Der kategorische Superlativ

März 9, 2019 / 4 — 6min read / No Comments

Warum den Millenials allmählich die Luft ausgeht.

Die Zeit in meinem Leben hat Heißhunger. Sie verschluckt das Verbotene, all die süßen Minuten des Seins. Das Verbotene, das ist die Zerstreuung. Das Nichtstun. Das Nichtssein. Wie gerne würde ich einmal einfach nur nichts sein, niemand sein. Keine Maske tragen, keine Identität spiegeln, spielen, polieren, perfektionieren. Fünf Minuten am Tag nur nicht der Idealversion meiner Selbst entsprechen. Das sportliche Ich, das lesende Ich, das kultivierte Ich, das aktive Ich, das gesunde Ich, das vitale Ich, das kochende Ich, das backende Ich, das karriereorientierte Ich, das effiziente Ich, das eloquente Ich, das ordentliche Ich, das soziale Ich, das liebende Ich, das sinnliche Ich, das schreibende Ich, das Überich – es fällt schwer, all diese Persönlichkeitsfacetten zu bedienen. Und vom Es habe ich noch nicht einmal angefangen. Noch schwerer fällt es allerdings, all diese Facetten zufriedenstellend zu bedienen. Zufriedenstellend, das bedeutet, so zufriedenstellend wie die anderen. Denn der Vergleich ist meinem Leben zur Maxime geworden.

Chronisch genial? Chronisch krank

Das Phänomen, das ich anspreche, ist kein singuläres. Das Phänomen, das ich anspreche, betrifft eine ganze Generation, meine Generation – die Generation Y. Geboren zwischen 1980 und 1999 kennzeichnet die Generation Y, auch Millenials genannt, vor allem ein Charakteristikum: die Unzufriedenheit. Die chronische, alles platt tretende, alles ernüchternde, alles relativierende und alles ausnehmende und ausweidende Unzufriedenheit. Die Sucht danach, mehr zu sein, als wir sind, wringt uns aus wie wir unsere Schweißtücher nach der obligaten Sporteinheit. Unser Leben ist so anstrengend, wie nie. Aussprechen dürfen wir das aber nicht, denn die Generationen vor uns, insbesondere die Nachkriegsgeneration, hatte es doch um so vieles schwerer. Das mag stimmen. Doch auch wir haben ein Recht, unglücklich zu sein.

Ein Recht, das mit dem Aufkommen von Social Media, Lifecoachings und Motivationsmessen verwirkt zu sein scheint. Dennoch beharre ich darauf. Doch das ist nur eine Seite der Generation Hochglanz. Der Vergleich, dem wir uns aussetzen, gesellt sich gut und gerne zum Druck, dem uns andere aussetzen. Ein Geschwisterpaar, das quengelnder nicht sein könnte. Die Anforderungen, die wir selbst und andere an uns stellen, gleichen einem chronischen, kategorischen Superlativ. Eine Norm, die wir nie erfüllen können. Angestellte sind nicht engagiert, wenn sie nicht länger als zehn Stunden am Tag arbeiten. Selbstständige sind zum Scheitern verurteilt, wenn sie das Wochenende auch als solches betrachten. Nordic Walker werden belächelt, weil sie nicht laufen. Läufer sind keine echten Läufer, weil sie nur fünf und nicht zehn Kilometer weit laufen. Fleischesser sind der Tumor der Gesellschaft. Vegetarier ihr Abszess. Und Veganer sind überhaupt die wahren Umweltsünder, weil ihre maßlose Sojavöllerei die Welt wie ein Ölteppich aus Monokulturen vergiftet. Sind wir sportlich, sind wir nie sportlich genug. Sinn wir dünn, sind wir magersüchtig. Sind wir dick, sind wir fettsüchtig. Sind wir normal, sind wir zu durchschnittlich – und fallen aus der allgemeinen Wahrnehmungsgrenze. Wer einkaufen geht, ist ein Opfer der Konsumgesellschaft. Wer es nicht tut, ist kein Teil von ihr. Wer Tiere hat, ist Tierschützer – und wehe dem unbedarften Unhold, durch dessen Haubenbommel ein vom Wind bezirztes Katzenhaar wedelt. Schon ist der Mensch zum Monster degradiert. Und wollen wir uns auch nur einem einzigen dieser Wahnwitzansprüche entziehen, geraten wir in einen charakterscheuernden Gewissenskonflikt. Wenn wir sagen: „Ich kann nicht“, meinen wir vermeintlich: „Ich will nicht.“ Wenn wir meinen: „Ich will nicht“, sagen wir angeblich: „Ich kann nicht“. Alles, was wir sind, ist eine Ausrede. Vom wahrhaftig Menschsein verstehen wir nichts mehr. Wir haben es verlernt, weil wir Lernen am Modell – und das Modell heißt Facebook, Instagram und Co. und ist eine unenttarnte Lüge. Ein Scheinbild, ein Rendering, das wir in Wirklichkeit nie sein werden. Wir verwandeln uns in Avatare, agieren ständig als Alter Ego von uns selbst. Und nichts von alledem sind wirklich wir. Was ist noch übrig, von uns selbst? Wie viel von uns selbst dürfen wir überhaupt noch sein?

Offline anfangen, online aufhören

Wo ich den Grund für das Übel wähne? Die Beantwortung dieser Frage eröffnet für mich eigentlich nur eine weitere Frage, eine Forschungsfrage: Beeinträchtigt Social Media unsere Identität? Sind wir den Neuen Medien endlich gewachsen? Nein. Ich vermute, dass wir als kurzatmige Generation aus Social Media Testdummies in die Geschichte eingehen werden. Neue Regeln der Mediennutzung werden sich auf unseren Unzulänglichkeiten gründen. Und der Umgang mit dem virtuellen Überich wird ein anderer, weil ein kompetenterer sein. Vielleicht schaffen wir es aber auch, als Wegbereiter in die Geschichte einzugehen – vielleicht gehen wir auch als jene in die Geschichte ein, die die Gefahren und Langzeitwirkungen schon vor der Apnoepandemie erkannten. Vielleicht fangen wir einfach wieder von vorne an. Vielleicht fangen wir da an, wo wir online aufhören – und entdecken uns wieder ein bisschen mehr in uns selbst, anstatt in den anderen.

Danke an Eva von Placevaventura für das Ablichten des allgemeinen Stimmungsbildes.


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