Sinnfüller

August 22, 2018 / 6 — 8min read / No Comments

Einen Dolmetscher für meine Poesie habe ich in der Edelfeder von Waldmann gefunden.

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Manche Briefe schreiben sich schwerer als andere. Abschiedsbriefe zum Beispiel. Noch keine vier Wochen ist es her, seitdem ich die letzten Worte an meinen Vater in bedächtig gewähltes Briefpapier kratzen musste. Eine Grabbeigabe. Das ist alles, was am Ende noch übrig bleibt. Am Ende bleiben Worte. Die Gesagten ebenso wie die nicht Gesagten. Erinnern wir uns, so erinnern wir uns stets im Kontext von Sprache. Denn das einzige, was uns verbindet, und dann doch wieder trennt, sind Worte. Worte, die schmeicheln, schneiden, zerrütten und dann doch wieder zusammensetzen.

Deshalb setze ich mehr auf Geschriebenes als auf Gesagtes. Papier gibt uns einfach mehr Zeit als ein Gesprächspartner, um uns adäquat auszudrücken. Papier ist so unendlich geduldig. Und verzeiht uns mitunter auch das Vergehen von falsch gewählten Worten. Das Schreiben ist immer auch ein ehrlicher Prozess. Ehrlich, uns selbst, und auch allen anderen gegenüber. Um diesem Prozess angemessene Bedeutung zu verleihen, greife ich beim Schreiben auch gerne auf angemessene Schreibinstrumente zurück. Sobald ich etwas wirklich Wichtiges, etwas, was den Strom des Lebens verlaufen lässt wie ein Fass voll Tinte, aufzuschreiben habe, verwende ich meine Füllfeder.

 

Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain

 

 

Meine Füllfeder erzählt ebenso wie meine Briefe eine wichtige Geschichte, denn ich habe sie letztes Jahr von einem sehr wichtigen Menschen zum Geburtstag bekommen. Ich hatte mir schon immer eine kostbare Füllfeder gewünscht. Eine Feder ist für Sprachästheten auch in einer Ära der Tastaturen unerlässlich. Beim Schreiben mit einer Feder fühle ich mich unweigerlich ergriffen. Plötzlich bekommt jedes Wort etwas so Pathetisches. Doch was, wenn nicht Worte, sollte würdevoll verewigt werden? Worte wie, „lieben“, „verlieren“, „erinnern“, „leiden“, „kämpfen“, „bereuen“, „verschulden“, „vergeben“, „vergessen“ oder „verabschieden“, Worte, die eigentlich geweint, und nicht gesagt werden müssten, haben Würde. Und diese Würde lässt sich nur mit einer Feder wirklich festhalten.

Die Edelfeder – Für das perfekte Fingerspitzengefühl

Ich verewige die Würde meiner Worte mit einer „Edelfeder“. Die „Edelfeder“ kommt aus dem Hause Waldmann, die seit mehr als hundert Jahren erlesene Schreibgeräte von Hand fertigt. Begonnen hat das deutsche Unternehmen mit Druck- und Drehbleistiften, Kugelschreiber und Füllhalter folgten schon kurze Zeit später. Für die Produktion der Poesietransmitter werden ausschließlich hochwertige Materialien wie Gold, Silber, oder Messing verwendet. Charakteristisch für die Waldmann Federn ist das sogenannte „Wiener Muster“, von der auch die Federspitze meines Füllers verziert wird. Das „Wiener Muster“ ist eine Technik, die nur noch wenige Graveurmeister beherrschen und die jede einzelne Feder zum vollendeten Unikat macht. Mich erinnert das „Wiener Muster“ ein wenig an die schwungvollen Reliefs, die sich auf den vielzähligen Otto Wagner Gebäuden in Wien wiederfinden – eine semantische Verwandtschaft, die wahrscheinlich kein Zufall ist.

 

 

Meine „Edelfeder“ verfügt über eine Edelstahlspitze aus Iridium, einem harten, weiß glänzenden Edelmetall. Dadurch ist die Spitze beim Schreiben sehr widerstandsfähig und hält auch stärkerer Belastung stand. Die starke Spitze ist ideal für Schreiber wie mich, die dazu neigen, zu viel Druck auf den Füller auszuüben. Das liegt auch an meiner, in ihrer Form einmaligen Fehlhaltung des Füllers, die darauf zurückzuführen ist, dass ich das Schreiben schon vor dem Schulantritt eigenmächtig erlernen wollte – mit dem Resultat, dass ich es mir falsch beigebracht habe und nun immer wieder auf diesen Makel aufmerksam gemacht werde. Die „Edelfeder“ liegt außergewöhnlich gut in der Hand. Das gesamte Gewicht verlagert sich in die Spitze, wodurch man ebenfalls weniger Druck einsetzt. Der Tintenfluss ist trotzdem satt, was dazu führt, dass die Feder seidenweich über das Papier gleitet und die Hand selbst bei stärkeren Inspirationsschüben nicht müde wird. Ein weiterer Pluspunkt ist die Schönheit der Feder, deren Aufsatz mit einem Guilloche, einem gleichmäßigen Linienmuster, geschmückt wurde. Mein Füllhalter verfügt über eine Edelstahlfeder, doch ist er auch mit einer Goldfeder erhältlich. Die persönliche Präferenz ist sicher auch eine Frage des Preises.

 

 

Wenn die Feder ihren Zweck erfüllt

Für alle, die weniger Geld für eine gute Feder aufwenden, jedoch trotzdem auf Qualität setzen wollen, habe ich hier noch einmal die wichtigsten Kriterien für einen guten Füllfederhalter in einer Kurzübersicht zusammengefasst:

Ergonomie: Grundsätzlich gilt, die Feder sollte sich an die Hand anpassen – nicht umgekehrt. Eine Feder kann noch so optimiert, noch so veredelt sein, wenn die Finger beim Schreiben ständig auf die Federspitze rutschen, wodurch man die Tinte verschmiert, dann sollte man auf ein anderes Modell setzen.

Material: Eine qualitätvolle Feder hält auch starkem Druck stand. Federspitzen aus hochwertigem Edelstahl sorgen dafür, dass die Federflügel auch bei Texten, die mit Nachdruck geschrieben werden, nicht nachgeben.

Füllart: Bei Füllfederhaltern unterscheidet man grundsätzlich zwischen Patronenfüllern und Kolbenfüllern. Kolbenfüller sind komplizierter, was die Befüllung betrifft und spätestens seit der Erfindung der Patronenfüller selten geworden. Kolbenfüller werden durch die Füllfederspitze gefüllt, sobald die Tinte leer ist. Die Tinte wird über ein Tintenfass aufgenommen. Der Vorteil von Kolbenfedern besteht vor allem in der Tintenvielfalt. Durch die direkte Aufnahme der Tinte durch die Federspitze sind auch schnelle Farbwechsel möglich. Bei Patronenfüllern dauert es meistens eine Weile, bis die Feder nach einem Patronentausch die neue Farbe annimmt. Das hat mit dem Kapillareffekt zu tun, durch den die Feder mit der Tinte versorgt wird. Kolbenfüller sind heute vor allem bei Nostalgikern beliebt. Wer Tintenkleckse vermeiden möchte, sollte eher auf den klassischen Patronenfüller setzen.

Händigkeit: Entscheidend beim Kauf einer Feder ist die Händigkeit – Linkshänder sollten keinesfalls eine Feder für Rechtshänder erstehen. Linkshänderfedern haben spezielle Eigenschaften, die verwischte Tinte am Papier verhindern. Ihr Tintenauftrag ist trocken, bei Qualitätsfedern aber trotzdem satt. Darüber hinaus ist das Schreibkorn von Linkshänderfedern so geschliffen, das der Verschleiß von vornherein vermieden werden kann.

Was mir an meiner Feder am besten gefällt, ist zwar mehr einem Zufall verschuldet, doch möchte ich es dennoch nicht unerwähnt lassen. Die Waldmann Feder wird im Schwarzwald produziert, der Region, in der auch mein Vater aufgewachsen ist. Versehen mit dem „Wiener Muster“ besteht aber auch eine Verbindung zu Wien, jener Stadt, in der ich geboren worden bin. Und so strömt meine Ursubstanz einmal mehr in einen Teich aus Tinte – und hält mich dort zusammen.

Für meinen nächsten Geburtstag steht übrigens erneut eine Waldmann Feder auf meiner Wunschliste – die Feder „Tuscany“ in Roségold ist mehr Schmuckstück als Füller, doch sollte sie in meiner Sammlung auf keinen Fall fehlen. Und mit welcher Feder schreibt ihr am liebsten?

 

 

 

 

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