Farbenlehre

November 17, 2016 / 6 — 8min read / 2 Comments

Manchmal ist Schwarzweiß meine Lieblingsfarbe. Das Leben will aber leuchten in Bunt. Ich verrate euch, wie man seinen Gedanken den richtigen Anstrich verleiht.

Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich einen Schlussstrich unter Dinge ziehe und sie damit schon vor ihrer Zeit beende. Einer der Gründe dafür liegt in meiner unermesslichen Ungeduld. Das ist eine Charaktereigenschaft, die man als von Ehrgeiz getriebener Mensch leider nur schwer ablegen kann. Der andere Grund ist aber durchaus bearbeitbar, liegt er doch in einer generalisiert falschen Grundhaltung: in unserer konstanten Suche nach der Antwort auf die Frage „Warum?“ – und unsere Unfähigkeit sie zufriedenstellend zu beantworten.

Wir alle sind von dieser Frage getrieben, unser ganzer Zeitvertreib hier auf Erden ist Beweis dafür. Die Wissenschaft, die selbst die kleinsten Teilchen in ihre Bestandteile zerlegt, nur weil sie ihr Wesen im Kern verstehen will. Die Kunst, die die Dinge in Farben, Wörter, Noten zerlegt, um ihrer Ästhetik auf den Grund zu gehen. Jeder einzelne Mensch da draußen, der sich in all seinen Erfahrungen Tag für Tag selbst seziert, sich im Spiegel der Gesellschaft erkennt, verkennt und wieder neu versteht. Jedes Mal wenn wir das Licht anmachen, immer wenn wir die Rollo hochziehen und verschlafen ins Sonnenmeer schauen, wann immer wir müde in den Bildschirm blinzeln, wir suchen nach einer Antwort und ziehen das Helle dem Dunklen vor. Was wir auch betrachten, betrachten wir unter dem Mikroskop der Erkenntnis. Immerzu wollen wir wissen, was dahinter steckt. Selbst hinter der einfachsten Sache.

„Wer Schwarzweiss denkt, dem graut vor Zwischentönen.“

Jürgen Wilbert

 

Genau hieraus resultiert aber auch unsere Misere und der Grund für das viel zitierte, und noch viel öfter verstörende Schwarzweißdenken. Wir können die Frage nach dem Kausalobjekt Leben nicht beantworten und begnügen uns mit einem Kompromiss. Wir antworten auf die wichtigsten Fragen nicht mit einem offenen „Vielleicht“, sondern mit einem endgültigen „Ja“ oder „Nein“. So können wir Prozesse beenden, abschließen, uns verschließen – und nehmen uns damit gleichzeitig die Möglichkeit auf jede farbenfrohe Empfindung. Immerzu trachten wir nach der einen, der richtigen Antwort, und übersehen dabei die vielen, die zu ihr geführt haben.

farbenlehre-goethe

 

„Unser Leben ist wie eine Farbpalette: viele Mischtöne, wenig Schwarzweiß, aber sehr viel Farbe.“

Helmut Glaßl

 

„Warum hat er keine Zeit für mich?“, „Warum meldet er sich nicht?“, „Warum öffnet er sich nicht?“„Weil er mich nicht mag.“

„Warum habe ich den Job nicht bekommen?“, „Warum habe ich die Prüfung nicht bestanden?“, „Warum nur bekomm ich manchmal nicht ein einziges Wort aufs Papier?“ – „Weil ich nicht gut genug bin.“

Glaubenssätzen wie diesen gehen wir im Stundentakt auf den Leim, ohne es überhaupt zu bemerken. Mit ihrer Hilfe gestalten und sortieren wir unser Leben, doch schlichten wir gemeinsam mit den Fragen auch alle Hoffnungen, Möglichkeiten und Träume in schwarze – selten auch in weiße – Schubladen. Doch wozu soll dieses Schwarzweißdenken führen, wenn nicht zum traurigen Irrglauben, dass es keine Farben gibt? Dazu, dass man immer nur alles oder gar nichts sieht und blind wird für alles dazwischen? Dazu, dass man lebt für den Verstand, nicht aber fürs Gefühl? Nur weil wir eine Farbe nicht benennen können, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Wie trostlos wäre die Welt, wenn sie immer nur Winter wäre? Wenn es kein Herbstbunt, kein Frühlingsgrell und kein Sommerblau gäbe? Wenn die Maler großer Künste immer nur schwarze und weiße Pinselstriche verwischt hätten?

 „Farben sind Illusion. Ich denke farbig.“

Frank Dommenz

Damit ich mich an den Farben der Welt erfreuen kann, versuche ich mich bewusst von diesen traurigen, schwarz gemalten Sätzen zu distanzieren, die mir manchmal über die Lippen laufen. Damit auch ihr den Malkasten herausholen und eurer Sichtweise einen neuen Anstrich geben könnt, am besten gleich in Neonfarben, teile ich mein persönliches Sprachvermögen an Irrglauben mit euch. Diese Gedanken sind der Grund dafür, warum ich manchmal endlose Tage und noch längere, dunkle Nächte lang, durch meinen eigenen Moder wate. Dann versuche ich einfach diese Sätze zu analysieren, zu zerteilen und mich durch jedes neue Satzglied ein bisschen besser kennenzulernen. Vielleicht können wir die Frage nach dem Warum des Lebens nicht beantworten – aber sehr wohl die Frage nach dem Warum unserer Perspektive darauf.

Meine kleine Farbenlehre

  • Gedanken sind wahr: Wir neigen dazu, unsere Gedanken als die eine Wahrheit wahrzunehmen. Doch das ist ein Irrtum. Mein Gedanke ist mein eigener Zugang zu einem Thema, im besten Fall beladen mit Hoffnung, im schlimmsten mit Zweifel und in den meisten Fällen ist er sowieso verzerrt. Wenn ihr euch also nachts im Bett wälzt, weil ihr glaubt die Antwort gefunden zu haben, und sie euch mit ihrer Wortgewalt von innen zerreißt, dann haltet kurz inne, atmet kurz die schlaftrunkene Luft um euch ein und werdet euch einer Sache bewusst: Ihr habt nicht die Antwort gefunden, sondern nur eure Version davon. Ob sie wahr oder falsch ist, davon wisst ihr nichts. Und wenn sie euch nicht gefällt, dann reibt euch einfach einmal fest über die Augen und erzeugt euch mitten im Schlafzimmerschwarz euer eigenes Kaleidoskop.
  • Alles ist einfärbig, Schwarz oder Weiß: Es gibt mehr als eine Möglichkeit, als nur einen Ausgang einer Sache. Manchmal ist der eigene Blick so verblendet, so vernächtet, dass man die Tür nicht mehr findet und man einfach den Notausgang nimmt. Das ist vielleicht der sicherere weg, weil er zu einem Ausweg führt, ohne dass man sich verläuft. Aber der einfache ist auch der ebenerdige Weg, ohne Höhen, ohne Tiefen, ohne Wendungen und Ausweichmanöver – weil er immer nur in eine Richtung geht, die wir schon kennen. Habt den Mut eine Tür zu öffnen, hinter der ihr den Weg noch nicht erahnen könnt. Gönnt euch manchmal ein Vielleicht, ein Womöglich, und leuchtet euren Tunnelblick mit Hoffnung aus. Lasst euch vom Leben überraschen. Wir sehen Farben und nehmen sie an als gegeben. Aber denkt doch einmal an dieses Spektrum aus tausendfach, millionenfachen Lichtern, die zu dieser Farbe geführt, die sie gemischt haben. Das Leben ist keine Grundfarbe. Grün ist nicht grün. Es ist eine Mischung aus Gelb und Blau. Farbe ist die schönste Form von Kompromiss.
  • Ich habe es nicht anders verdient: „So ist es immer“, „Das ist mein Schicksal“, „Das ist mein Fluch“ – diesen mentalen Müll könnt ihr gleich wieder ausmisten. Geht immer davon aus, dass ihr das Beste und nie, nie, nie weniger verdient habt als das! Warum auch? Wofür solltet ihr bestraft werden? Es gibt keine universelle Macht, die euch immerzu nur den Kompost des Glücks zuschaufelt. Doch mit diesen Gedanken kehrt ihr euch die Abfallprodukte eurer Kognitionen praktisch selbst ins Haus. Schluss damit! Aus und Ende! So kitschig, und abgedroschen und platitüdenbekehrt es auch klingen mag: Es gibt für alles einen Grund. Und dieser Grund ist bestimmt nicht der, dass es euch schlecht gehen soll und muss. Glaubt ihr nicht? Fragt Shakespeare:

 

„Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht.“

William Shakespeare

phoetry-blog

2 Comments

  1. Jürgen Koller

    on November 23, 2016 at 4:04 pm

    Ein weiterer wundervoller und beeindruckender Text. Am liebsten würde ich sie mir alle sofort durchlesen aber…ich gönn sie mir bewusst in Abständen.

    „…Dazu, dass man lebt für den Verstand, nicht aber fürs Gefühl? Nur weil wir eine Farbe nicht benennen können, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt.“ Danke Rafaela.

    • Phoetry

      on November 24, 2016 at 4:56 pm

      Lieber Jürgen,

      Ich glaube, der Dank liegt ganz auf meiner Seite. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel mir so viel Zuspruch bedeutet. Mir war der Tag heute so vernebelt. Und dann malst du mit diesem freundlichen Kommentar plötzlich einfach so in mein Stillleben. Danke, danke, danke! Und keine Angst, du kannst in vollen Zügen genießen – ich bin poetischer Nahversorger, und noch lange nicht fertig mit der Tipperei. 😀 Ich habe gerade erst angefangen. 🙂

      Alles Liebe und in Vorfreude auf dein nächstes Feedback,
      Rafaela

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