Der Weg des Künstlers

Oktober 24, 2018 / 8 — 10min read / No Comments

Wie ich den Ausbruch aus meiner Alltagsstarre geschafft und mich auf einer spirituellen Reise selbst gefunden habe.

{Press Play for Full Poetry Mode On} Die perfekte, musikalische Untermalung zu diesem Text liefert das Lied „Holocene“ von Bon Iver.

Heute habe ich beim Autofahren ein Kinderlachen vom Straßenrand mitgenommen. Es flog durchs Fenster herein, ganz schrill, und echt, und ehrlich – und zerriss mir das Herz. Kennt ihr das? Ihr betrachtet ein Foto aus alten Kindertagen, seht das Leuchten, den Anfang in den Augen, und alles, was ihr sagen wollt, ist: „Entschuldige, bitte. Es tut mir leid.“

Dann wendet ihr den Blick ab, von der verblichenen Vergangenheit, und betrachtet euch im Spiegel, euer Selbstbild, euer sogenanntes – und alles, was ihr machen wollt, ist euch selbst ein Glas Wasser ins Gesicht zu schütten. Um aufzuwachen. Aufzuwachen aus dem Traumbild, das ihr jeden Tag aufs Neue in der Welt inszeniert. Einer Welt, die sich in Wahrheit ihre Augäpfel aushöhlt auf der Suche nach eurer Authentizität. Einer Authentizität, die ihr ihr nicht geben könnt, weil ihr sie selbst nicht mehr findet. Weil ihr sie verloren habt, irgendwo auf der Straße zwischen Kindheit und Gegenwart. Irgendwo zwischen Damals und Jetzt.


Doch wo haben wir uns verloren? Und wann haben wir aufgehört, Kind zu sein?
Genau diese Fragen begannen vor ein paar Monaten in mir zu sieden. Als ich einmal mehr an einem Text saß und verzweifelt versuchte, eine Idee aus meinem Kopf zu pressen. Er wollte mir nichts geben, außer Buchstabenketten, die sich wahllos vor meinen Augen zerlegten, zusammensetzten, und am Ende doch nicht mehr waren als ein leerer Setzkasten – auf dem nichts gedeihen konnte, weil da nichts mehr war. Ich hatte wohl, was man in der Fachsprache eine Schreibblockade nennt. Doch eigentlich war ich einfach nur leer. Und ich wusste nicht, warum. Denn ich hatte doch ein so volles, überfülltes Leben. Ich hatte jede Gier nach Reizen befriedigt, hatte alles mitgemacht, alles erlebt. Und doch konnte ich nichts mehr geben, nichts mehr ausschenken aus mir in dieses reine, weiße Blatt hinein. Ich wollte schon aufgeben, wollte es sein lassen, das Ding mit dem Schreiben. Da fand mich etwas, was ich an sich nicht gesucht hatte: „Der Weg des Künstlers.“

Der spirituelle Wegweiser von Julia Cameron eröffnete mir nicht nur einen neuen Weg der Selbstwahrnehmung, sondern völlig neue Welten. Innerhalb weniger Monate riss das Buch, wobei es sich in meinem Fall um die Hörbuchversion handelte, mitten auf Waldwegen, Autobahnen und Überbrückungen meine sperrigsten Blockaden ein. Julia Cameron predigt die Inhalte ihres Ratgebers schon seit 1992, dem Jahr seiner Veröffentlichung. Die Autorin, Dramatikerin, Journalistin und Wegweiserin hat sich das Ziel gesetzt, das Buch auf der ganzen Welt zu verbreiten um es jenen Menschen zugänglich zu machen, die es am dringendsten brauchen. Keineswegs betrifft das nur Künstler, oder Schriftsteller im engeren Sinn. Nein, es betrifft jeden Menschen. Denn nach Julia Cameron steckt die Kreativität in jedem von uns. Wir müssen nur lernen, sie uns zu erschließen.

Persönlich bewegt hat mich Julias ureigener Zugang zur Geschichte. Julia verbrachte ihre jungen Jahre in Koexistenz von Alkohol und Drogen. Irgendwann erreichte sie einen Punkt, ab dem sie ohne Alkohol nicht mehr schreiben konnte. Eine bekannte Schriftstellerschwäche, verwässert sie doch die Sorgen, Ängste und Panikattacken, die einem so manches Mal beim Schreiben ergreifen, zu einem durchdringlichen Fluidum. Doch was man alkoholisiert anzapfen konnte, musste doch auch abstinent vorhanden sein – so einfach Julias Gedankengang zu ihrer Abhängigkeit. In ihr regte sich etwas, ihr innerer Künstler – und mit ihm begann eine spirituelle Reise, die ein Buch hervorbrachte, das mich geöffnet hat. Ein Buch, das auch ich an dieser Stelle in die ganze Welt verstreuen will.

 

„Artists are people who have learned to live with doubt and do the work anyway.“

 Julia Cameron

 

„Der Weg des Künstlers“ ist, kurz umschrieben, ein zwölfwöchiges Programm zur spirituellen Selbstfindung. Bemerkenswert ist in meinem Fall, dass ich aus einem Zwölfwochen- ein Sechsmonatsprogramm entwickelt habe. Der Grund dafür ist durchtränkt von Schwermut. Als im Juli diesen Jahres mein Vater plötzlich verstarb, musste ich das Programm pausieren. Die sogenannten „Morgenseiten“, die man im Rahmen des Programms jeden Morgen verfassen muss, waren bei mir zu dieser Zeit nicht mehr als ein morbides Versatzstück. Jeder Tag begann mit einem Abschlussgedanken – eine Situation, die ich aus reinen Selbstschutzgründen unterbinden musste.

Auf der klassischen Zeitachse dauert das Programm aber tatsächlich nur drei Monate. Drei Monate, die geprägt sind von Arbeit. Harter Arbeit an sich selbst. Man muss sich schon einlassen, auf das Programm. Denn die Aufgaben sind unnachgiebig. Sie fordern ein beachtliches Zeitkontingent. Die wohl wichtigsten Programmpunkte bestehen in den „Morgenseiten und im „Künstlertreff“. Die „Morgenseiten sind der Technik der Schreibmeditation entnommen. Kurz umrissen geht es darum, jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen, drei Seiten ungefiltertes Gedankengut aufs Papier zu bringen. Störfaktoren wie Smartphones sind konsequent auszublenden. Eigene Gedanken behandelt man – wie in der Meditation – völlig wertfrei. Ziel der „Morgenseiten“ ist es, das freie Schreiben wieder zu erlernen. Der eigene Gedankenregler wird entmachtet. Die Gedanken, die aus dem sogenannten Bewusstseinsstrom emporkommen, lässt der Anwender der Technik völlig frei fließen. Dass man unabhängig von den Umständen schreiben, kreativ sein kann, beweisen die „Morgenseiten“ am Ende des Programms durch ihre unfassbare Fülle. Ich habe in den vergangenen Monaten nicht weniger als 342 Seiten geschrieben – ein ganzes Buch, wenn man so will. Einiges darunter war Schwachsinn, anderes erläuterte mir Tiefen und Untiefen meiner Seele und so manches mal war sogar etwas Brauchbares, Wiederverwertbares dabei. Was ich vor allem gelernt habe, ist, in meinem tiefsten Inneren auf die Qualität meiner Texte zu vertrauen – und mich im ersten Schritt ausschließlich auf die Quantität zu konzentrieren. Ein Ansatz, der mich von vielen, innerlichen Verhinderungen befreit hat.

Die zweite Übung, der sogenannte „Künstlertreff“, zwingt Praktizierende zum regelmäßigem Rendezvous mit sich selbst. So muss man einmal pro Woche einen Ausflug ganz alleine unternehmen. Eine Übung, die den Zugang zu sich selbst wieder eröffnen soll. Anfangs war es für mich noch schwierig, mein Handy auszuschalten und mich ins Feld zu wagen. Doch schon nach zwei Ausflügen füllten sich meine Gedichtbände praktisch wieder wie von selbst. Und auch meine Beobachtungsgabe verschärfte sich in den letzten Monaten aufs Präziseste. Mein innerer Künstler führte mich unter anderem aus zum Schwimmen durch die eigene Seele, zum Spaziergang mit meiner Vergangenheit oder auch zum Sternenstudium in die Nationalbibliothek. Es waren Ausflüge, die mir neue Begegnungen ermöglichten – Begegnungen mit mir selbst.

Daneben steht jede der zwölf Wochen unter einem anderen Thema, aus dem sich jeweils eine Reihe weiterer Aufgabenstellungen ableiten lässt. Ich habe in den letzten Monaten alte Glaubenssätze gelöscht, Affirmationen aufgeschrieben, Collagen gebastelt, Göttergefäße für meine Sorgen aufgestellt, mir einen Sekretär gekauft, meinen Schreibtisch zum Schrein erhoben und – nach drei brach liegenden Jahren – endlich meinen Garten angelegt.

Alle Aufgaben im Detail zu beschreiben, dafür ist hier kein Platz. Doch zumindest will ich an dieser Stelle die Themen wiedergeben, die euch in den nächsten Wochen beschäftigen werden, wenn ihr euch auf die Reise einlasst:

Woche 1: Das Gefühl für Sicherheit wiedergewinnen

Woche 2: Das Gefühl für Identität wiederfinden

Woche 3: Das Gefühl von Macht wiedergewinnen

Woche 4: Das Gefühl für Integrität wiedergewinnen

Woche 5: Das Gefühl für die eigenen Möglichkeiten wiedergewinnen

Woche 6: Das Gefühl von Reichtum wiedergewinnen

Woche 7: Das Gefühl von Verbundenheit wiedergewinnen

Woche 8: Das Gefühl von Stärke wiedergewinnen

Woche 9: Das Mitgefühl wiedergewinnen

Woche 10: Das Gefühl für Selbstschutz wiedergewinnen

Woche 11: Das Gefühl für Autonomie wiedergewinnen

Woche 12: Das Gefühl von Vertrauen wiedergewinnen

Was der „Weg des Künstlers“ mit mir gemacht hat, entschlüsselte sich mir vor kurzem bei einem Erlebnis mitten auf der Straße: Als ich einen Laternenmast passierte, hatte ich plötzlich das dringende Bedürfnis, einen leichtfüßigen Schwung an ihm zu vollführen. Unbewusst griff ich nach dem Mast und wirbelte in einem Halbkreis um ihn herum. Als ich fertig war mit meinem akrobatischen Akt, dämmerte es mir: Das hatte ich zum letzten Mal mit zehn Jahren getan. Doch war es immer noch da. Es war immer noch da, in mir – das Bedürfnis zu fühlen, zu schmecken, zu riechen, zu atmen, zu leben und leicht zu sein. Das Bedürfnis, immer noch neugierig zu sein. Das Bedürfnis, immer noch Kind zu sein.

 

No matter what your age or your life path… It ist not too late or too egoistical or too selfish or too silly to work on your creativity.

Julia Cameron

PS: Vor kurzem habe ich meine Gedanken zur Selbstfindung auf einer Transformation Journey nach Marrakech vertieft. Mehr dazu folgt in Kürze auf meinem Blog. Dranbleiben lohnt sich.

Danke an Eva von Placevaventura für einen wundervollen Wandertag und noch wundervollere Fotos.

No comments

— Be the first to comment! —

Schreibe einen Kommentar

© 2018 Phoetry by Rafaela Carmen Scharf. All rights reserved. Impressum