem anderen vorbei: Licht. Das hat schon Goethe erkannt. Weil ich mehr über die Farbpoesie und ihre Verse wissen wollte, bin ich tiefer in ihre Textur getaucht – und schon nach kurzer Googlerecherche auf keinen geringeren als Goethe gestoßen. Wusstet ihr, dass der bedeutendste Repräsentant deutscher Dichtung gleichzeitig auch der Begründer der Farbenlehre war? Der Großmeister der Poetik lehnte sich 1810 mit einem mehr als 1000 Seiten umfassenden Farbwerk nicht nur gegen die klassische Lehre nach Newton auf, sondern auch ganz schön weit aus dem Fenster. Goethe hatte sich so sehr an der Theorie des Naturwissenschaftlers, nach der Farben aus der Brechung weißen Lichts hervorgehen, gestört, dass er dessen anerkannter Lehre seine eigene entgegenstellte – und nach allen Regeln der Kunst und Optik mit ihnen brach.

Doch was war es, was den Dichter dermaßen aufbrachte? Weil ich mehr wissen wollte, habe ich mir die ganze Farbenpracht Goethes direkt nach Hause bestellt – im Kompaktformat, versteht sich. Denn selbst für Vielleser wie mich wären 1000 Seiten Pinselstriche in einer Woche zu viel der Vielfalt gewesen. Und da ich von Physik etwa so viel verstehe wie von Stellarstatistik habe ich auch von einer wissenschaftlichen Abhandlung des Themas abgesehen. Die Wissenschaft wird es mir danken. Gern geschehen.

Poetisch aber habe ich mir das Thema durchaus zugetraut und mir die Dichtkost daher in wohl proportionierter Buchform zugeführt. „Die Farbenlehre Goethes. In einer Textauswahl für Künstler“, erschienen im ars momentum Verlag, beantwortete mir die Frage nach Goethes Kontrastprogramm gleich am Anfang. An dem Ansatz fand ich Gefallen, befand Goethe doch das Wechselspiel von Licht und Schatten als Farbmischer der Welt.

 

„Gegenwärtig sagen wir nur so viel voraus, dass zur Erzeugung der Farbe Licht und Finsternis, Helles und Dunkles, oder, wenn man sich einer allgemeineren Formel bedienen will, Licht und Nichtlicht gefordert werde.“

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

Wenn die gute Laune blau macht

Für die abstrakte Kunst ist der Ansatz sicher ein aufschlussreicher Gedanke. Doch was bedeutet das fürs echte Leben? Über die Dualität von Licht und Schatten habe auch ich mir schon viele Gedanken gemacht. Denn obwohl mir die meisten Menschen ein entschieden Positives zuschreiben, zieht auch mich der negative Pol magnetisch an. Klar, Licht ist meine Lieblingsfarbe. Doch ist mir mein Schatten immerzu dicht an den Fersen. Schwarz und Weiß leben in jedem von uns. Wichtig ist nur, in welchem Verhältnis. Mein Herz zum Beispiel beanspruchen Hell und Dunkel zu gleichen Teilen. Und am liebsten male ich mit Sonnengelb. Trotzdem geht auch mir manchmal die Farbe aus und übrig bleibt nur ein trister Ton.

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Bei Goethe ist Blau die eine Farbe, die sich am nächsten am Dunkel bewegt. Dementsprechend macht auch bei mir die gute Laune mal blau. Es gab sogar Zeiten, da kannte ich gar keine anderen Farben als alle Abstufungen von Blau bis Grau zu Schwarz. Damals wusste ich noch nicht, dass einem erst die Dunkelheit ein Gespür für Licht verleiht. Und dass Farbe nur durch das Gemisch von Hell und Dunkel entstehen kann. Heute weiß ich es – und gehe mit Finsternis ganz anders um. Anstatt mich davon verschlucken zu lassen, versuche ich mich darin zu finden. Man kann sich an die Dunkelheit gewöhnen, indem man sich ans Licht erinnert. Und auch in völliger Dunkelheit kann es Farben geben. Man sieht sie nur nicht. Bedeutet das aber gleichfalls, dass sie nicht da sind? Kann ich die Farben an den Wänden nicht auch in völliger Dunkelheit noch beschreiben? Und entsteht ein Fotoalbum nicht erst in der Dunkelkammer?

Damit ihr euch im Dunkeln dennoch zurechtfindet, teile ich Goethes Leitfaden für die Farbe von innen mit euch. Nur zur Sicherheit. Selbst der erfahrenste Elektriker hat eine Taschenlampe zu Hause:

 

1. Wie leicht die Farbe entsteht:

 

„Wir haben beobachtet, dass die Farbe unter mancherlei Bedingungen sehr leicht und schnell entstehe.“

Ganz gleich wie dunkel es auch sein mag, seid euch dessen gewahr, dass die Möglichkeit auf Licht zu jeder Sekunde zu gleichen Teilen gegeben ist. Manchmal passiert es plötzlich, in anderen Fällen graut es erst allmählich auf. Aber es passiert. Von eurem Licht könnt ihr euch ebenso wenig trennen wie von eurem Schatten. Beides ist Teil von euch.

2. Wie energisch die Farbe sei:

„Bei näherer Betrachtung aber kann man allen Farberscheinungen eine hohe Emphase zuschreiben.“

Auch das Dunkle hat seinen Reiz. Manchmal übt es eine regelrechte Faszination auf uns aus. Selbst die Tragödie hat ihre Schönheit. Erst der Kontrast verleiht einem Kunstwerk Kontur. Dieses Wechselspiel von Höhen und Tiefen trägt sich in unserem Leben überall zu und macht es doch erst spannend. Was ist ein Lied ohne Höhen und Tiefen? Welche wirklich gute Geschichte entbehrt jeder Tragödie? Wie würden wir wohl einen Menschen beschreiben, der nicht ein markantes Merkmal besitzt? Anstatt also die Augen vor der Dunkelheit zu verschließen, reißt sie auf und fragt euch: „Was kann ich hier wohl noch finden?“ Vor einer weißen Wand imponiert selbst Dunkelgrau dem Auge.

3. Wie entschieden die Farbe sei:

„Entstehen der Farbe und sich entscheiden ist eins.“

Weder Licht noch Farbe sind Produkte des Zufalls. Sie folgen naturwissenschaftlichen Gesetzen. Licht ist kein Glücksmoment. Licht ist eine Entscheidung. Wollt ihr nicht glauben? Dann stelle ich euch an dieser Stelle eine Frage: Hattet ihr zu Hause schon einmal einen Stromausfall? Was habt ihr dann getan? Habt ihr den Schalter umgelegt oder seid ihr im Dunkeln sitzen geblieben?

4. Wie leicht die Farbe verschwindet:

„Was seit der schnellen Erregung und ihrer Entscheidung bisher bedacht worden, die Mischung, die Steigerung, die Verbindung, die Trennung, so wie die harmonische Forderung, alles geschieht mit der größten Schnelligkeit und Bereitwilligkeit. Aber eben so schnell verschwindet die Farbe auch wieder gänzlich.“

Werdet euch der Vergänglichkeit von Farbe bewusst, dann lernt ihr sie auch zu schätzen. Immerzu versuchen wir verzweifelt an ihr festzuhalten. Wir konservieren, wir renovieren, wir restaurieren – aber es liegt in der Natur der Farbe, dass sie irgendwann abblättert. Glaubt in diesem Zusammenhang aber auch an ihre Gesetzmäßigkeit. Die Frühlingsknospe blüht nach einem langen Winter im schönsten Rosarot.

5. Was die Mischung aus beiden Seiten hervorbringt:

„Haben die Enden des einfachen Gegensatzes durch Mischung ein schönes und angenehmes Phänomen bewirkt, so werden die gesteigerten Enden, wenn man sie verbindet, noch eine anmutigere Farbe hervorbringen, ja es lässt sich denken, dass hier der höchste Punkt der ganzen Erscheinung sein werde.“

In mir herrschen Hell und Dunkel zu gleichen Teilen. Was mich ausmacht, ist ihr Anteil an mir. Ich bin dankbar für jede Dunkelheit in meinem Leben, danach sah das Licht immer so glitzernd aus. Erst diese Verwischung der Eintönigkeit macht mein Leben vollkommen, macht mich zu dem, was ich bin. Doch in all meiner Beschäftigung mit Farbe, dieser Außendispersion fürs Auge, hat mich ein Gedanke am meisten fasziniert: Manchmal liege ich unter der Sonne, bade im Licht und plötzlich spricht mich jemand von der Seite an. Wisst ihr, was ich dann tue? Ich sage: „Warte kurz, ich will diesen Moment genießen“, und schließe meine Augen.

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2 Comments

  1. Elina

    on November 24, 2016 at 6:26 pm

    Sehr interessant, dass auch du der lebende Beweis dafür bist, wie unentbehrlich das Licht und die Farben für den Menschen sind. Ich gehe davon aus das wir Menschenkinder von dem Vatersonne und der Muttererde sind und ueder einzelne das Licht in sich trägt. Tausende von Menschen nutzten und nutzen heute noch die Hählen als Kraftfeld, um im Dunkeln so lange dort zu meditieren, bis sie ihr eigenes Licht sehen.

    Ich sende dir Licht und Farben der Glückselligkeit! Fühl dich umhühlt von Liebe …deine Elina

    • Phoetry

      on November 24, 2016 at 8:27 pm

      Liebe Elina,

      Danke für deinen charmanten Kommentar. 🙂 Wenn ich mich wirklich als wandelnden Beweis für die Magie der Farbe betrachten darf, dann habe ich wohl tatsächlich einen völlig neuen Farbton definiert: Rafaela. Hell, rauschend, mit Schwarzpigmenten. 🙂 Ich freue mich sehr, dass du deine Kraft in der Meditation zu finden scheinst. Ich ziehe mein Licht aus der Tinte, mit der ich schreibe. Doch genau betrachtet ist beides sogar irgendwie dasselbe. 🙂

      Danke für deine lieben Wünsche, ich nehm sie heute Abend mit unter die Decke!! Dann muss ich nicht alleine schlafen. 🙂

      Alles Liebe,
      Rafaela

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