Ankerpunkte

November 28, 2017 / 7 — 9min read / No Comments

Wenn im Leben Stürme wüten, übersieht man leicht die Lichtschecken am Himmel. Dann braucht es nicht nur Menschen, die die Wolken zur Seite schieben, sondern auch noch Menschen, die von solchen Geschichten singen: Menschen wie Julian Le Play.

{Press Play before Reading for Intense Poetry Mode On}

Den wenigen unter euch, die meinen Blog in konsequenter Regelmäßigkeit verfolgen, wird wohl nicht entgangen sein, wie unregelmäßig er ist. Die Seiten hier hüllen sich immer wieder in verhaltenes Stillschweigen, nur um dann plötzlich wieder in einen Schreibschwall, gefolgt von erneuter Verbalstarre zu münden. Elegant ausweichend könnte ich an dieser Stelle wohl behaupten, dass es sich bei dieser besonderen Form der Schreibfrequenz um ein sehr seltenes, rhetorisches Stilmittel handelt. Spannung und Entspannung für meine Leser als erfolgreiches Lockmittel zur Wiederkehr. Weil es aber – zum Leidwesen vieler meiner Mitmenschen – in meiner Natur liegt, bis zum unumkehrbaren Punkt der Unhöflichkeit ehrlich zu sein, behaupte ich das nicht und halte es stattdessen mit der Wahrheit: Ich habe keine Zeit. Zusätzlich zum regulären Pensum der Selbstständigkeit und dem damit verbundenen, schieren Kampf ums Überleben, plane ich nämlich auch noch ein Blogger Festival, das sich in so ziemlich allem, außer natürlich in Zurückhaltung, übt.

Ankerpunkte setzen

Dementsprechend eng ist der Zeithorizont geworden, in dem ich mich dem Schreiben, noch enger der, in dem ich mit dem Privatleben widmen kann. In einer Zeit wie dieser wird schnell klar, wie beständig oder unbeständig zwischenmenschliche Beziehungen sind. Manchen Menschen in meinem Leben fällt es leichter meine beschränkten Zeitressourcen zu akzeptieren als anderen. Einige akzeptieren es, andere nicht. Es steht mir nicht zu über letztere ein Urteil zu fällen. Gefühl und Verstand lassen sich eben schwer trennen, darum wusste schon Jane Austen. Diese Entscheidungen habe ich hinzunehmen. Doch, so paradox es anmuten mag, gerade in Zeiten des Verlustes gewinnt die Beständigkeit noch an Bedeutung: die Beständigkeit von Familie und Freundschaft, die über jede flüchtige Bekanntschaft erhaben ist.

Im letzten Jahr habe ich die Beziehung zu manchen Menschen intensiver erlebt als jemals zuvor – und das, obwohl ich die Menschen zu diesen Beziehungen gleichzeitig so selten gesehen habe wie nie zuvor. Doch es gibt ein Band, das fester bindet als das Prinzip der Zeit. Und dieses Band haben mich die wichtigsten Menschen in meinem Leben immer dann spüren lassen, wenn ich versucht war, mich völlig zu verlieren. Gespräche, Kurznachrichten, Gedankenaustausch oder auch das kostbarste aller Geschenkeeine Umarmung – wurden mir in Zeiten des Schwindels zum sicheren Halt. Manchmal fliegt die Zeit so schnell, vergehen die Tage so flüssig, dass in diesem ganzen Rinnsal aus Alltag die Konturen verschwinden. Irgendwie verliere ich die Verbindung und gehe verloren – wenn da nicht diese menschlichen Ankerpunkte wären, die mich erden, mit ihrer Vertrautheit.

Nur selten gibt es in diesem ganzen Lärm aus Leben noch Stimmen, die zu mir durchdringen können. Neben den vielen Stimmen meiner Familie, insbesondere die meiner Mutter, die meiner Schwester und meiner Nichte, sind es aber auch die meiner Freunde, die meines Freundes, sowie die eines ganz besonderen Sängers, die mich erreichen, wenn ich mich verflüchtigen will: die Stimme von Sänger und Songwriter Julian Le Play. Musik ist mir ebenso viel Poesie wie es mir Bücher sind. Deswegen sollen an dieser Stelle erstmals auch Liedertexte eine gesonderte Erwähnung auf meinem Blog finden. Besonderen Stellenwert lege ich neben der Harmonie auf die Textstärke einer Komposition. Und dem Anspruch Tiefsinn zu erzeugen, wird der österreichische Sänger wohl mehr als gerecht.

Die Philosophie stimmt

Interessanterweise war mein Verhältnis zu der Musik von Julian Le Play nicht von Anfang an so wohlgesonnen. Um ehrlich zu sein konnte ich mit einem seiner ersten Lieder, „Mr. Spielberg“, kaum etwas anfangen. Ich habe sogar das Radio leiser gedreht, sobald es gespielt wurde. Diese Tatsache wird hier zwangsläufig zum großen Geständnis, wenn man mich kennt, und weiß, wie viel mir seine Texte nicht nur heute bedeuten, sondern vor allem in den letzten Jahren bedeutet haben. Dabei meine ich nicht nur den Musenkuss, den mir seine Musik vermittelt hat und der zur Ursache für unzählige Gedichte geworden ist. Viel mehr noch meine ich damit die Texte, die mir in stummen Stunden des Unglücks zu einer Stimme der Zuversicht geworden sind.

Den Eingang in mein musisches Leben hat Julian Le Play übrigens nur gefunden, weil einer meiner Freunde auf Facebook ein Video zu seinem Lied „Philosoph“ auf seiner Seite geteilt hat. Ich war verwundert, dass ausgerechnet dieser literarisch versierte Freund ein Fan von Julian Le Play sein sollte und öffnete mich dem Video – und damit dem brachialen Einbruch eines Vorurteils. Denn was ich hören sollte, zeugte von Feinsinn für Philosophie und die großen Fragen des Lebens:

 

„Da draußen knallt’s, dann knallt bei uns der Schampus und alles ist okay.
Ich hab die News jetzt abgedreht, ich will das alles nicht mehr sehen.
Noch ein paar Schluck und ich hab Schluckauf, wer denkt denn heute mal an mich?
Wenn ich so lese, was ich schreib, bin ich mir selbst ein Egoist.

(…)

Die Worte kommen näher, wie die Raketen in der Luft,
und ich schieß auf meine Fehler, bis alles Menschliche verpufft,
bis nichts mehr übrig ist, was man verletzen kann,
ich dreh die News ab, weil das Leid mich nicht entsetzen kann.“

 

Ich konnte mich mit jeder einzelnen Textzeile identifizieren und wie das eben so ist, wenn ich mich in Zeilen wiederfinde, werde ich süchtig nach ihrer Lektüre. Es dauerte nicht lange und ich sollte jede Zeile des ersten Albums auswendig kennen. Jahre später würden mir Lieder wie „Versprich mir“ zur Hoffnungsode werden, als das Licht auf der großen Bühne meiner Oma für immer ausging. Nach ihrem Tod ließ ich mir einen Phönix unter die Haut stechen. Unter dem Hoffnungssymbol wurde der Name meiner Oma eingraviert, um dort in ewiger Erinnerung wie ein Schriftzug aus Licht durch meine Haut zu leuchten: Eva. Irgendwie hatte ich das Gefühl sie festhalten zu können, indem ich sie nicht nur in Form einer Erinnerung, sondern in Form eines Tintensatzes in mir trug. Kurz darauf lernte ich meinen heutigen Lebensmenschen kennen – einen Menschen, mit dem ich alle Schatten- und Lichtseiten meines Lebens teile und der mir inzwischen zu meinem persönlichen Leuchtfeuer geworden ist. Ihr Name ist übrigens Eva. Diese Begebenheit halte ich nicht für einen Zufall. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass kurze Zeit später das neue Album von Julian Le Play veröffentlicht wurde, darauf ein Titel mit dem besonderen Namen: Phönix. Inzwischen habe ich zu verstehen gelernt, dass es manchmal im Leben seltsame Parallelen gibt, die man maximal beobachten, aber nie ganz durchschauen kann. Doch dass sie eine besondere Bedeutung für mich haben, das kann ich nicht leugnen – und will ich auch nicht.

Heute sind mir die Lieder von Julian Le Play ebenso zum festen Ankerpunkt im Leben geworden wie die Menschen, an die ich denke, wenn ich Lieder wie, „Du bist mein Anker“, „Hand in Hand“ oder „In ein neues Land“ höre – auch wenn es sich bei letzteren um Menschen handelt, die nur noch als Bilder in meinen Fotoalben existieren. Weil auch diese Menschen wichtig sind und dadurch, dass sie in mir weiterleben, irgendwie noch wirklich sind. Der Musik, die dieser ganze Chor aus Menschen in meinem Leben erzeugt, möchte ich diesen speziellen Beitrag auf meinem Blog Phoetry widmen – einem Blog, der übrigens benannt ist nach einem Wortspiel, das sich ergibt, wenn man zwei ganz bestimmte Wörter zu einem einzelnen verkettet: Den Wörtern Poetry und Phoenix. Phoetry eben. 

In Erinnerung an meinen Anker, der immer da war, wenn Wellen und Sturm sich in mir verfangen haben: Oma. 


PS: Vor kurzem durfte ich Julian Le Play sogar persönlich kennenlernen und ein bisschen mit ihm plaudern. Meine Beweggründe für das persönliche Zusammentreffen und das Interview, das in diesem Rahmen entstanden ist, findet ihr hier.


Der Wandkalender von Julian Le Play ist übrigens hier erhältlich.

 

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