PS: Ich liebe dich.

Dezember 23, 2016 / 9 — 12min read / 2 Comments

Kaum ein Geschenk ist so vielsagend wie eine Weihnachtskarte. Und nichts währt so ewig wie ein selbst geschriebener Brief. Wie man mit einem einzigen Blatt Papier mehr sagen kann als mit einem ganzen Buchregister.

 

Was schenkt man jemandem, der längst schon alles hat? Seit Wochen schon geistert mir diese Frage stur im Kopf herum und hemmt mich vor jedem noch so überzeugten Geschenkekauf. Überall suche ich, überall sehe ich und verwerfe dann doch wieder. Selten stand ich vor dem glanzvollsten aller Feste so unter Strom wie in diesem Jahr. Es kommt mir so vor, als nannten immer mehr Menschen in meinem Umfeld das Glück, oder auch Unglück – noch habe ich mich nicht entschieden – ihr Eigen, schon alles zu besitzen, was begehrenswert wäre. Und als wäre das für Präsentperfektionisten wie mich nicht schon schlimm genug, hat sich unter den meisten meiner Lebensmenschen auch schon all das angesammelt, was man wohl am besten mit dem Begriff „Güterkür“ umschreiben könnte. Beschränkte sich das Besitztum früher noch auf profane Bestückung, auf bodenständigsten Ausbau des Hausrats, so ist es mittlerweile zu einem Sammelsurium aus allem, was man haben muss plus noch mehr von dem, was man nicht haben muss, angewachsen. Der Krimskrams sammelt sich in den Schubladen, Schränken und Kommoden eines jeden Menschen, den ich kenne. Kerzen, Tassen, und selbst einst Exotisches wie wabernder Esoterikplunder stauen sich in den Nischen und Ecken, in denen sich scheu der Überfluss einmottet bis zur Unkenntlichkeit. Geständig mit uns selbst können wir oft selbst nicht mehr sagen, welche Gegenstände da eigentlich bei uns in den Kellern nisten, welche von ihnen klaglos vor sich hin stauben und welche von ihnen unbemerkt verwelken. Denn wie viel von diesem Plunder der Maßlosigkeit hielte einer Inventur des eigenen Lebens tatsächlich stand? Wie viel davon brauchen wir wirklich? Und wie viel lagert wohl in unseren Erkern, das wir längst vergessen haben, nur weil wir keine Zeit haben, um ihm die angemessene Wertschätzung entgegenzubringen?

 

„Nicht der ist arm, der wenig besitzt, sondern wer nach mehr strebt.“

Seneca

Zwischenbilanz eines Suchers und Sammlers

Doch anstatt uns zu begnügen, anstatt es einmal gut sein und mit dem Stauraum unseres Seelenhauses beim Überschaubaren zu belassen, dehnen wir ihn noch aus und lagern Klump und Plunder auch noch in Lagerhallen aus, wo traurig vor sich hin rottet, was einst vielleicht frohmütig ausgesucht wurde. Weil ich der Gefahr, Wertloses zu schenken, was eigentlich nicht wertlos ist, dieses Jahr unbedingt entgehen und stattdessen Wertvolles schenken wollte, bin ich in mich gegangen, und habe Gedanken und Kellergewinde ausgemistet. Unbedingt wollte ich wissen, welche von all den Geschenken, mit denen ich Glückskind in den letzten Jahren überhäuft wurde, mir wohl am meisten Freude beschert hatten. Ich warf die letzten Jahre wild durcheinander, schichtete Erinnerungen in Form von Filmen, Schneekugeln und Schatullen von Schmuck, der längst verloren gegangen ist, neben mir auf und versuchte vergeblich mich eines jeden Geschenkzustellers zu entsinnen. Schon verzweifelte ich an meiner eigenen Undankbarkeit, an meinem schäbigen Erinnerungsvermögen und ich schämte mich meiner eigenen Verschwendungssucht. Doch da fiel mir ein kleines, rosa Köfferchen aus Kindertagen in die Hände, in dem ich etwas fand, was mich sprachlos machte, obwohl es mir doch Sprache schenkte.

Was noch von Wert ist

Darin aufgestapelt lagen Karte um Karte, Brief um Brief, Botschaft um Botschaft, heikel durchgeschichtet die Liebesbriefe meines Lebens. Glückwunschkarten, Weihnachtsboten, so kostbar, so selten, wie sie nur sein können. Worte meiner Mutter klebten auf Karten, bei denen selbst das Druckmotiv mit Bedacht ausgewählt worden war. Manche hatten Schriftsteller zitiert, weil sie selbst um Worte verlegen waren. Andere wiederum erzählten in Schnörkelschrift von gemeinsamen Erinnerungen, und meißelten sie so Wort für Wort in die Ewigkeit ein. Einige Widmungen erzählten mehr über mich, als über ihren Verfasser. Stimmten in einem Jahr noch Schmäh und Selbstironie den Ton an, so versachteten sie im nächsten schon zu Hoffnungstönen und Stehaufmusik. Und schließlich, sorgfältig eingeklemmt zwischen all den anderen, Karten, geschrieben von meiner Oma, die nicht nur bezeugen, dass sie gelebt hat, sondern auch geliebt – mich zum Beispiel. Eine jede Karte eine so unglaubliche Kostbarkeit, dass sie in den Händen schwerer wiegt als Gold. Einige der Wörter hallten beim Lesen mit ihrer Stimme in meinen Ohren wieder, während bei anderen die Linienführung etwas von ihrem Wesen verriet. Linie für Linie, Schwung für Schwung, ein Sprenkelregen in meinem Herzen. Ich konnte gar nicht genug davon bekommen und kränkte mich, weil es trotz der Fülle an Schriftstücken viel zu wenige waren. Wenn jemand, den wir lieben, verschwindet, wird selbst sein Name auf einem Stück Papier zu einem unersetzlichen Teil von ihm. Verzweifelt versuchen wir an etwas festzuhalten, was weniger flüchtig ist als ein Gedankenfragment, genannt Erinnerung.

 

„Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean an Wille und Verstand.“

Blaise Pascal

 

Aus diesem Grund habe ich auch beschlossen, dieses Jahr einige Menschen mit persönlichen Briefen zu beschenken. Einerseits, weil auf einer Karte nicht ausreichend ausgedrückt werden kann, was ein Mensch wann und wie für einen selber ist. Andererseits, weil ich, wie dieser Blog untrüglich bekundet, unfähig bin mich kurz zu halten – weil keine gute Geschichte jemals auf einen Fetzen Papier gepasst hat.

Weil zur Weihnachtszeit ein Brief ebenso wie ein gewöhnlicher Nadelbaum nach einem festlichen Antlitz verlangt, habe ich für meine poetischen Boten ein paar Bögen Briefpapier besorgt. Nostalgisches, charaktervolles Papier habe ich in der Papeterie Miller in Mariahilf gefunden. Die Auswahl an Schreib- und Papierwaren in dem Geschäft ist erlesen, exzentrisch und doch traditionell. Und passend zu meiner Idee, Einzigartiges zu verschenken, beschreibt sich das Traditionsunternehmen mit dem Text: „Eine kleine Wunderwelt des Schreibens, des Schenkens und all der schönen Dinge, die man sich so sehr wünscht, aber nirgendwo mehr findet.“ Die Kuverts verpacken die Briefpost in klassischem Weihnachtsrot und waren im Set mit zehn Blättern Briefpapier praktischerweise gleich enthalten. Bei wem die Zeit so kurz vor Weihnachten schon drängt, tun es aber auch einige, gewöhnliche Blätter Papier. Was zählt ist die Nachricht, nicht ihr Medium. Oder habt ihr schon einmal ein Telegramm mit Zierzeile gesehen?

Große Worte für noch größere Menschen? Meine Tipps fürs Briefeschreiben

Das Briefeschreiben selbst erweist sich natürlich als wesentlich schwieriger als der Kauf des Briefpapiers. Wo fängt man an, wenn man einem Menschen sagen will, was er einem im Wellengang des eigenen Wesens bedeutet? Und wo hört man auf, wenn es praktisch kein Ende gibt? Weil auch ich mir beim Schreiben manchmal sehr unsicher bin, überhaupt, wenn ich jemandem etwas wirklich Wichtiges sagen möchte, verrate ich euch meine vier weihnachtsgoldenen Regeln für eifriges Füllerkratzen am Briefpapier:

  1. Wenn ihr einem Menschen sagen wollt, was er euch bedeutet, dann vergreift euch nicht an Floskeln. Anfangs erscheinen sie als willkommene Wortstütze, doch in Wirklichkeit erschweren sie den Schreibprozess. Spätestens beim Versuch sie zu erklären wird es knifflig, weil sie aus einem anderen Kontext heraus entstanden sind und mit dem hiesigen nichts zu tun haben. Versucht stattdessen euch euren Briefempfänger genau vorzustellen und zu beschreiben, wie er ist, und wie ihr ihn wahrnehmt. Wie spricht die besagte Person? Wie klingt sie? Wie lebt sie? Wie sieht sie aus und woran erinnert euch Farbe ihrer Augen? Schreibt euren Brief für einen echten Menschen anstatt für eine Vorstellung davon und ihr könnt nur ins Tintenschwarze treffen.
  2. Helft euch mit Zitaten. Gerade Anfang und Ende eines Briefs können schwer zu gestalten sein. Doch sowohl für den Ein- als auch für den Ausklang erweisen sich Aphorismen als zuverlässige Sprecher. Ein Zitat in der Einleitung ist außerdem eine ertragreiche Inspirationsquelle. Adressaten mit Schreibblockade behelfen sich zum Beispiel, indem sie versuchen, die Beweggründe für ihr Einstiegszitat zu erklären. Auch ein in Bezug auf eine ganz bestimmte Person ausgewähltes Zitat besitzt Symbolcharakter und kann ein sehr ausdrucksstarkes Geschenk sein.
  3. Seid geduldig mit euch selbst. Manchmal sitzt man Stunden über einem leeren, weiß schreienden Blatt Papier, bevor man auch nur ein einziges Wort darauf kleckst. Abstand von dem stockenden Kreativitätsfluss nimmt man zum Beispiel mit einer ausgiebigen Pause. Aus dem Starren auf eine weiße Wand ist noch kein Genie schlau geworden. Die besten Ideen entstehen meistens in den Momenten, in denen man nicht mit ihnen rechnet – und überwältigen einen so sehr, dass die Ventile überlaufen und man gar nicht mehr anders kann als sie bis zum akuten Platzmangel aufzuschreiben.
  4. Habt Spaß an der Sache! Setzt euch beim Schreiben nicht unter Druck, sondern genießt das mentale Eintauchen ins Tintenfass. Kauft euch schöne Schreibwaren, Künstlerwerkzeug, Kalligraphiestifte und übt euch in der Kunst des Verzierens. Schmückt aus, schraffiert, verziert und bastelt ein weihnachtliches Gesamtkunstwerk aus euren Briefen. Leidenschaft wird definiert durch das Gefühl, das sie erzeugt, und nicht durch ihre Ausführung.

„Wer klug ist in der Liebe, verlangt nicht so sehr nach der Gabe des Liebenden wie nach der Liebe des Gebenden.“

Thomas von Kempen

Letzten Endes zählt weder Grammatik noch Rechtschreibung, noch Linienführung noch Stil. Kein Mensch hat jemals die selbst geschriebene, oder gezeichnete Karte eines Kindes verschmäht, nur weil sie nicht perfekt war. Was wirklich von Bedeutung ist, ist die Botschaft, die man mit einem selbst geschriebenen Brief entsendet. Man hat sich Zeit genommen, man hat sich ein Herz gefasst und man hat sein eigenes Leben einen ganzen, ausgedehnten Moment lang einem anderen Menschen gewidmet. Wenn man sich einer Sache so voll und ganz hingibt, kann eigentlich gar nichts mehr schief gehen.

„Die Liebe ist der beste Lehrer.“

Plinius der Jüngere

Und mit etwas Glück und Gnade der Zeit sprechen die Zeilen auf dem Briefpapier auch noch dann für einen, wenn die eigene Sprache längst verhallt ist.

In diesem Sinne möchte ich diesen Blog Beitrag, die unzähligen Bildpunkte auf eurem Bildschirm, euch widmen. Und wünsche euch frohe Weihnachten, viele, viele, Bücher unterm Christbaum und die Gabe, zu feiern, was ist, anstatt zu bedauern, was früher einmal war.

Frohe Feiertage euch und euren Lebensmenschen!

Eure Rafaela

2 Comments

  1. Sophie

    on Dezember 23, 2016 at 7:49 am

    Liebe Lilli,
    Sehr schön geschrieben!
    War wieder einmal ein Genuss :))

    Ein kleiner Fehler hat sich diesmal tatsächlich eingeschlichen :/ Und zwar im Abschnitt: Wie klingt sie? Wie lebt sie? Wie sieht sie aus und woran erinnert euch Farbe ihrer Augen? Schreibt euren Brief für einen echten Menschen anstatt für eine Vorstellung davon und ihr kannst (KÖNNT) nur ins Tintenschwarze treffen

    Sonst brillant!
    Man merkt, dass du deinen Gefühlen innerhalb dieses Mediums immer mehr freien Lauf lassen kannst 🙂
    Weiter so!
    Freue mich auf mehr^^

    • Phoetry

      on Dezember 23, 2016 at 12:58 pm

      Liebe Sophie,

      Vielen, vielen Dank!! Kenne kaum eine so aufmerksame Leserin wie dich und fühle mich daher sehr geehrt. :* Den Fehlerteufel habe ich gleich ausgemerzt. 😀 Tatsächlich musste ich den letzten Textblock noch einmal komplett überarbeiten, weil er in der Ursprungsform im Singular verfasst war. 😀 Da ich aber hoffentlich schon mehr als einen Leser habe, musste ich es abändern – und hab das letzte Wort dann glatt übersehen. 😀 Dafür habe ich aber Gott sei Dank so genaue Leser wie dich. Gemeinsam wird es immer besser. :*

      Ich wünsch dir frohe Weihnachten und dass es Geschenke für dich regnet!!

      Alles Liebe,
      Rafaela

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