Bücherprunk

Dezember 7, 2016 / 7 — 9min read / No Comments

100.000 Gründe um ins Kloster zu gehen hat mir die Barockbibliothek im Stift Melk geliefert.

 

An manchen, den tristen Tagen, fällt es einem schwer einen Blick auf die Sonnenszenen am Himmel zu erhaschen. Diese Wintertage des Lebens sind wie die Jahreszeiten eine Laune der Natur, der Umstände, der Schicksalsschläge und Stoßgeber. Anders als der Jahreskreis, sind wir aber nicht einmal Frühling, Sommer, Herbst und Winter, sondern immerwährend alle Jahreszeiten gleichzeitig. Nur sind wir je nach Windrichtung und Wetterlaune einmal eher kalter Jänner, aufkeimender Märztag, losgelöster Juli oder weinender Oktoberschmerz. Und wenn man es genau nimmt, sind wir sowieso ganzjährig April.

Von wechselhafter Atmosphäre bleibe auch ich nicht verschont. Für den Wetterumschwung bin ich aber selten selbst verantwortlich. Erst kürzlich zum Beispiel hat mir jemand den Novemberwind eiskalt in die Brust geblasen. Zugegeben, auf die Launen der Natur haben wir keinen Einfluss. Sehr wohl können wir aber entscheiden, wie wir dem Wetter begegnen. Und anstatt mich dem Eiswind nackt auszuliefern, habe ich mich fest in meine dickste Daunenjacke gepackt, versucht mich warmzuhalten und dann den einzigen Weg genommen, den man bei einem plötzlich einsetzenden Unwetter eben nehmen kann: den Weg ins Kloster.

stift-melk

 

Klosterfrau Ich?

Ein enthaltsames Leben führen, der Versuchung widerstehen, der Frömmigkeit frönen und endlich die Fantasie maßregeln, die in den meisten Fällen der Sündenbock meiner ganzen Misere ist – die Stille und der Gleichgang des Klosters übten geradezu magnetische Anziehungskraft auf mich aus. Immerhin musste ich dringend meine Gedankenströme polen, den Kopf frei kriegen und den Geist auslüften. Welcher Ort wäre dafür wohl geeigneter als ein Kloster? Der Ort, wo die Konzentration gebündelt auf einer Sache liegt? Der eine Platz auf Erden, wo man die einzige ernsthafte, irdische Beziehung mit einem Buch führt? Einer Beziehung, in der maximal ein Blatt Papier, nicht aber das Herz, von Wurmbefall zerfressen wird?

bibliothek-im-stift-melk

Dem Drang nach Alltagsflucht nachgebend machte ich mich also auf ins Stift Melk, einem wunderschönen Benediktinerkloster in der wunderschönen Wachau. Warum es ausgerechnet der Barockpalast an der Donau und kein näher gelegenes Kloster sein musste? Die Antwort ist naheliegend, beherbergt der mehr als tausend Jahre alte Gelbstich in der bunten Kulturlandschaft doch eine der imposantesten Bibliotheken überhaupt. Architekturhistoriker Dr. James Campbell listet die Stiftsbibliothek in seinem Bildband „The Libraryneben Buchprunksälen wie jenen im Stift Admont oder in Oxford sogar als eine der spektakulärsten der Welt – und der muss es wissen, klapperte der Architekturhistoriker für sein Sammelwerk immerhin nicht weniger als 80 Bibliotheken in 20 Ländern dieser Welt ab.

bibliothek-stift-melk

Anbetungswürdig! Ein Klostergang durch Stift Melk

Und kaum stand ich vor den Pforten des an die 1.000 Jahre alten Klosters, um den alten Gemäuern angemessene Anerkennung zeigen und mir den Hals bei der himmelsgerichteten Suche nach dem höchsten Kirchturmpunkt zu verrenken, fühlte auch ich mich von der Bewunderung um die Barockpracht ergriffen. Das Benediktinerkloster behauptet sich mit wirscher Opulenz auf dem ihm angestammten, erhabenen Hügelplatz mit Blick auf Melk. Und wissend um die literarischen Kronjuwelen, die sich im Gebäudeinneren geschickt vorm schürfenden, entweihenden Blick jedes neugierigen Publikums versteckt halten, konnte ich kaum noch an mich halten, ehe ich die Hallen, in denen schon tausende, und abertausende, viel bedeutungsvollere als die meinen Schritte gehallt hatten, betrat.

Ora et labora. Et lege.

Bei einer privaten Führung vorbei an Rundbögen und Fenstergalerien, unter Deckenstuck und über Wendeltreppen sowie quer durch ehrwürdige Ruhmeshallen der Geisteswissenschaft, erfuhr ich vieles von der Geschichte des Klosters aus erster Hand. Doch vieles geriet in Vergessenheit und wird bis heute von der Erinnerung an jenen Moment überlagert, in dem sich der Schlüssel am Türschloss vor der Bibliothek knarzend im Gewinde drehte, um kurz darauf der Blick auf den großen Bibliothekssaal des Stifts preiszugeben. Ein Raum, eine Schatzkammer der Bücher, die gerahmt von Glas und Gold und Kunstgewölbe den unbestreitbaren, unerreichten Wert von beschriebenem Papier bezeugt. Millionen von Seiten, auf denen noch lebhaft der Geist von längst vergangenen Körpern klebt, gelingt hier in der Stille eine stumme Nacherzählung der Welt.

stiftsbibliothek-melk

spektakulaere-bibliotheken

deckenfresko-paul-troger

phoetry-ausfluege

Damit auch ihr einen ungefähren Eindruck von der Bibliothek bekommt, ohne Gefahr zu laufen, euch erst in einem Lesemarathon durch meine literarische Lobeshymne beweisen zu müssen, habe ich meinen Wissensfundus kompakt für euch zusammengefasst. Ich verrate euch zehn Fakten über die Stiftsbibliothek, die ihr noch nicht wusstet, oder von denen ich zumindest behaupte, dass ihr sie noch nicht wusstet, damit ihr bis zum Ende lest:

 

  • Die Bibliothek, so auch die Stiftsbibliothek in Melk, ist nach der Kirche die zweitwichtigste Räumlichkeit in einem Benediktinerkloster.
  • Nicht nur einen, nämlich den großen, sondern ganze zwölf Räume umfasst die Bibliothek des Klosters. Für die Öffentlichkeit sind nur kleiner und großer Bibliothekssaal zugänglich. Die anderen Schatzkammern sind der Wissenschaft und nicht zuletzt den Mönchen vorbehalten. Mönch müsste man sein.
  • Insgesamt sind es sage und schreibe etwa 100.000 Bücher, die sich gebunden in Rindsleder mit Goldprägung in der Bibliothek bis zur Decke stapeln, allein 1.888 davon sind Handschriften.
  • Die Bibliothek rühmte sich einst des Besitzes eines Erstdrucks der Gutenberg Bibel, die aufgrund von Geldmangel aber 1926 verkauft werden musste.
  • Im großen Bibliothekssaal befinden sich etwa 16.000 Bücher, die nach Themengebieten aufgeteilt sind und sowohl Bibeln als auch Werke zu Theologie, Jurisprudenz, Erd- und Himmelskunde, Geschichte und Lexika umfassen.
  • Über dem großen Bibliothekssaal wölbt sich ein Fresko, das im Jahr 1731 von Barockkünstler Paul Troger in Anlehnung an die Wissenschaft auf die Decke gepinselt wurde. Das Bildnis zeigt eine Allegorie, mit der Theologie in Frauenfigur in der Mitte, umgarnt von den vier ansehnlichen Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung. Und auch Licht und Schatten spielen in Trogers Gemälden immerzu eine Rolle, kann doch seiner Meinung nach das Helle nie ohne das Dunkle sein. Gefällt mir.
  • Keinesfalls dienen die Bücher der Bibliothek der reinen Zurschaustellung. Auch heute noch stehen sie der Wissenschaft, unter anderem der Universität Wien, die eine nunmehr als 650 Jahre währende Geschichte mit dem Stift verbindet, zum Wissenstransfer zur Verfügung. Unter anderem kann in zu diesem Zweck eigenen, im Stift institutionalisierten Leseräumen in den uralten Wissenschaftsahnen geblättert werden.
  • Viele der Bücher wirken auch nach den Jahrhunderten noch so kostbar, so grandios unversehrt, dass manch ein Besucher von Fälschungen munkelt. So falsch liegen die Skeptiker mit ihren Mutmaßungen gar nicht. Tatsächlich befinden sich in der Galerie des großen Bibliotheksaals, genau zwischen Deckenmalerei und Buchregal einige Attrappen, deren einziger Zweck darin besteht, eine unansehnliche Lücke ansehnlich auszufüllen. Doch selbst bei den Faksimiles hat man nichts dem Zufall überlassen, und jedes Stück mit einem eigenen Fantasietitel versehen.
  • Eines der Buchregale im kleinen Bibliothekssaal bildet die Form des Unendlichzeichens und spricht damit wohl Bände.
  • Die Glocken, insbesondere die große Glocke des Stifts, läuten äußerst selten und nur zu besonderen Anlässen in die Stille der Bibliothek. Letztere dafür mit Nachhall, verzeichnet sie doch ein Gewicht von nicht weniger als 7.840 Kilogramm.

 

kleiner-saal-melk

 

Bei all dem büchernen Reichtum fragt sich so manch einer vielleicht, wieso ich mich letzten Endes doch gegen ein Leben im Kloster entschieden habe. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar, ein Gedankenfragment meiner Entscheidungsfindung teile ich zum Ende dennoch mit euch:

Proargumente für ein Leben im Kloster:

  • Zugang zu einer Privatbibliothek mit 100.000 Büchern

 

Kontraargumente für ein Leben im Kloster oder Auszüge aus dem Regelwerk des Heiligen Benedikt:

  • Sich Genüssen nicht hingeben
  • Das Fasten lieben
  • Nicht schlafsüchtig sein
  • Buße bei Unpünktlichkeit tun
  • Die Schweigsamkeit dem Gelächter und reizendem Geschwätz vorziehen

 

Nichtsdestotrotz lege ich jedem Bibliothekspilger und Bücherfan einen Tagesausflug ins Stift Melk nahe. Wer Alltagsflucht und Zerstreuung sucht wird hier von Jänner bis Dezember zu jeder Jahreszeit fündig.

No comments

— Be the first to comment! —

Schreibe einen Kommentar

© 2019 Phoetry by Rafaela Carmen Scharf. All rights reserved. Impressum